Eine logistische Glanzleistung der terroristischen Szene war das fachgerechte Sprengen eines Gefängnisneubaus. Es gab auch eine illustre Sympathisantenszene unter anarchistischen Gruppierungen. Bei ihnen gab es den Spruch: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen.“ Will heißen, dass immer einige im Knast saßen und das natürlich nur wegen ihrem heldenhaften Kampf gegen das „Schweinesystem“.
Für den Staat Bundesrepublik war jetzt die willkommene Gelegenheit gekommen gegen alles Unabhängige und Linke vorzugehen. Eine beispiellose Hetze gegen alle, die angeblich nicht für die so genannte freiheitliche Grundordnung einstanden setzte ein. Alle linken und unabhängigen Denker waren jetzt Terroristensympathisanten. Außerdem wurde ein umfangreicher Überwachungsstaat installiert und für diejenigen, die das Pech hatten den Exekutivorganen als terrorismusverdächtig in die Hände zu fallen wurden nahezu alle Bürgerrechte ausgehebelt (Einzelhaft, Unterbindung von Anwaltskontakt etc.). Als beredte Zeugnisse für die hysterische Stimmung seien hier die Filme „Deutschland im Herbst“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ genannt. Schon die sozialliberale Koalition hatte 1972 den so genannten „Radikalenerlass“ eingeführt. Dieser sollte extremistischen Elementen den Zugang zu Staatsämtern verwehren. Eigentlich traf er nur die Kommunisten, weil auch die neue (West-)Deutsche Republik nach dem zweiten Weltkrieg auf dem rechten Auge blind war. So konnten dann bekannte Kommunisten nicht Lehrer, Lokführer oder Briefträger werden. Wahrscheinlich hätten sie sofort die Lokomotiven nach Moskau gesteuert oder die Briefe alle dem KGB zugeleitet.
Wenn man schon radikal war, wenn man seine eigene Meinung vertreten wollte, dann konnte man ja gleich richtig radikal sein. Wenn man kein Terrorist werden wollte, dann gab es da ja noch die in Bayern nicht besonders zahlreichen Kommunisten. Die SPD kam für mich nach den Erfahrungen, die meine Eltern gemacht hatten nicht in Frage. Die SPD in Bayern ist zwar fast genauso klein, wie es damals die DKP war, aber das allein genügt noch nicht radikal anders zu sein. Sie war und ist seit jeher bemüht, die bessere CSU abzugeben. Das hat sie teilweise auch durch einen sehr gewichtigen Vorsitzenden versucht.
Meine Eltern waren beide in der SPD, wurden aber der kommunistischen Unterwanderung des Ortsvereins bezichtigt. Zwei führende Köpfe der örtlichen SPD hatten fast nichts anderes mehr zu tun, als diese Unterwanderung nachzuweisen. Diese bestand vor allem darin, dass neben anderen Künstlern auch kommunistische Künstler bei uns ein und aus gingen. Über einen Kulturkreis in unserem Ort fanden Lesungen und Ausstellungen statt. Unter den Künstlern waren halt auch Kommunisten. Beide traten nach einigem Hin und Her aus der SPD aus.
Die Kommunisten hatten Beharrlichkeit und widerstanden auch schon den Nazis und sie propagierten ein anderes Gesellschaftsmodell. Dass sich dieses eigentlich schon damals selbst diskreditiert hatte und ca. 15 Jahre später ganz zu existieren aufhören würde konnte ich zu der Zeit noch nicht überblicken. Für mich zählten die Bespiele der alten Antifaschisten, die teilweise 12 Jahre in Hitlers KZs zugebracht hatten und heute noch ihre Überzeugungen aufrechterhielten. Sie saßen sogar in der neuen Bundesrepublik wieder im Gefängnis, als 1951 die FDJ (in der BRD) und 1956 die KPD verboten wurden. Die KPD arbeitete illegal weiter und 1968 wurde dann die DKP gegründet. Die Lebensläufe dieser alten Kämpfer beeindruckten mich. Einer dieser alten Kämpfer war Richard Scheringer, der in den 20ern als Leutnant von Ulm aus dem Gefängnis heraus eine Erklärung gegen Hitler verlesen ließ. Nach dem Krieg begründete er eine kommunistische Familiendynastie in Kösching bei Ingolstadt. Er war einer der wenigen kommunistischen Gemeinderäte. Ein weiterer alter Kämpfer war Oskar Neumann, der mit weißem Haarschopf und Gitanes rauchend die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten leitete. Ein wichtiges Vorbild für die bayerischen Kommunisten war Hans Beimler, dem es 1934 gelang aus dem KZ Dachau zu fliehen und der sein Leben dann im spanischen Bürgerkrieg verlor. Auch Ernst Thälmann wurde immer auf einen Sockel gestellt. Er war seit Mitte der 20er Vorsitzender der KPD und auch noch während des Faschismus. Er wurde 1944 im KZ Buchenwald ermordet.
Erst später bei der Bearbeitung des Themas Stalinismus und der Parteigeschichte musste ich erkennen, dass teilweise genau die Menschen, die uns als Vorbilder in der Partei dienten, nicht zimperlich mit internen Gegnern gewesen waren und uns wichtige Wahrheiten und Lehren aus der Geschichte vorenthielten. Der Umgang mit Kritik in den eigenen Reihen glich dem in der katholischen Kirche. Es gab Dogmen, die nicht angezweifelt werden durften, immer währende Wahrheiten und Tabuthemen (Die Partei hat immer recht). So war vor allem Ernst Thälmann ganz vorne dabei, die KPD im Sinne Stalins gleichzuschalten und alle anderen Strömungen auszuschalten. Seitdem hat die Partei immer Recht und alle, die das nicht glauben sind Revisionisten und Konterrevolutionäre. Aber davon später, damals stellte sich das für mich noch nicht so dar, ich war noch nicht so tief in das interne Machtgefüge vorgestoßen.
Nachdem wir schon bei Vorbildern sind, will ich nicht vergessen die folgenden zu erwähnen und sie damit auch ein Stück aus der Vergessenheit reißen:
Commandante Che Guevara, der an der Seite Castros in Kuba kämpfte und dann 1967 in Bolivien fiel,
Ho Chi Min, der Vietnamese gegen die amerikanische Übermacht,
Salvador Allende, gewählter und 1973 ermordeter sozialistischer Präsident von Chile und Hoffnung für einen demokratischen Sozialismus,
Angela Davis, schwarze Vorsitzende der kommunistischen Partei der USA und nur knapp der Todeszelle entkommen,
Nelson Mandela, der Vorsitzende des (süd)afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der zu dieser Zeit schon lange im Gefängnis saß,
Sandino und die sandinistische Befreiungsfront in Nicaragua,
Zapata, mexikanischer Revolutionär vom Anfang des 20 Jahrhunderts,
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, gemeuchelte Kommunistenführer und Antimilitaristen der Revolutionszeit 1981/19,
Rudolf Eglhofer, Kommandant der bayerischen roten Armee 1919,
Max Hölz, anarchistischer Kommunist der 20er,
Philipp Müller, junger Münchener Sozialist, in den 50ern bei einer Demonstration in Essen von hinten von der Polizei erschossen (den 11. Mai in Essen, den werden wir nicht vergessen),
Spartakus, der Gladiator, der sich gegen Rom wandte,
und nicht zuletzt die Klassiker des antiimperialistischen Befreiungskampfes: Vercingetorix und Asterix und Obelix.
Die alten und jungen Kommunisten, die ich damals kennen lernte waren sehr beharrlich in alle sozialen Bewegungen beteiligt bzw. häufig deren Motoren. So trat ich 1977 zunächst der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und später der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) bei.
Die Junge Mannschaft
Bevor ich mich jedoch der kommunistischen Weltbewegung anschloss gab es in unserem Ort eine Junge Mannschaft. Meine Kumpels und ich gingen dazu, weil wir dadurch einen Jugendraum im neu gebauten Jugendzentrum bekommen konnten. Das Jugendzentrum war einer Tiefgarage nicht unähnlich und hatte eine anheimelnde Akustik. Wenn jemand in der einen Ecke etwas sagte, war vor lauter Hall in der anderen nichts zu verstehen.
Alle zwei Wochen veranstalteten wir eine Diskoparty und versuchten dabei verzweifelt von der Diskomusik wegzukommen. Pro Abend erlaubten wir uns drei Hardrockstücke (Smoke on the water, Satisfaction o.Ä.). Ab und an gab es kleine Auseinandersetzungen mit Mopedrockern, die sich „Black Spider“ nannten. Diese konnten wir dann aber dazu gewinnen, dass sie für Ordnung sorgten, nachdem wir ihnen klar gemacht hatten, dass uns das Jugendzentrum geschlossen wird, wenn es Randale gibt.
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