Sie waren zwar zu Fuß gekommen, hatten jedoch offensichtlich damit gerechnet Beute zu machen, daher die Packpferde.
Pferde waren auf Smethama äußerst selten und sahen auch anders aus, mit ihren rötlichen Augen, dem breiten Kopf, dem höheren Widerrist und dem kürzeren Schwanz, als die auf der Erde.
„Ich rufe dann mal meinen Stamm“, sagte Wandker. Er hob den Kopf, riss sein Maul weit auf und … erstarrte.
Ariella und Finntam starrten ihn verständnislos an. Was machte der Brummta?
„Er ruft seinen Stamm. Nur können wir es nicht hören“, erklärte Sakon das für Ariella und Finntam seltsame Gebaren. „Die Töne sind so hoch, dass andere Lebewesen als die Brummta sie nicht hören können.“
„Ich verlasse euch jetzt. Mein Stamm wartet dort unten neben dem Lager auf mich. Wir sehen uns später, wenn deine Leute befreit sind“, sagte Wandker und verschwand so schnell im Erdboden, dass sie es kaum mitbekamen. Nur der vibrierende, sich wellende Boden und ein dunkles Brummen begleiteten den sich rasch entfernenden Riesenwurm.
„Jetzt sind wir dran“, sagte Samwinn unternehmungslustig und verschwand mit seinem Freund.
„Ich nehme die linke und du die rechte Seite“, schlug Sakon vor und schulterte seine Axt.
Ariella und Sakon schlichen, die geringe Deckung ausnutzend, den Hang hinunter. Unten angekommen trennten sie sich wie abgesprochen.
Die Söldner lagen in Decken gewickelt um das langsam erlöschende Feuer herum und schliefen. Sie hatten zwei Wachen aufgestellt, die sich an einen Baum gelehnt unterhielten.
„Was für Feinde soll es denn in dieser verdammten Einöde geben? Wir stehen uns hier doch völlig unnütz die Beine in den Bauch. Ich könnte weiß Gott nach diesem langen Marsch auch ‘ne Mütze Schlaf vertragen“, beklagte sich der eine Söldner gerade, als Ariella hinter ihm im Schatten stehenblieb um zuzuhören. Vielleicht erfuhr sie etwas Wichtiges.
„Was für ein Schwachsinn, diese seltsamen Zwerge zu bewachen“, erwiderte sein Kumpel. „Meinst du, das sind wirklich echte Zwerge wie aus den Geschichten?“
„Quatsch! Die gibt’s doch gar nicht. Das ist irgend so ein klein geratenes Volk. Die nennen sich wohl nur so.“
„Aber ich würde trotzdem gerne wissen, wo wir hier eigentlich sind.“
„Ach was, Gerd! Hauptsache die Kohle stimmt, alles andere ist für mich unwichtig.“
„Wenn du meinst, Fred. Es ist ungemütlich. Ich leg mal ein paar Holzscheite auf, bevor das Feuer noch ganz herunterbrennt“, sagte Gerd und bückte sich zu einem Holzhaufen hinunter. Nachdem er sein Vorhaben ausgeführt hatte, kehrte er zu seinem Freund zurück.
„Verdammt!“, murmelte Ariella, als die Flammen aufloderten und genau dort Helligkeit verbreiteten, wo sie stand. Sie machte einen Schritt zur Seite und trat dabei auf einen Ast, der knackend unter ihrem Stiefel zerbrach. Sie wünschte sich mit den Schatten zu verschmelzen, nicht mehr als Person erkennbar zu sein. Mit dem Schwert in der Hand wartete sie darauf entdeckt zu werden.
„Hast du das auch gehört?“, fragte Gerd und drehte sich um, genau in die Richtung, in der Ariella ungedeckt stand.
„Die Äste im Feuer haben geknackt. Da ist weiter nichts“, erwiderte Fred und starrte in dieselbe Richtung wie sein Freund.
Aber sie müssen mich doch sehen! dachte Ariella verwundert. Sie blickte an sich herunter.
Schatten! Sie war in Schatten gehüllt, war eins mit ihrer Umgebung und ihrer Magie, die sie ein weiteres Mal nicht in Stich gelassen hatte!
„Ich sehe langsam schon Gespenster“, murmelte der Söldner namens Gerd kopfschüttelnd. „Lass uns ein Stück gehen, bevor ich vielleicht noch Elfen und Drachen sehe“, schlug er grinsend vor. Lachend machten sich die beiden Söldner auf den Weg.
Das ist noch mal gutgegangen! Verborgen in den Schatten eilte Ariella hinüber zu den Zwergen, zwischen denen sie die beiden Halblinge entdeckte. Noch schliefen die Söldner und schnarchten vor sich hin.
Sie blickte zu Sakon hinüber, der nicht mehr weit entfernt von ihr und seinen Leuten war. Sie trat aus den Schatten und winkte ihm zu.
Bislang waren sie unentdeckt geblieben und so sollte es zumindest auch so lange bleiben, bis die gefangenen Zwerge bewaffnet waren. Aber anscheinend war das bisher noch nicht der Fall. Sie fragte sich, weshalb das so lange dauerte und beeilte sich, zu den Gefangenen zu kommen.
„Gut, dass du da bist!“, rief Samwinn, als sie zwischen den Bäumen auftauchte.
„Was ist los? Wo sind die Waffen? Weshalb habt ihr sie noch nicht verteilt?“, fragte Ariella ärgerlich.
„Sieh selbst“, erwiderte Samwinn und nahm ihre Hand. Er führte sie eilig zu den drei angepflockten Pferden, auf deren Rücken die Waffen verschnürt waren.
„Ja und?“, fragte Ariella verwundert.
„Sie sind sehr hoch“, murmelte der Halbling.
„Ja, ihr Widerrist ist ungewöhnlich hoch. Ich hätte wahrscheinlich Mühe in den Sattel zu kommen“, erwiderte Ariella. Sie blickte auf Samwinn hinunter.
Natürlich! Die Halblinge kamen nicht an die Waffen! Und die Zwerge befreiten sich gerade. Aber auch für sie würde es nicht einfach sein, unbemerkt an die Waffen zu gelangen.
Sie sah sich unruhig zu dem Lager um. Noch war alles ruhig, doch die Zeit drängte.
„Wo sind eigentlich die Brummta abgeblieben?“, fragte Finntam neben ihr.
„Sie mischen sich erst ein, sobald die Zwerge bewaffnet sind und damit fangen wir jetzt an.“ Sie zückte ihren Dolch, löste den ersten Packen damit, zog ihn herunter und legte ihn auf die Erde. Die beiden Halblinge bedienten sich und trugen die Waffen schnell hinüber zu den Zwergen, die nicht untätig geblieben waren.
Ariella befreite gerade die zwei anderen Packpferde von ihrer Last, als die beiden Halblinge mit einigen Zwergen zurückkamen. Sie hatten unter dem langen Marsch, dem Wasserentzug und den Misshandlungen deutlich gelitten. Doch ihr Zorn kompensierte fürs erste diese Schwächen.
„Wo ist Sakon?“, fragte sie.
„Bist du die Ariella von der die Halblinge sprachen?“, fragte einer der Zwerge. Und als sie nickte, zeigte er mit dem Daumen über seine Schulter, bevor er einen Stoß Waffen auf seine muskulösen Arme nahm. Schwankend eilte er zu seinen Gefährten.
Als Ariella in die angezeigte Richtung blickte sah sie Sakon, doch hinter ihm trat in diesem Moment einer der Wächter, der sich dort erleichtert hatte, hinter den Bäumen hervor.
Und der erkannte die Situation sehr schnell!
Sein Schwert flog geradezu in seine schwielige Hand. Grinsend hob er es mit beiden Händen über seinen Kopf, um den Zwerg in zwei Stücke zu spalten.
Und Sakon hatte ihn noch nicht bemerkt!
Ariella war zu weit entfernt, um die Tat zu verhindern. Sie hatte nur eine Wahl. Wie von selbst sprang das Messer in ihre Hand. Ohne lange zu zielen warf sie es und … traf.
Der Söldner griff sich an den Hals, in dem das Messer steckte. Sein Schwert rutschte aus seiner kraftlosen Hand. Stumm fiel er vornüber zu Boden.
Sakon konnte gerade noch zur Seite springen. Aber er begriff sehr schnell. Er sah zu Ariella hinüber und hob dankend die Hand.
Ariella nickte und griff gerade nach dem nächsten Stapel Waffen, als ein Warnschrei sie herumwirbeln ließ.
Es war der zweite Wächter, der ihn ausgestoßen hatte.
Die um die Feuerstellen lagernden Söldner sprangen auf und griffen zu den Waffen.
Da explodierte die Erde um sie herum!
DER BRUMMTA WANDKER UND SEIN STAMM GRIFFEN AN!
Verwirrt starrten die Söldner auf die Riesenwürmer, die sich behände und schnell aus dem Boden wanden. Einer der Söldner überwand seine Verblüffung und schlug mit einem gewaltigen Streich einem Brummta den Kopf ab.
Das hätte er besser nicht tun sollen! Weglaufen wäre wohl klüger gewesen! Denn jetzt kannte der Zorn der Riesenwürmer keine Grenzen mehr. Wie Geschosse katapultierten sie sich durch die Luft auf die Söldner zu, die nicht selten unter der Last zusammenbrachen und zwischen den scharfen Zähnen der Brummta ein schnelles Ende fanden.
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