„Dann ist es ja gut. Wenn unsere Zauberin sagt, dass wir diese Frau unbedingt zu ihr bringen müssen, weil nur sie unsere Welt vor dem Schlimmsten bewahren und retten kann, dann tun wir das ebenso wie wir alles andere tun, was die Hohe Herrin verlangt, denn sie beschützt uns und wacht über Smethama, unsere Heimat, wie dir ja bekannt sein dürfte. Wir brauchen diese Frau. Also warten wir hier so lange, bis sie kommt. Ist das jetzt klar?“
Finntam nickte beschämt.
„Fein. Dann sei ab jetzt gefälligst ein bisschen geduldiger. Ich fühle mich hier auch nicht besonders wohl, das kannst du mir glauben. Ich vermisse auch unser gemütliches Zuhause, sehne mich nach den sanften Wiesen und klaren Flüssen“, seufzte Samwinn. „Aber das lässt sich nun mal nicht ändern.“
„Ist ja schon gut, Samwinn. Ich habe es nicht böse gemeint“, murmelte Finntam. „Ich frage mich allerdings, ob uns die Menschenfrau überhaupt versteht?“
„Ich denke schon, jedenfalls hat die Herrin Lisha’yinn das gesagt.“
„Aber wieso? Hört sich denn die Menschensprache nicht anders an?“, wunderte sich Finntam.
„Sie sagt, die Menschensprache ähnelt unserer Sprache.“
„Aber wieso?!“
„Das weiß ich doch auch nicht, Finntam“, erwiderte Samwinn genervt. „Oder sehe ich aus wie ein Zauberer?“
Finntam schüttelte kichernd den Kopf. Dann holte er seinen letzten Apfel aus der Jackentasche und biss herzhaft hinein.
Ariella de Boer strich seufzend ihre langen dunklen Haare zurück, während sie lustlos auf dem Stück Toast herumkaute, welches immer mehr in ihrem Mund zu werden schien.
Es war ein schöner Tag!
Die Sonne schien strahlend vom wolkenlosen Himmel herab. Verliebte hielten sich an den Händen. Kinder spielten vergnügt.
Ja, der Tag war wirklich wunderschön!
Aber nicht für Ariella.
Für sie gab es keine schönen Tage mehr, seitdem ihr Mann Ingner und ihre erst vierjährige Tochter Inaella mit dem Auto tödlich verunglückten.
Das Leid fraß sie innerlich auf. Obwohl erst achtundzwanzig Jahre alt, fühlte sie sich wie eine sehr, sehr alte Frau, die ihr Leben gelebt und fast schon hinter sich hatte.
Schon wieder rannen Tränen aus ihren großen ultramarinblauen, mit goldenen Pünktchen gesprenkelten Augen. In glücklichen Tagen hatten diese goldenen Punkte ihre Augen wie kleine Sonnen erstrahlen lassen.
Doch das war seit drei Monaten vorbei.
„Was soll ich nur tun?“, flüsterte sie verzweifelt in die Stille und Leere des Raumes. „Wie soll, wie kann ich weiterleben?“
Aber weiterleben musste sie!
Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Schuldigen am Tod ihrer Lieben zu finden. Es war das Einzige, was sie aufrechterhielt. Seit dem schrecklichen Anschlag suchte sie nach den Mördern, doch bislang ohne jeden Erfolg.
Weinend starrte sie auf das Bild, das neben ihrem Teller lag. Ein Bild aus glücklichen Tagen.
Ein so schöner Tag war es gewesen, damals, zusammen mit Ingner und ihrer kleinen Tochter im Kunstzentrum Eichensee. Inaella hatte mit strahlenden Augen von den schönen Farben geschwärmt. In ihr ruht eine Künstlerin, hatten sie mehr als einmal gesagt.
Vorbei! Alles vorbei!
Das Unglaubliche passierte auf der Rückfahrt vom Kunstzentrum Eichensee. Sie sah es Nacht für Nacht in ihren Träumen, spürte die Hitze, hörte die Schreie.
Ein Mann in einer schwarzen Kutte stand bewegungslos am Waldrand, als warte er auf jemanden.
Heute wusste sie auf wen!
Als sie in ihrem Cabrio an ihm vorbeifuhren, hob er die Hand und schleuderte eine Feuerlohe auf den Rücksitz, auf dem ihre Tochter in ihrem Kindersitz mit ihrem Teddybär spielte.
Der Wagen geriet augenblicklich in Brand!
Ingner trat vor Schreck das Gaspedal bis zum Anschlag durch und verlor die Gewalt über das Fahrzeug.
Spring raus! schrie er, bevor der Wagen an einem dicken Baum zum Stillstand kam.
Sie sprang zwar nicht, wurde jedoch durch den Aufprall irgendwie herausgeschleudert. Bewusstlos blieb sie am Waldrand liegen.
Als sie wieder zu sich kam, brannte der Wagen lichterloh und strahlte eine solche Hitze aus, dass an Hilfe nicht zu denken war. Entsetzt floh sie in den Wald zwischen dichtes Gebüsch.
Für ihren Mann und ihre kleine Tochter konnte sie nichts mehr tun. Beide kamen in dem Höllenfeuer um.
Zusammengekrümmt wie ein Fötus lag sie auf dem Waldboden. Anfangs schluchzend, später wie erstarrt. Sie begriff nicht, was geschehen war; konnte nicht glauben, dass ein Mensch mit der Hand Feuerlanzen zu schleudern vermochte. In Fantasy-Geschichten mochte das möglich sein, aber doch nicht in der Realität!
Sie lag da wie gelähmt, spürte weder Schmerz noch Trauer. Diese Gefühle würden sich erst später einstellen, dann, wenn sie die Tragweite des Geschehens wirklich begriff.
Doch etwas drang durch ihre momentane Betäubung zu ihr durch. Der Gedanke, dass dieser Unfall – wenn man es denn so nennen wollte – vielleicht gar kein Unfall, sondern ein gezielter Anschlag war!
Sie hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da flog der Wagen unter gewaltigem Getöse in die Luft. Brennende Gegenstände und glühende Metallteile sausten durch die Gegend, drohten sie zu verletzen.
Hastig verkroch sie sich tiefer im Gebüsch.
Nach einer Weile, sie wollte gerade ihr Versteck verlassen, gewahrte sie den Mann in der schwarzen Kutte. Er stand regungslos vor dem brennenden Wagen und starrte ihn an. Die noch immer gewaltige Hitzeabstrahlung schien ihm nichts auszumachen.
Plötzlich warf er den Kopf in den Nacken und lachte, lachte so schrill, so grässlich, so böse, dass es ihr kalt den Rücken runterlief.
Sie zitterte vor Furcht!
Plötzlich verstummte das Gelächter. Den Blick aufmerksam auf den Boden gerichtet, ging der Fremde langsam um den noch immer lodernden Wagen herum. Immer weiter zog er seine Kreise, bis er in die Nähe des Gebüschs gelangte, hinter dem sie zitternd lag.
Vor Schreck hielt sie den Atem an.
Nur wenige Schritte von ihr entfernt blieb der Mann stehen. Langsam drehte er sich um und musterte den Wald.
„ Nein, aus diesem Höllenfahrzeug kann niemand entkommen sein“, murmelte er in einem Selbstgespräch gefangen. „Die Prophezeiung wird sich nicht erfüllen. Der Schattenfürst kann mit mir zufrieden sein. Schon sehr bald werden beide Welten ihm gehören, denn seine Macht ist grenzenlos.“
Ariella begriff nicht, was da vor sich ging. Von was für einer Prophezeiung sprach der Fremde? Und von welchem Schattenfürsten? Was war das überhaupt für ein Name? Sie starrte den Mann in der Kutte aus dem Schutz des üppigen Gebüschs an und … verstand nichts!
Verstohlen musterte sie den Teil seines Gesichts, den die Kapuze nicht verbarg. Es war ein hartes, ein gnadenloses Gesicht. Bleich war es, mit tiefen, zu den Mundwinkeln führenden Falten, einer scharf geschnittenen Nase, dichten Augenbrauen über eiskalten grauen Augen und schmalen Lippen. Dieser Mann war skrupellos und kannte keine Gnade, das versprach dieses erbarmungslose Gesicht!
Nach einem letzten, scharfen Blick, drehte sich der Fremde um, ging zurück zur Straße und verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie wartete noch fast eine Stunde, bevor sie es wagte, sich der Straße zu nähern. Als sie dort ankam, war der furchteinflößende Fremde verschwunden.
Sie verstand nicht, warum das Schicksal sie so hart traf. Aber ihr war durch diese Begegnung eines klar geworden, nämlich, dass es für sie besser war, weiterhin als tot zu gelten.
Sie würde diesen Mann und dessen Auftraggeber, den er Schattenfürst nannte, finden, und sollte es Jahre dauern! Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Sie hatten ihren Mann und ihre Tochter getötet. Sie durften ihrer Strafe nicht entgehen!
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