Es handelte sich um ein wunderschönes Kleid, welches Alexander für Sarah hatte anfertigen lassen. Es sollte wohl eine Überraschung werden, doch da sie zu dem Zeitpunkt der Fertigstellung in Tibet bei den Werwölfe gelebt hatte, war dies gründlich misslungen.
In diesem Augenblick regte sich etwas in ihr. Es war eine Bewegung so zaghaft und sanft, wie eine Feder. Man bemerkte sie kaum, es sei denn, man wartete jede Sekunde darauf. Carla zuckte abrupt zusammen. Ihre Augen wurden groß und ihr Herz begann wie wild zu schlagen. Todesangst klammerte sich in ihr fest und zwang sie kurzatmig nach Luft zu schnappen. Schnell fegte sie den Gedanken hinfort, wie ein Blatt, das dem Wind ausgesetzt war. Weit flog es davon und sollte nie wieder den Weg zurück finden. Blitzschnell dachte sie an andere Dinge; nutzlose, langweilige. Hielt den Atem an und verharrte in jeglicher Bewegung.
Sie wollte weiterleben, dieses Leben genießen und nicht mehr zurück ins Nichts, dass sie so lange in den Fängen gehalten hatte. Alles in ihr war messerscharf gespannt und lauerte nur auf diese Regungen, denn sie konnten ihr Ende sein. Ein unachtsamer Augenblick, ein Moment in dem sie sich nicht unter Kontrolle hatte, würde sie in die Dunkelheit zurück reißen können.
Genau aus diesem Grund verspürte sie jedes Mal in diesen Sekunden Angst. Diese war so geballt und mächtig, dass nichts auf der Welt ihr schlimmer erschien. Carla glaubte dem Tode nahe zu sein. Der Adrenalinausschuss war nur ein Anzeichen davon, dass sie sich auf Messersschneide bewegte.
Sie musste einfach alles, was ihre zweite Hälfte dazu brachte, sich zu regen, auf Abstand halten, oder sogar im Keim ersticken.
Kurze Zeit lauschte sie der Stille und ergab sich ihren sinnlosen Gedankenfetzen und Bildern hin. Erst als sie glaubte, der Moment sei an ihr vorüber gezogen, wagte sie es wieder zu atmen. Der Neugier erlegen ging sie in sich.
Tief griff sie in sich hinein, auf der Suche nach ihr, die sie so vehement von sich weisen wollte. Anfangs fand sie nichts. Weiter und weiter schwamm sie in der Schwärze ihres Unterbewusstseins. Sarah hatte sich dort ihre eigene Welt geschaffen. Ein Abgrund aus purer Dunkelheit, der nicht zu enden schien. Irgendwann nach einer fast endlosen Suche, fand sie in der Finsternis einen weiß schimmernden Schemen. So zerbrechlich wie dünnes Glas. Die Frau drückte ihre Beine an die Brust und hatte sich krampfhaft zusammengezogen. Lautlos ergab sie sich ihren Tränen, die sie sich so oft gewünscht hatte, wieder fließen lassen zu können. Die Schwärze verschlang jeglichen Ton und fast jegliches Leben schwand in ihr, wie eine Kerzenflamme im Wind. Dies war Sarahs Heimat geworden. Ein Land aus Dunkelheit und endlosen Tränen.
Carla hasste Sarah nicht, trotzdem verstand sie ihre Zuneigung für dieses Halbwesen nicht. Sie wusste auch nicht, was sie von diesem Anblick halten sollte. Mitleid? Sollte sie etwa Mitleid empfinden? Nein, im Stillen dankte sie dieser Frau.
Carla liebte ihr Leben. Auch wenn sie Sarah nicht dazu verdammt hatte, sich zu verkriechen, dankte sie ihr. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass sie Alex noch gebraucht hätte. Er war ein Mittel zum Zweck, den sie nicht ersetzt bekommen hätte, doch nun war es anders gekommen. Das war ihr nur recht.
Mit einem Schwung befand sich der Stuhl wieder auf allen Vieren und sie stand auf. Ihr Magen begann gewaltig zu Knurren und kündigte seinen Unmut an. Es war wieder einmal Zeit den Vorrat der Davenports zu plündern.
Als sie im nächsten Augenblick durch den Flur schritt, musste sie schmunzeln. Sarah hatte zu Letzt nicht so viel Nahrung benötigt. Ständig hatte sie versucht ihre Aufnahme hinauszuzögern. Seit Carla jedoch hier eingezogen war, dezimierte sie die Vorratskammer wie kein anderer. Für sie war die Nahrung wie eine Sucht, der sie sich ohne jeglichen Kommentar hingeben konnte und wollte. Jeder Tropfen war ein Genuss, den sie selbst auskosten durfte und ihn nicht mehr aus einer anderen Perspektive beobachten musste. Vielleicht war Carla aber auch einfach nur ein besserer Vampir, denn sie akzeptierte sich als Raubtier und scheute sich nicht davor. Sie gebrauchte ihre Kräfte auch weitaus gekonnter, als Sarah es vermocht hatte; so war sie jedenfalls der Meinung. Lag es da nicht nahe, dass sie mehr Blut benötigte?
Plötzlich drangen laute Geräusche an sie heran. Leichtes Vibrieren erfasste ihre Fußsohlen und versuchten sie vergeblich zu kitzeln. Ein gewaltiges Orchester aus Schüssen, Schlägen, Geschrei und purer Gewalt erfüllte die Umgebung. Carlas Trommelfell bebte und wollte platzen; forderte sie auf zu fliehen, doch sie widerstand der süßen Versuchung. Wenn man sich auf andere Dinge konzentrierte und sich vor den Geräuschen verschloss, sie weit von sich drückte und begrub, war es kein allzu großes Hindernis mehr. Warum andere Familienmitglieder hiermit ihre Probleme hatten, war ihr nicht klar. Konnten sie sich nicht so gut beherrschen wie Carla? Sie lauschte dem Klappern der Tastatur; nahm sie in sich auf, sodass die anderen Töne dumpf im Hintergrund verschwanden. Ein Wunder, dass das Gerät seinen Schlägen stand hielt.
Marc vergewaltigte wieder einmal seinen Computer. Er war der Einzige in diesem Haus, den Carla interessant fand. Dieser Vampir hatte etwas geheimnisvolles an sich. Auch wenn er sich seinem Spiel hingab, hatte sie, durch Sarahs Augen, gesehen, wie gut er mit seinen Wurfmessern kämpfen konnte. Dass er der Nikotinsucht verfallen war, empfand sie nicht weiter als schlimm. Es war ein Laster, was zum Himmel stank, keine Frage, aber es machte ihn nur noch anziehender. Er spielte im wahrsten Sinne mit dem Feuer, was Carla sehr imponierte. Marc schien die Angst vor diesem tödlichen Element zu fehlen.
Schließlich kam sie an der Küche vorbei. Die Tür war geschlossen. Niemand brauchte diesen Raum mehr. Er war eine Fehlinvestition, denn er würde noch lange verlassen bleiben. Flora war fort. Carla wusste jedoch ihre Gefühle für diese Frau nicht einzuordnen. Für Sarah war sie ein lieber Mensch gewesen, den sie sehr geschätzt hatte. Für sie war Flora ein gewöhnlicher Mensch, nichts weiter. Wollte sie dazugehören, müsste sie ein Vampir werden. Im Nachhinein, so kam ihr der Gedanke, verstand sie nicht, warum man diese Frau nicht verwandelt hatte. Es war ihr Wunsch gewesen, warum ihn ihr verwehren? Ein Stirnrunzeln huschte über ihr Gesicht, als ihr einfiel, dass sie erst neunzehn war. Somit war das ehemalige Dienstmädchen noch nicht bereit; ihr Körper und ihr Geist waren angeblich zu schwach.
Doch Carla konnte sich nicht vorstellen, dass ein Jahr einen schlechteren Vampir aus ihr gemacht hätten. Oder etwa doch? Sie zuckte gelangweilt mit den Schulter, denn es war ihr gleich.
Direkt neben der Küchentür, befand sich eine weitere. Auf ihr war ein Display mit Ziffernblock befestigt. Hierbei handelte es sich um das Kühlsystem, dass den Innenraum temperierte. Sofort schnappte Carla nach dem eisernen Griff und öffnete die Tür. Es zischte. Ein leichter Nebel drückte sich durch den Schlitz und kündigte den enormen Temperaturunterschied an. Diese Tatsache war eine der Wenigen, die Carla als schade empfand. Wie der Nebel herausquoll und nach ihren nackten Oberarmen griff, fragte sie sich, wie sich Kälte anfühlte. Die kleinen Wasserperlen, die sich auf ihrer Haut bildeten, kitzelten sie. Der Unterschied blieb ihr jedoch verborgen.
Mit einem leisen Seufzer erstickte sie ihr Interesse daran und trat endlich ein.
Etliche Regale taten sich vor ihr auf. Normalerweise waren diese prall gefüllt mit Plastikbeuteln, heute allerdings erschien diese Kammer gähnend leer. Wieder einmal hatte jemand vergessen für Nachschub zu sorgen, oder er war noch nicht eingetroffen.
Eine der wenigen übrigen Blutkonserven schnappte Carla sich und trank die rote Flüssigkeit gierig aus. Ihr Körper lechzte förmlich danach, wie nach einer sehr langen Durststrecke geschunden. Manchmal glaubte sie, dass die Abstände zwischen ihren Mahlzeiten sich verkürzten, doch das konnte nicht sein.
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