Hin und wieder machten wir einen Filmabend, bei dem mit großem Projektor Filme abgespult wurden. Video gab es noch nicht.
Beliebt waren auch Seefeste am Ammersee. Da wurde dann ein Feuer angezündet und man blieb die ganze Nacht am See. Einmal wurden wir von Polizisten mit MP im Anschlag geweckt. Im Ort war in einen Motorradladen eingebrochen worden.
Nachdem das Jugendzentrum dem Kirchengemeinderat unterstellt war, mussten wir uns in allen Angelegenheiten an diesen wenden. Kaum war irgendetwas passiert, wurde das Jugendzentrum geschlossen und wir mussten dann wieder zum betteln gehen. Die Gemeinde war der Meinung, dass es genügte, einen Raum hinzustellen, in dem eine Musikbox, ein Billard und ein Flipper steht. Nachdem außer uns niemand sonst ein Programm bot, war meist nichts los und die Leute kamen auf dumme Gedanken. Der Kirchengemeinderatsvorsitzende musste ein paar Jahre später in den Knast, weil er in irgendwelche Betrügereien verwickelt war. Oh Bayern, Deine Scheinheiligen.
Neben JM und Jugendzentrum waren wir auch noch beschäftigt unsere Mokicks der Marke Honda Dax zu tunen. Stolz fuhren wir als einzige Jugendlichen im Ort Viertakt-Mokicks. Im Winter spielten wir Eishockey im selbst gebauten Stadion. Bei uns spielten auch die Mädchen mit.
Die JM war eigentlich ein eher konservativ gesinnter Verein, aber um die Verbandspolitik kümmerten wir uns nicht. Die JM war für uns nur das Vehikel, einen offiziellen Status im Jugendzentrum zu bekommen. Nachdem wir bei keiner einzigen zentralen Sitzung dabei waren und auch sonst alles ignorierten, was von der Zentrale aus Tutzing kam, wurde unser Ortsverband irgendwann ausgeschlossen.
Ein paar Jahre später waren wir regelmäßig als Burschenverein Schöffelding zu Gast im Club Pernot in München. So konnten wir ein Jahr lang, einmal monatlich für zwei Stunden dort umsonst einkehren. Dort feierte ich dann auch meinen 18. Geburtstag.
Wir sind die junge Garde
Zusammen und draußen
Ich war 15 Jahre alt. Meine Eltern hatten vorher schon versucht, mich zu den Jungen Pionieren zu bringen. Im Nachbarort gab es eine DKP-Genossin, die eine Pioniergruppe leitete. Aber das war nichts für mich. Die Jungen Pioniere waren eine Kinderorganisation der DKP. Dort waren natürlich zunächst die Kinder von Kommunisten. Aber es wurde auch versucht, andere Kinder anzusprechen. Es gab jedes Jahr ein günstiges Ferienlager in der DDR am Scharmützelsee. Dafür konnten immer eine Reihe von Kindern aus Arbeiterfamilien gewonnen werden. Bei denen war man froh, ein kostengünstiges Ferienangebot zu bekommen. So wurde versucht, Kontakte herzustellen und Menschen für politische Themen anzusprechen. Die Pionierorganisation gab es in den 20er-Jahren schon Auch in den sozialistischen Staaten gab es Kinderorganisationen.
Jetzt im Mai 1977 fuhr mich mein Vater zum Pfingstcamp der SDAJ Südbayern. Das fand damals in der Nähe von Augsburg statt. Ausgestattet mit Rucksack und Schlafsack zog ich los. Als Neuling und Noch-nicht-Mitglied wurde ich gleich den Jugendgenossen aus München-Pasing, was meinem Wohnort am nächsten lag, zugewiesen. Sie waren alle recht offen und freundlich. Auf dem Pfingstcamp war eine Menge los. Es gab eine große Bühne und jeder Kreisverband hatte ein Zelt, das thematisch ausgestaltet war. Themen waren Frieden, Antifaschismus oder auch lokale Themen, Dazu gab es auch ein Zelt der DKP und ein Bücherzelt der DKP-eigenen Buchhandelskette „Libresso“. Dort ging es nachts am längsten. Für die meisten dauerte die Nacht sowieso bis zum nächsten Morgen.
Auf der Bühne spielten verschiedene Bands, die teilweise engagiert waren und teilweise aus dem Dunstkreis der SDAJ stammten. Es gab auch eine ganze Reihe von Polit-Barden, die ihre Künste zum Besten gaben. Am Samstagabend spielte Karat aus der DDR. Sie machten einen ziemlichen Lärm und ich ging ca. 1 km weg und es war mir immer noch zu laut. Sehr schrill war auch immer die Münchener Schallmeienkapelle. Das war ein illustres Häufchen von Originalen, die alles außer Musik beherrschten.
Auf dem Campgelände liefen auch immer Agitatoren herum, die den Nicht-SDAJlern die Zeitung Elan verkaufen wollten oder sie für die SDAJ werben wollten. Einige waren erst 13 Jahre alt. Auch ich trat auf diesem Camp bei und wurde beglückwünscht. Ich durfte mir als Willkommensgruß im Libresso-Zelt ein Buch aussuchen. Ich wählte eine sehr dicke Biografie von Lenin. Ich habe sie nie gelesen, gehe aber heute davon aus, dass sie auch ziemlich unleserlich gewesen war. Etwas erschöpft kam ich nach Hause und mein Leben als Jungkommunist hatte begonnen.
Gruppen
Zunächst kam ich zur SDAJ-Pasing. Eine Gruppe hatte meist einen Gruppenleiter, einen Kassier und einen Bildungsverantwortlichen. Normalerweise hatte die Gruppe ein Programm mit wöchentlichen Treffen. Regelmäßig wurden Bildungsabende organisiert. Der Bildungsverantwortliche nahm bei der Sitzung der Bildungsverantwortlichen des Kreises die Direktiven für das aktuelle Bildungsthema entgegen und organisierte den Bildungsabend in seiner Gruppe. Themen waren z.B. „60 Jahre Roter Oktober“, „Faschismus“ oder „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ und Ähnliches. Darüber hinaus wurden weitere Aktivitäten geplant. Das konnte die Teilnahme an einer Demo sein, ein Informationsstand oder das Verteilen einer der DKP-Betriebszeitungen vor Betrieben. Fester Bestandteil der Aktivitäten waren jedes Jahr Pfingstcamps oder das große „Festival der Jugend“ in Dortmund sowie das Pressefest der DKP-Zeitung „Unsere Zeit“.
Die Pfingstcamps fanden in den Landesverbänden statt. Wir waren in den Folgejahren auf einer Wiese in der Nähe von Weilheim. Die Pfingstcamps boten Festivalcharakter und eine Vielzahl an Workshops und Diskussionen. Ein bisschen Abenteuer brachten die Organisierung der Sicherheit und dabei vor allem die Nachtwachen mit sich. Hier konnte man sich mit Funkgeräten und einem dezent martialischen Auftreten gut in Szene setzen. Die Ordnerdienste hatten etwas leicht Militärisches. Es gab überhaupt einen gewissen linken Militarismus.
Das Festival der Jugend war schon eine größere Sache. Hierzu kamen mehrere zehntausend Menschen und eine ganze Reihe Künstler von Rang und Namen. Anfangs nur in der Dortmunder Westfalenhalle und in späteren Jahren auf dem gesamten Gelände des Dortmunder Westfalenparks.
Das Pressefest der „UZ“ war ähnlich, wie das Festival der Jugend eine ziemlich große zentrale Veranstaltung mit vielen Künstlern aus aller Welt.
Die Teilnahme an Friedensaktivitäten, die Mitarbeit in der Gewerkschaft und für viele auch die Aktivität in der örtlichen DKP-Gruppe gehörten mit zum Programm. So war man von den sieben Tagen in der Woche schon mal acht unterwegs. Zum festen Programm gehörten alljährlich die Ostermärsche für Frieden und Abrüstung, die Kundgebung zum 1. Mai, die Kundgebung zum Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai in Dachau und die anschließende Gedenkfeier für die ermordeten russischen Kriegsgefangenen in Hebertshausen, der Fackelzug zum Antikriegstag am 1. September und die Gedenkfeiern zur „Reichskristallnacht" am 8. November in Dachau. Meist fand im Spätsommer noch ein „Bayernstadl“ der DKP Südbayern statt. Das war so eine Art Volksfest mit einer massiven hölzernen Bierhalle. Dort war ich meist als Ordner aktiv. Ich erinnere mich an eine kleine Straßenschlacht auf der Dachauer Straße mit einer Rockerclique, die den Bayernstadl stören wollte, die wir dank besseren strategischen Vorgehens klar gewannen.
Im Herbst 1977, nachdem ich 16 geworden bin, wurde ich in die DKP aufgenommen. Man konnte nämlich nicht einfach beitreten, sondern stellte einen Aufnahmeantrag. Die jeweilige Gruppe stimmte dann über die Aufnahme ab. Gut war es, wenn man einen Bürgen hatte, der die Integrität bestätigte.
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