Und dann griffen auch noch die zwar angeschlagenen, jedoch immer noch kämpferischen Zwerge ein.
Auch Samwinn und Finntam blieben nicht untätig. Pfeil um Pfeil schickten sie in die Menge, sobald sie freies Schussfeld auf die Gegner hatten.
Und auch Ariellas Schwert verlor seine Unschuld und wurde in Blut getaucht. Sie war immer gerade dort, wo ein Zwerg hinterrücks attackiert wurde, um solches zu verhindern.
Doch auch dem Brummta Wandker rettete sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf, als ein Söldner ihm diesen hinterrücks abschlagen wollte.
Zuletzt stand sie Rücken an Rücken mit Sakon, um die letzten noch verbliebenen Feinde abzuwehren.
Als Sakon über einen Toten stürzte und Ariella sich plötzlich dreier Gegner erwehren musste, ragte plötzlich ein langer, kahler Kopf aus dem Boden. An dem großen silbernen Fleck unter dem rechten Auge erkannte sie, dass es Wandker war.
Als die drei Gegner mit erhobenen Schwertern vorwärts stürzten, richtete sich der Brummta so weit auf, dass er die Männer überragte. Sein Kopf stieß auf sie nieder, sein Maul öffnete sich und kurz hintereinander verschwanden zwei Schädel in der gewaltigen Öffnung.
Der dritte und letzte Angreifer stand wie erstarrt.
„Hau ab“, grollte Wandker.
Das löste die Starre. Der Mann warf sich herum und rannte davon, aber zu seinem Pech direkt in Sakons Schwert hinein.
Ariella sah sich um. Die Körper der Brummta waren zurück unter die Erde geschlüpft, nur ihre Köpfe ragten wie Fantasiegebilde zwischen den gefallenen Söldnern hervor.
Keiner der Söldner war mehr am Leben, im Gegensatz zu den Zwergen, die alle mehr oder weniger leicht verletzt überlebt hatten, dank der Hilfe der Riesenwürmer. Doch die Zwerge waren hart im Nehmen. Der Kampf war vorüber. Und nachdem sie getrunken und etwas gegessen hatten, fehlte nur noch etwas Schlaf, um die vorausgegangenen Strapazen zu überwinden.
„Du hast mir und etlichen meiner Gefährten das Leben gerettet“, sagte Sakon, der neben sie getreten war. „Ich danke dir, Ariella. Du hast eine Menge bei mir gut.“
„Sie hat gut gekämpft“, brummte Wandker. „Und mir hat sie auch das Leben gerettet. Du kannst von jetzt an jederzeit auf mich zählen, Ariella. Rufe mich mit dieser Flöte, falls du irgendwann Hilfe brauchst.“
Was für eine Flöte? Woher will er die nehmen? Und wie will er sie mir geben? Schließlich verfügt er nicht über Gliedmaßen!
„Das ist für dich, Ariella.“ Ein armähnliches Gebilde mit einer Hand daran, die eine winzige Flöte hielt, löste sich seitlich aus Wandkers rundem Körper. Nachdem Ariella die Flöte entgegengenommen hatte, verschwand der Arm zusammen mit der Hand wieder im Leib des Riesenwurms.
„Können das alle Brummta?“, fragte Ariella beeindruckt.
„Nein, nur das jeweilige Stammesoberhaupt“, erwiderte Wandker.
„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte Ariella.
„Wandker und sein Stamm räumen hier auf, und wir suchen uns ein Stück weiter einen Lagerplatz für den Rest der Nacht. Sobald der Morgen graut, machen sich meine Leute und ich auf den Weg zur Diamantenmine am Rande der Undara-Wüste “, erwiderte Sakon.
„Wieso? Wir haben deine Leute doch befreit“, entgegnete Ariella überrascht.
„Das schon. Aber sie haben während ihrer Gefangenschaft zufällig erfahren, dass dort in der Mine seit längerem Zwerge eines befreundeten Clans unter schrecklichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen und misshandelt werden. Wir befreien sie und bestrafen ihre Peiniger wie es sich für anständige Zwerge gehört“, erwiderte Sakon zornig.
Ariella sah ihre beiden Gefährten fragend an.
„Wir kommen mit und helfen euch“, sagte sie, nachdem die beiden Halblinge zustimmend genickt hatten.
„Wir können eure Hilfe gut gebrauchen“, erwiderte Sakon erfreut. „Und wenn das vorbei ist, bringen wir dich, Samwinn und Finntam zur Festung Finsterfels. Nach allem, was du für uns getan hast, denke ich, dass die beiden Herren der Festung ein offenes Ohr für dein Anliegen haben werden“, meinte er zuversichtlich.
„Das hoffe ich auch“, erwiderte Ariella.
Er hatte alles in der Hand! Seine langjährigen geheimen Planungen würden wie ein Blitz bei den Börsen und Banken einschlagen, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen war, und ihm einen Riesengewinn einbringen!
Der Schattenfürst lächelte zufrieden.
Er hatte es wahrlich weit gebracht. Seine Verbindungen reichten bis in die höchsten Kreise. Die wichtigsten Politiker hatte er bereits in der Hand, obwohl das manche von ihnen noch nicht einmal ahnten.
Seine kleine Armee von Spionen überwachte ständig die einflussreichsten Personen des Geldadels und der Politik rund um die Uhr. Er kannte deren Schwächen und Stärken, wusste alles über ihre Wünsche und Laster, wusste so viel über sie, dass es ihnen den Hals brechen würde, sollte es jemals an die Öffentlichkeit gelangen.
Er grinste höhnisch. Oh ja! Er hatte an alles gedacht. Hatte jeden der seine Pläne stören konnte, aus dem Weg räumen lassen.
Sein Verlangen nach unbegrenzter Macht würde gestillt werden, denn er hatte sie alle in der Tasche! Die meisten von ihnen hatten Leichen im Keller wie man so schön sagte.
Und er wusste von allen!
Sein Blick wanderte durch die raumhohen Panoramafenster seiner Villa über die Elbe, die sich wie ein Band unter ihm dahinzog und in der Ferne verlor. Aus dieser Sicht, hoch oben auf dem Süllberg in Hamburg Blankenese, war der Blick auf den vorbeifließenden Schiffsverkehr besonders eindrucksvoll.
Hier, in all dem Luxus, fühlte er sich wohl, obwohl er mit dem einfacheren Leben auch keine Probleme hatte. Er war wie ein menschliches Chamäleon. Niemand wusste etwas von den unterschiedlichen Leben, die er dank seines Anpassungs- und Verwandlungsgeschicks führte. Und dadurch, dass er sich stets im Hintergrund gehalten und andere vorgeschickt hatte, war ihm alles und noch viel mehr gelungen, als er früher jemals zu hoffen wagte.
Er würde unerkannt ganz oben thronen, würde über einen Strohmann die Geschicke von Millionen lenken und sie sich untertan machen. Denn für ihn gab es nur ein Gesetz!
SEINES!
Alles würde sich verändern, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Es war ihm bestimmt zu herrschen, verlieh sich sein stets präsenter Größenwahn mal wieder Gehör.
„Und wieso eigentlich nur mein Land?“, fragte er in die Stille des Raumes. „Warum meinen Einfluss, meine Macht nicht auch auf Smethama ausdehnen?
Eine ganze Welt für mich!
Eine Welt, aus der ich Reichtum ohne Ende ziehen kann! Wer weiß, was es dort noch alles zu fördern gibt. Die Diamantenmine ist ja erst der Anfang.“ Er starrte auf die verschwenderische, protzige Ausstattung des Raumes ohne den Luxus wirklich wahrzunehmen.
Wäre es von Vorteil für mich, diese Welt zu unterwerfen? Eine rückständige Welt, die unseren Waffen, unserer Technologie nichts entgegenzusetzen hätte? Es war sein Machthunger, seine Gier, die ihm diesen Gedanken eingaben.
Seltsam, wieso ich bislang noch nie an eine Eroberung Smethamas dachte. Ist es, weil ich diese Parallelwelt mit ihrer Magie und ihrer seltsamen Bevölkerung aus tiefstem Herzen verabscheue, sie lieber vernichten als erobern möchte?
Oder hat vielleicht dieser Magier seine Hände im Spiel? Sorgt er dafür, dass mir Smethama gleichgültig ist, dass ich keinen Gedanken daran verschwende, ihm also auch nicht gefährlich werden kann? loderte sein niemals ruhendes Misstrauen wie eine Flamme empor.
Er mochte diesen Magier nicht. Paktierte mit ihm nur der Mine wegen. „Am liebsten würde ich ihn mitsamt seiner Welt vernichten, wenn ich ihn nicht mehr brauche“, überlegte er laut. „Das sollte ich vielleicht auch tun“, murmelte er. „Dieser Magier weiß zu viel, viel zu viel! Wenn ich habe, was ich will, sollte sich vielleicht Koktos um ihn kümmern!“
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