„Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen, falls du auf etwas Bestimmtes hinaus willst Mathéo!“ Schließlich mischte sich Anne in das Gespräch ein: „Wie auch immer, entschuldigen musst du dich jetzt schon Alice! Sebastian kam vorhin sogar nochmal zu mir um sich zu entschuldigen, dass er uns solche Unannehmlichkeiten bereitet hat. Er dachte er hätte eine Bestellung verwechselt. Es tat ihm sehr leid, dass er dir ausgerechnet an so einem Tag damit Ärger beschert hat, dabei hat er in Wahrheit alles richtig gemacht. Dazu kommt das er unser Lieblingsbäcker in der ganzen Region ist. Daher meine Süße, bring das bitte schnellst möglichst in Ordnung!“ Liebevoll und bestimmt, wie ihre Mutter schon in ihrer Kindheit mit ihr agiert hatte, antwortete sie fast punkgenau auf Alices Gedanken zuvor. Leicht irritiert über die Situation, sammelte sich diese sogleich und ergänzte: „Mhm, ich schreibe ihm eine E-Mail.“ Anne erwiderte: „Aber Liebchen, ihm gehört die Bäckerei im Nachbarort, in Étretat. Das habe ich dir doch erzählt, er hat sie dem vorherigen Besitzer vor einem Jahr abgekauft. Daher kennen wir ihn ja. Papa meint, er bäckt die besten Eclairs in ganz Frankreich.“ „Super Idee Maman, Alice kann uns morgen gleich Frühstück mitbringen. Für mich bitte zwei Croissants“, ergänzte Mathéo das Gespräch. „Na gut“, antwortete diese nachgebend. „Mir bleibt wohl nichts anderes übrig als hinzugehen.“ „Sei so lieb und nimm für mich noch ein paar Eclairs mit, aber bitte nur die mit der Zartbitterschokolade! Du weißt ja, ich schaue zurzeit ein bisschen auf meine Linie“, entgegnete ihr Bernard. „Sicher Papa, mach ich“, erwiderte sie schmunzelnd.
Ihrer Tante Madeleine hätte der ganze Abend sicherlich gefallen und über Alices kleinen Fast-Zusammenstoß hätte sie wahrscheinlich herzlich gelacht. Sie war immer eine fröhliche und spontane Person gewesen, für jeden Unsinn zu gewinnen. Traurig aber froh den Tag einigermaßen übergestanden zu haben, ging Alice hinauf in ihr früheres Zimmer. Dieses war mittlerweile zum gemütlichen, einfach gehaltenem Gästezimmer umfunktioniert worden. Ihre schon zuvor aufgekommene Müdigkeit überfiel sie sogleich, sodass sie rasch einschlief.
Am nächsten Tag erwachte Alice kurz vor sechs Uhr. Die Sonne schien an diesem Julimorgen bereits hell und der morgendliche Vogelgesang war in vollem Gange. Es sollte ein sonniger, warmer Tag werden. Sie liebte diese Zeit am frühen Morgen. In Paris war es um diese Uhrzeit zwar schon lauter als hier, es hatte gleichwohl auch diese träumerische Morgenstimmung die sich immer nur unmittelbar nach dem Sonnenaufgang abspielte. Sie entschied sich einen Spaziergang zu machen und dabei das Notwendige mit dem Nützlichen zu verbinden. Ihr war so gar nicht danach sich bei Sebastian zu entschuldigen, hatte sie ihm doch so unrecht getan und das war ihr unangenehm. Ihren Eltern und Mathéo hatte sie den Frühstückseinkauf jedoch schon zugesagt. Es führte daher kein Weg an einem Gespräch vorbei. Ihr Plan war es zwischen der Bestellung von vier Croissants, zwei Baguette und ein paar Schokoladen-Eclairs ein schnelles „Tut mir leid wegen gestern“ zu erwähnen. Damit war die Sache hoffentlich erledigt. Sie ging leise in das Badezimmer um sich ihr Gesicht zu waschen und Zähne zu putzen. Daraufhin schlich sie behutsam zurück in ihr Zimmer und schlüpfte in ihr knielanges pfirsichfarbenes Sommerkleid. Sie nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg. Im Stiegenhaus bewegte sie sich sachte um ihre Eltern und ihren Bruder die allesamt noch schliefen nicht zu wecken. Ihre Einkaufsliste in Gedanken nochmal durchgehend, zog sie ihre Sandalen an, schloss die Haustür hinter sich leise zu und ging hinaus in die frische Morgenluft durch den Garten zum Tor. Offenbar hatte es in der Nacht erneut geregnet. Kurz bevor sie aufgewacht war, musste es jedoch wieder aufgehört haben, denn der Steinweg der zum Gartentor führte war noch nass. Überall duftete es intensiv nach Wiesen und Blumen. Sie spazierte die Straße entlang, spürte die kühle Luft, den leichten Wind an ihrer samtweichen Haut und erfreute sich trotz ihrer Trauer an dieser friedlichen Morgenstimmung. Kurz vor der Bäckerei angekommen, blieb sie stehen um inne zu halten, um sich den perfekten Satz zu überlegen mit dem sie ihren Einkauf und die Entschuldigung so geschickt wie möglich hinter sich bringen konnte. Er hatte sie abgelenkt. Seine Erscheinung, seine grünen Augen, sein schwarzes gelocktes kurzes Haar – einfach alles an ihm hatte ihr gefallen. Der Zeitpunkt hätte allerdings nicht ungünstiger sein können. In jedem Fall wollte sie sich jetzt nichts anmerken lassen. Während sie auf dem Gehsteig stand und überlegte, bog Sebastian unerwartet um die Ecke konnte gerade noch, knapp vor ihr stehen bleiben. „Oh hallo, schön Sie wieder zu sehen!“ Überrascht und irritiert von seinem plötzlichen Auftauchen, dieser liebevollen Begrüßung und seinem anziehenden Lächeln noch bevor der perfekte Satz zusammengestellt war, entgegnete sie ihm: „Guten Morgen, zu Ihnen wollte ich.“ „Das freut mich, wollen Sie auf einen Kaffee hereinkommen? Ich warte momentan noch auf das Gebäck im Backofen und habe daher ein bisschen Zeit und eine große fertige Kanne Kaffee.“ „Achso nein danke, ich möchte nur eine Kleinigkeit für das Frühstück einkaufen.“ „Gerne, kommen Sie herein und sehen sich alles an“, antwortete er ihr freundlich. Er schien keineswegs gekränkt über ihre Absage oder die Austerngeschichte von gestern zu sein. So ein Verhalten war ihr relativ neu bei Männern und irritierte sie. „Ich nehme vier Croissant, zwei Baguette und vier Eclair mit dunkler Schokolade und ich möchte mich wegen gestern entschuldigen.“ „Kein Problem, Sie hatten sicherlich einen sehr intensiven Tag, da kann ich Ihre Reaktion schon nachvollziehen. Ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an.“ Erleichtert über seine Worte kam ihr ein Lächeln ins Gesicht, welches ihn sofort verzauberte. Behutsam legte er Baguette, Croissants und obenauf die Eclairs in eine Stofftasche und überreichte sie ihr. „Hier bitte, Ihr Einkauf.“ „Danke.“ Sie nahm die Tasche mit dem Logo der Bäckerei entgegen und streifte dabei unabsichtlich seine Finger. Dabei spürte sie eine magische Anziehungskraft in dieser Berührung. Wie vom Blitz getroffen, schlossen beide für einen Moment die Augen. Alice hätte diesen Augenblick gerne festgehalten und ihm ging es nicht anders. Berauscht von dieser intensiv erlebten Berührung öffnete sie die Augen und konnte dabei seine ebenfalls wieder aufgehenden Augen erhaschen. Irritiert von dieser Situation nahm sie rasch einen Zwanziger aus der Tasche, legte ihn auf die Ablage und verabschiedete sich mit fast schüchterner Stimme. „Merci, au revoir.“ „Au revoir.“ Dieses Erlebnis, wenn man es überhaupt so nennen konnte, hatte sie deutlich verwirrt.
Nach dem gemeinsamen Familienfrühstück machte sie sich abfahrbereit. Auf der Autofahrt versuchte sie aussichtlos nicht an den Moment in der Bäckerei zu denken. Ihre Erinnerung brachte sie jedoch immer wieder dorthin zurück. Dieses Erlebnis war magisch und verwirrend zugleich gewesen. Darüber musste einfach nachgedacht werden. In Paris angekommen, fuhr sie auf direktem Wege zu Chic et Modern und schaffte es schlussendlich zumindest bis zum Abend ihre Gedanken über Sebastian beiseite zu legen. Ein spannender Auftrag inmitten der Innenstadt, genauer gesagt im angesagten Viertel Le Marais stand bevor, und den wollte sie! Knappe 100m² inklusive einer absoluten Angeber-Dachterrasse gab es zu gestalten. Es sollte das neue In-Lokal für die junge High Society von Paris werden! Mit diesem Auftrag wäre ihr Name endlich eine Größe in der Branche! Jeder würde sie kennen und vor allem ihre Arbeit schätzen! Sie wollte es in der Welt der Innendesigner schaffen, ganz nach oben kommen, ihre Vorstellungen in die Realität umgesetzt sehen. Nach einer Weile eilte Emilie stürmisch in ihr Büro. „Alice schön, dass du wieder da bist!“ „Danke, ich freue mich auch wieder hier zu sein, es war ein heftiges Wochenende für mich.“ „Lief alles soweit gut?“ „Ja, an und für sich schon, es gab nur eine irritierende Begegnung aber ansonsten war alles in Ordnung. Ich glaube die Feier hätte Tante Madeleine gut gefallen.“ „Da bin ich mir sehr sicher! Gehen wir in der Pause zu Pauls?“ „Ja gerne!“ „Jetzt muss ich dich leider wegschicken, Edgar hat bereits zweimal nach dir gefragt, es klang wichtig! Ich bin mal gespannt ob der neue Auftrag nun endlich an dich geht, du hast es sowas von verdient!“ „Danke Emilie, ich mache mich gleich auf den Weg. Wie sehen uns nachher.“ „Ja, bis später Alice.“ Edgars Sekretärin war glücklicherweise auch Alices beste Freundin. Das war ein weiterer Grund ihren Arbeitsplatz zu lieben. Mit Edgar verband sie ein freundschaftliches und kollegiales Verhältnis. Er war ihr immer mehr wie ein guter Freund als ihr Chef vorgekommen. Er liebte ihre kreativen Ideen und sie liebte diese Firma. Ihre Kollegen waren mehrheitlich Männer und sie verstand sich gut mit ihnen. Besonders mit Frank, mit dem sie die meisten Aufträge plante und durchführte. Gerne hätte sie auch den Innenstadtlokal-Auftrag mit ihm erarbeitet. Edgar war jedoch ausdrücklich auf der Suche nach einem Designer um ein persönliches Stilzeichen zu setzen. Zumindest waren das seine Worte gewesen, mit denen er kurz vor ihrer Abreise zur Beerdigung, allen Mitarbeitern von dem neuen Auftrag erzählt hatte. Morgen würde er seine Entscheidung verkünden. Dass er sie heute schon in sein Büro bat, konnte nur Gutes verheißen. Wahrscheinlich wollte er ihr die tollen Nachrichten als Erste mitteilen, damit sie bereits einen Tag früher mit der Arbeit beginnen konnte. Wie genial und vorausschauend er doch zugleich war, dachte sie. Sie ging schnellen Schrittes in sein Büro in den fünften Liftstock des Hauses 232 an der Rue de St. Honoré.
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