„Wir sind für heute Nacht eingeteilt und werden nach Leverkusen geschickt. Dolores, denk daran, dass wir die Kiste für die vielen Wunschzettel der Kinder mitnehmen müssen. Wir treffen uns um Mitternacht im Wunschraum, holen dort die Kiste, auf der „Leverkusen“ steht und werden zum Frühstück wieder zurück sein.“ Josefine hatte keine Ahnung, dass ein interessierter Zuhörer beinahe direkt neben ihr stand. Sie wäre wohl aus allen Wolken gefallen, wüsste sie, dass ausgerechnet Malin das Gespräch mit angehört hatte. Malin dagegen konnte noch gar nicht glauben, was sie da gerade erfahren hatte. Das musste Schicksal sein. Wie sonst könnte man so etwas nennen?
Das war DIE Gelegenheit, auf die Erde zu reisen. Dass sie keine Ahnung hatte, wie man wieder unbemerkt zurückkehrte, störte sie nicht. Darüber dachte Malin gar nicht nach. Wichtig war ihr nur eines: Sie hatte eine Möglichkeit gefunden, auf die Erde zu gelangen. Das, was sie bisher nur aus weiter Ferne von ihrem Fenster aus erahnen konnte, würde sie aus nächster Nähe erleben können.
„Malin? Was ist denn mit dir los? Du bist ja ganz aufgeregt!“ Adalie war mittlerweile in einem (noch) sauberen Kleid zurückgekehrt und stand nun vor ihrer Freundin.
„Du wirst nicht glauben, was ich gerade zufällig mitbekommen habe.“ Eigentlich wollte sie es für sich behalten. Die Befürchtung, dass Adalie ihr dieses Abenteuer ausreden könnte oder sie gar davon abhalten, hatte Malin schon. Aber, wenn sie es ihrer besten Freundin nicht erzählen würde, würde sie auf der Stelle platzen vor lauter Aufregung. Und so erzählte Malin Adalie auf dem Weg in den Speisesaal von ihrem Plan, sich in die Kiste für die Wunschzettel der Kinder aus Leverkusen zu schmuggeln und so auf die Erde zu reisen.
„Du bist ja verrückt!“, flüsterte Adalie. „Das geht nie gut! Wie soll das denn funktionieren? Wir bekommen einen Riesenärger, wenn wir erwischt werden. Abgesehen davon: Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, wie wir unbemerkt aus der Kiste und vor allem, wie wir wieder zurück nach Hause kommen sollen?“
„Wir? Wieso wir? Heißt das etwa, du willst mitkommen? Oh, Adalie!“ Malin juchzte vor Freude.
„Psst. Nicht so laut! Soll uns noch jemand hören?“
„Heißt das, du willst mitkommen?“, wiederholte Malin dieses Mal leiser.
„Ja, meinst du denn, ich lasse dich alleine auf die Erde? Wer weiß, was du da anstellst. Nein, da ist es doch besser, wenn ich dich begleite.“ Ohjemine! dachte sich Adalie. Auf was habe ich mich da nur eingelassen?
„Oh, Adalie! Du bist wirklich die beste Freundin, die man sich wünschen kann! Aber jetzt lass uns essen gehen. Ich habe einen Riesenhunger! Und kein Wort mehr. Nicht, dass uns noch jemand hört und uns den Spaß verdirbt.“ Malin machte sich gut gelaunt und hungrig auf den Weg zu Spaghetti mit Tomatensauce. Adalie, nicht ganz so begeistert wie ihre Freundin, folgte ihr aber nicht weniger hungrig. Sie stand dem Ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber: Einerseits war es schon aufregend aber andererseits hätte sie nichts dagegen, wenn jemand von ihrem Plan hören würde und ihn dann vereitelte. Dann konnte wenigstens nichts schief gehen und sie würden morgen gut aufgehoben in ihrer Backstube stehen und leckere Plätzchen backen und verzieren.
Jeden Abend um 21.30 Uhr ging bei den Engelchen das Licht aus. Nicht, dass sie dann sofort einschlafen. Nein, Nein. Sie schwatzten mindestens noch eine halbe Stunde, bevor sie dann letztendlich einschliefen und in selige Träume fielen.
Aber an diesem Abend konnten zwei der Engelchen aus der Backstube nicht schlafen. Sie waren viel zu aufgeregt. Und das aus zwei Gründen: der eine war natürlich, dass sie planen, sich heimlich auf die Erde zu schmuggeln. Der andere, dass sie Angst hatten, doch noch einzuschlafen und damit das Abenteuer zu verpassen. Adalie war hin- und hergerissen: Irgendwie reizte sie das Unbekannte, das sie erwarten würde. Sie bewunderte ihre Freundin für ihren Mut und ihre Abenteuerlust. Aber sie plagte auch ihr schlechtes Gewissen. Schließlich war es ihnen nicht erlaubt, schon auf die Erde zu reisen. Hach, das war aber auch wie verhext.
So lagen sie wach in ihren Betten und beobachten wie die Zeiger auf der Himmelsuhr Minute um Minute vorübertickten. Für kurze Zeit waren die beiden eingenickt, als Malin plötzlich die Augen wieder aufmachte und auf die Uhr guckte. Oh, Schreck!, dachte sie kurz und hüpfte leise aus dem Bett. Es war schon halb zwölf. Schnell schlich sie sich zu Adalie und wisperte: „Adalie, pssst. Schläfst du? Wir müssen los: Es ist schon halb zwölf.“
„Hmmm.“, brummte Adalie.
„Adalie! Wenn du nicht mit willst, gehe ich auch alleine.“
Das war das Stichwort. Nun war Adalie hellwach. Alleine? Das kam gar nicht in Frage. Das konnte nicht gut gehen, wenn Malin so eine Aktion alleine startete. Schnell und leise sprang Adalie aus ihrem Bett und schlich lautlos mit Malin aus dem Schlafsaal Richtung Wunschraum. Dieser war unverschlossen, so dass sie keine Probleme hatten, sich unbemerkt in der richtigen Kiste zu verstecken.
Die Wartezeit bis Mitternacht kam den beiden noch viel länger vor, als vom Schlafengehen bis halb zwölf. Sie versuchten, es sich in der überraschend geräumigen Kiste bequem zu machen – soweit dies ging ohne Kissen oder Decken – und warteten und warteten und warteten.
Nach einer gefühlten halben Ewigkeit hörten sie endlich ein Geräusch. Die Türe ging auf. „Klarissa, weißt du noch, welche Kiste wir mitnehmen sollen? Wie hieß denn diese Stadt noch? Ah, ich weiß! Es war Lissabon. Da hinten steht sie auch schon!“
WAS! Lissabon?? Das kann nicht sein!! Malin durchzuckte es vor lauter Schreck. Beinahe hätte sie sich den Kopf angestoßen. Auch Adalie saß mit Schreck geweiteten Augen neben Malin. Konnte ihre Freundin sich so verhört haben? Saßen sie etwa in der falschen Kiste?
„Nein, Klarissa. Ich meine nicht, dass es Lissabon war. Lissabon liegt in Portugal und wir sind doch für Deutschland zuständig. Es muss eine andere Kiste sein.“
„Ich weiß nicht. Bist du sicher, dass Lissabon nicht in Deutschland liegt?“ Klarissa zögerte. Sie hatte in Erdkunde nicht besonders gut aufgepasst.
„Hallo, ihr zwei! Was gibt es für ein Problem?“ Josefine hatte gerade den Raum betreten. Klarissa und Dolores wechselten einen kurzen Blick. Sie wollten natürlich nicht zugeben, dass sie vergessen hatten, welche Kiste sie mitnehmen sollten. Josefine bemerkte ihr Unbehagen nicht. Sie ist ein Engel der Tat und wollte pünktlich los, damit sie auch zum Frühstück wieder zurück waren.
„Ah, da habt ihr die Kiste für die Wunschzettel der Kinder aus Leverkusen ja schon herausgesucht. Auf geht‘s, sonst werden wir nicht rechtzeitig fertig.“
Die Erleichterung von vier Engeln war beinahe greifbar. Malins und Adalies Herzschlag normalisierte sich langsam wieder und Dolores und Klarissa waren sichtlich erleichtert, dass es Josefine nicht aufgefallen war, dass sie beinahe die falsche Kiste mitgenommen hätten. Das wäre am Heiligabend ein Durcheinander bei den Geschenken geworden!
Malin und Adalie spürten einen kurzen Ruck, als die Kiste sich wie schwerelos vom Boden abhob und sich aus dem Raum bewegte. Gespannt saßen sie mit angehaltenem Atem in ihrem Versteck und versuchten zu ahnen, was mit ihnen passieren würde.
Es war kein Laut zu hören. Die Kiste schwebte sacht über dem Boden. Malin und Adalie spitzten ihre Ohren und strengten sich an etwas zu hören, was ihnen weiterhelfen könnte. Aber, nichts! Dolores, Klarissa und Josefine schwiegen und so war es den beiden blinden Passagieren unmöglich, auch nur ansatzweise auszumachen, wie sie denn nun auf die Erde gelangten, geschweige denn, wo sie sich überhaupt jetzt genau aufhielten. Malin wurde es nun doch unheimlich. So ganz ohne Hinweise in einer dunklen Kiste zu sitzen, zwar nicht alleine, sondern glücklicherweise mit ihrer besten Freundin, war nicht so spaßig, wie sie es sich vorgestellt hatte. In ihr regten sich Zweifel, ob sie das Richtige getan hatte.
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