Samwinn und Finntam sahen sich an. Sie kommt mit, dachten sie erleichtert. Wir haben sie doch noch überzeugt.
„Du bekommst in Smethama alles, was du benötigst“, erwiderte Samwinn. „Deine übliche Kleidung würde dir bei unserem Vorhaben sowieso nichts nützen. Und was du außerdem noch brauchst, das besorgen wir.“
„Unserem Vorhaben? Werdet ihr mir helfen und mich begleiten?“, fragte Ariella überrascht.
„Ja, aber nicht nur wir“, erwiderte Samwinn geheimnisvoll wie ein Orakel.
„Sehr unterschiedliche Lebewesen werden dir zur Seite stehen“, mischte sich Finntam ein, der bislang still zugehört hatte. „Und viele nützliche Gegenstände wirst du erhalten“, fügte er hinzu.
Samwinn sah ihn warnend an, denn sie waren ermahnt worden, nichts zu verraten.
„Also gut“, erwiderte Ariella und überwand ihre Skepsis und ihre Befürchtungen. „Dann lasst uns gehen, denn in dieser Welt hält mich nichts mehr.“
Die Hohe Herrin Lisha’yinn starrte entsetzt auf die toten Füchse, die dichtgedrängt auf der von hohen Bäumen gesäumten Waldlichtung lagen.
Allein aus purer Grausamkeit und Mordgier waren sie mit einer Brutalität hingemetzelt worden, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb.
„Koktos, du gemeiner Schlächter! Verflucht sollst du sein bis ans Ende deiner Tage“, flüsterte die Elfen-Zauberin, wobei ihr schimmernde Tränen über die Wangen liefen.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, murmelte sie einen alten Zauberspruch, hob die schmalen Arme in Höhe des Kopfes und verharrte unbeweglich in dieser Stellung.
Doch klägliches Wimmern störte schon bald darauf ihre Konzentration. Sie senkte die Arme und sah sich um.
Was hatte sie gestört?
Sie lauschte und ließ sich von dem kläglichen Wimmern führen. Unter einem gewaltigen Baumstumpf wurde sie fündig.
Vier Augenpaare musterten sie ängstlich, als sie sich zu dem Fuchsbau hinunterbeugte.
„Keine Angst, meine Kleinen“, beruhigte Lisha’yinn die vier jungen Füchse. „Ich sorge dafür, dass euch nichts passiert. Aber zuerst einmal muss ich mich um eure Eltern und das Rudel kümmern.“
Sie versiegelte den Eingang mit einem Zauberspruch, um ihre Schutzbefohlenen am Fortlaufen zu hindern. Danach konzentrierte sie sich erneut auf ihren Zauber.
Als würde ein Trupp Bauarbeiter eine Grube ausheben, hob sich die Erde und stapelte sich um die immer größer werdende Gruft. Als der Vorgang abgeschlossen war, schwebten die Körper der toten Füchse sanft zu ihrem letzten Lager und versanken darin. Der Aushub folgte unmittelbar.
Nachdem alles plan und der Boden wieder eben war, ging die Zauberin zurück zu den Jungtieren, um sie durch einen Zauber an einen sicheren Ort zu bringen.
Nachdem alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Dorf, welches versteckt in einem fruchtbaren Tal lag. Über einen geheimen Weg, den nur sehr wenige kannten, gelangte man dorthin.
Lisha’yinn liebte ihre Ausflüge in den Wald. Hier fand sie die Kräuter, die sie für ihre Tees, Elixiere, Tinkturen, Essenzen und Heiltränke benötigte.
Sie summte leise vor sich hin, als das Vibrieren ihres Amuletts, dass sie an einer Kordel um den Hals trug, ihre Aufmerksamkeit forderte.
Sie hielt sich die handtellergroße Silberscheibe vor die Augen und las die Nachricht darin.
„Sie kommt!
Finntam und Samwinn haben mich wie stets nicht enttäuscht“, lobte sie erfreut. „Dann sollte ich mich aber wohl besser beeilen.“ Und nach diesen Worten verschwand die Zauberin so spurlos, als sei sie nie an diesem Ort gewesen.
Ariella starrte mit offenem Mund zu dem azurblauen Himmel empor. Aber es war nicht der Himmel, der sie staunen ließ, sondern die rote und die gelbe Sonne waren es, die ihr die Sprache verschlugen.
ZWEI SONNEN!
Jetzt glaubte sie es!
Sie war in einer anderen Welt, einer Parallelwelt gelandet! Und dabei war es so leicht gewesen! Sie hatte – außer einem leichten Schwindelgefühl und so etwas wie einem sanften Ziehen an ihrem Körper – kaum etwas von dem Übergang gemerkt.
Sie waren zu der Stelle zurückgekehrt, an der sie auf Finntam und Samwinn getroffen war. Da keine Besucher mehr zu sehen waren, beschlossen sie, den Übergang nach Smethama nicht länger hinauszuzögern, um noch bei Tage dort anzukommen.
Mit den beiden Halblingen an der Hand, war sie das Wagnis eingegangen. Ein schlichter, kupferfarbener, mit geheimnisvollen Runen verzierter Armreif den jeder der beiden Halblinge trug, hatte den Übergang ermöglicht.
Und das war also Smethama, die Parallelwelt, von der die Menschen auf dem Planeten Erde nichts ahnten.
Ariella löste fast widerstrebend den Blick von den beiden Sonnen und musterte erstmals ihre Umgebung.
Es gefiel ihr, was sie sah. Es gefiel ihr sogar außerordentlich gut!
Sie betrachtete den Rand des breiten Weges auf dem sie stand. Üppige Büsche, deren Laub unter den faustgroßen roten und weißen Blüten nur noch zu erahnen war, säumten einen Pfad, der über eine Wiese zu einem entfernten Wald führte.
Außer dem Gezwitscher eines Vogelschwarms, der sich auf und um einen schmalen Wasserlauf linker Hand von Ariella und den beiden Halblingen niedergelassen hatte, summten Bienen und Wespen, huschten und glitten unter den Büschen Mäuse, Schlangen und anderes Getier.
Ariella staunte über die grenzenlose Weite, als sie den Blick schweifen ließ.
Keine Menschen! Keine Bauten! Keine Fahrzeuge!
Kein Lärm störte die Ruhe und Schönheit der sich vor ihr ausbreitenden saftigen Wiesen.
Und dann diese Luft!
Ariella atmete diesen in der Menschenwelt kaum noch zu findenden Odem tief ein.
„Geht es dir gut, Ariella?“, fragte Samwinn, der neben ihr stand.
„Bei dieser herrlich sauberen Luft, welche die Sinne umschmeichelt, kann es einem ja nur gutgehen“, erwiderte Ariella lächelnd. „Aber vermutlich wird es auch auf Smethama nicht überall so friedlich sein, oder?“
„Einst war es fast überall so wie hier. Doch jetzt nicht mehr“, erwiderte Samwinn traurig. „Seitdem der Schattenfürst hier sein Unwesen treibt, hat sich manches auf Smethama zum Schlechteren gewandelt. Angehörige unterschiedlicher Völker verschwinden spurlos. Die Übergriffe ehemals friedlicher Bewohner Smethamas auf Nachbarn und Fremde häufen sich. Abtrünnige Mitbewohner stellen sich für versprochene Vorteile gegen ihr eigenes Land. Neid und Gier greifen immer stärker um sich.“
„Aber wehrt sich denn niemand dagegen?“, fragte Ariella verwundert.
Samwinns leuchtende Sternenaugen sahen sie traurig an. „Wir wehren uns so gut wir können. Doch obwohl wir wissen, dass der Schattenfürst schuld an der zunehmenden Unzufriedenheit und Bosheit ist, können wir ihn nicht wirklich bekämpfen, denn niemand auf Smethama kennt ihn oder hat ihn je gesehen. Aber wenn ihm nicht bald Einhalt geboten wird, könnte es schlimm für uns alle ausgehen“, sagte Samwinn niedergeschlagen.
„Alleine unsere Hohe Herrin, die große Elfen-Magierin Lisha’yinn, verfügt über die Macht, sich dem Bösen entgegenzustellen, doch wie lange noch? Sie alleine wacht mit Hilfe der Götter über alles Leben auf Smethama, und wir verehren und lieben sie dafür. Aber sie könnte dringend Hilfe und Unterstützung gebrauchen.“
„Aber wozu braucht eure Hohe Herrin mich?“, fragte Ariella verwundert. „Wenn eure Zauberin so mächtig ist wie du sagst, wieso kann dann nicht sie diese Prophezeiung erfüllen?“
„Weil sie nicht dafür bestimmt ist. Die Götter haben dich dafür bestimmt, und niemand kann daran etwas ändern“, erklärte Samwinn geduldig.
„Und ihr glaubt wirklich, ich alleine könnte mich dem Bösen in eurer Welt entgegenstellen? Ist diese Hoffnung nicht ein bisschen zu hoch gegriffen?“, fragte Ariella skeptisch. „Ich bin doch weder eine Kriegerin, noch besitze ich besondere Fähigkeiten.“
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