Beim Warmlaufen war vorher bedeutend weniger Wasser an dieser Stelle, sodass ich problemlos außen vorbeilaufen konnte, doch eine Stunde später sah die Sache bereits ganz anders aus. Ich lief inmitten der Spitzengruppe, wobei sich ein Läufer, Daniel Götz, bereits nach vorne abgesetzt hatte. Um Kräfte zu schonen, lief ich ganz dicht hinter den vor mir laufenden Athleten, schließlich wollte ich in den Genuss des Windschattens kommen. Als wir dann das Schlammloch erreichten, machte ich mich darauf gefasst, von meinen Vordermännern mit etwas Schlamm und Wasser bespritzt zu werden. Bei Crossläufen ist dies keine Seltenheit. Mit der nun folgenden Dreckwasserdusche hatte ich allerdings nicht gerechnet. Ich erschrak regelrecht, als das eiskalte Wasser auf meine Oberschenkel, die Hüfte und den Bauch spritzte. Für einen Augenblick blieb mir regelrecht die Luft weg. Meine Oberschenkelmuskulatur verkrampfte kurzzeitig, selbst meine Unterarme blieben von diesem erfrischenden Erlebnis nicht verschont. Jetzt war ich mehr als wach. Für die nächsten 100 Meter riss die Wasserfontäne nicht ab. Ich hatte die Schnürsenkel meiner Spikeschuhe vor dem Rennen in weiser Voraussicht nochmals kräftig nachgezogen und meine Füße fest in die mit 12 Millimeter langen Nägeln besetzten Spezialschuhe hineingepfercht. Nun machte sich diese Maßnahme bezahlt, denn die teilweise knöcheltiefen Schlammlöcher führten dazu, dass sich meine Schuhe bei jedem Schritt in dem tiefen, erdigen Untergrund festsaugten. Wer bei solchen Bedingungen seine Schuhe zu locker gebunden hatte, konnte relativ schnell einen Schuh verlieren, so wie es eigentlich bei jedem richtigen Crosslauf mindestens zwei bis drei Läufern passiert. Entweder läuft man dann ohne Schuh weiter oder man gibt auf. Umzudrehen, seinen Schuh im Matschloch zu suchen, die Schnürsenkel zu öffnen, in seinen Schuh wieder hineinzuschlüpfen und die Schuhbänder zu verknoten, dauert einfach zu lange. Man würde sich jeder Chance berauben, das Rennen auf einem der vorderen Plätze zu beenden.
So hatte z. B. vergangenes Jahr bei den deutschen Crosslaufmeisterschaften in Herten der direkt vor mir laufende Athlet einen seiner Schuhe in einem Matschloch verloren. Zu diesem Zeitpunkt lag ich an zweiter Stelle, direkt hinter Mourad Bekakcha. Wir beide führten das Feld des Seniorenlaufs (Altersklasse M35 – M45) an und es waren noch 1,5 Kilometer zu laufen. Ohne zu zögern lief er einfach ohne Schuh weiter. Wäre er stehen geblieben um seinen Schuh anzuziehen, hätte er nicht einmal einen Podestplatz belegt. Erst nach dem Rennen bemerkte ich, dass er den Schuh verloren hatte, als er aufgeregt auf seinen entblößten Fuß zeigte. Der Verlust seines Schuhs hatte ihm am Ende aber dann sehr wahrscheinlich doch den Titel gekostet, da er im Schlussspurt von einem Mitstreiter überholt wurde. Ich wurde in diesem Rennen übrigens Dritter, obwohl ich bis 150 Meter vor dem Ziel geführt hatte. Bei einem anderen Rennen, den deutschen Crosslaufmeisterschaften 2015 im bayerischen Markt Indersdorf (nördlich von München), hatte Michi Pritzl, ein befreundeter Laufkollege von mir seinen Schuh bereits nach einem Viertel der Distanz im Matsch verloren. Meine Frau bemerkte es als Erste. Sie stand genau an dem steilen, matschigen Bergabstück um Fotos zu machen, und griff sich sofort den Schuh. Da der zuschauerfreundliche Kurs in sich sehr verschlungen war, war die komplette Strecke nicht nur jederzeit einsehbar, sondern die Wege für die Zuschauer von einem Streckenabschnitt zum nächsten waren sehr kurz. So konnte ich in Windeseile meinem Lauffreund mitteilen, dass wir ihm bereits in der nächsten Runde den Schuh reichen würden, sodass er schnell hineinschlüpfen könnte. Er nickt nur und lief weiter. Als er bei meiner Frau angekommen war, verlangsamte er kurz sein Tempo, machte sich bereit den Schuh zu greifen, zog aber im letzten Moment seine Hand zurück und lief ohne diesen weiter. Er rief uns nur kurz zu, dass es schon ginge und er ohne Schuh weiterlaufen würde. Wir, meine Frau und ich, waren kurz erstaunt darüber, schließlich lief er nur im Mittelfeld, aber im Nachhinein war es die völlig richtige Entscheidung gewesen. Denn ein Stopp hätte ihm sicherlich 20 – 30 Sekunden gekostet. Sein Fuß war nach dem Lauf nicht verletzt, selbst seine Socke war unversehrt. Im selben Lauf hatte sich im Übrigen ein anderer Läufer entschieden, aufgrund eines fast verlorenen Schuhs aufzugeben: Der feine Unterschied war aber, dass dieser Läufer souverän auf dem zweiten Platz gelegen hatte und nur noch 2,5 Kilometer zu laufen gehabt hätte. Dieser Athlet hatte seinen Schuh nicht verloren, war aber aus dem Fersenbereich herausgerutscht. Verzweifelt versuchte er bei Start und Ziel wieder die Ferse in seinen Schuh zu quetschen. Wir, und viele andere Betreuer um uns herum, schrien ihm zu, er solle den Schuh einfach komplett ausziehen und weiterlaufen. Doch er wollte nicht auf uns hören und versuchte immer und immer wieder in den Schuh hineinzuschlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt war kein Läufer an ihm vorbeigelaufen, doch da er selbst nach 30 – 40 Sekunden nach wie vor nicht weitergelaufen war, kamen nun die ersten Konkurrenten und überholten ihn. Nach weiteren 30 Sekunden des vergeblichen Hineinschlüpfens gab er unter lautem Gezeter und verzweifeltem Geschrei völlig entnervt auf. Wir standen nur kopfschüttelnd da und wunderten uns über diese Entscheidung. Aber, und dies wird manch einer von Ihnen bestätigen, im Wettkampf ist nicht jede Entscheidung rational, schließlich gehen die Emotionen in solch einer Extremsituation oftmals mit einem durch.
Heute in Pfaffenhofen lief ich in einer Sechsergruppe um den Titel des oberbayerischen Crosslaufmeisters 2017. Der uns bereits enteilte Läufer startete außerhalb der Meisterschaftswertung, also konnten wir ihn getrost ziehen lassen. Außerdem wusste ich, dass Daniel Götz uns auf dieser sehr schwierigen Strecke überlegen war, da er nicht nur ein ausgezeichneter Crossläufer ist, sondern auch am Berg wesentlich stärker ist als wir. Nachdem wir das Schlammloch überstanden hatten, führte die Strecke nun 500 Meter lang immer leicht bergauf, wobei der Wiesenuntergrund schräg nach links abfiel und dieser immer rutschiger wurde. Das Ende dieses Anstiegs war ein Singletrail durch den Wald, wobei die Steigung immer mehr zunahm. Diesen langen Anstieg kam ich erstaunlicherweise recht locker hoch, was vielleicht daran liegen konnte, dass sich niemand aus der Gruppe für das Tempo verantwortlich fühlte. Wir hatten den höchsten Punkt der Strecke erreicht, jetzt ging es erst einmal bergab. Trotz des sehr matschigen Untergrunds und 20 % Gefälle liefen die Läufer um mich herum in einem halsbrecherischen Tempo den ca. 150 Meter langen Abhang hinunter. Obwohl ich ein guter „Downhill-Läufer“ bin, wollte ich dieses hohe Tempo nicht mitgehen, dafür war mir der Wettkampf zu unwichtig. Meine Knochen und Gelenke waren mir wichtiger. Im darauffolgenden, weiterhin leicht bergab führenden Wiesenstück konnte ich die so entstandene Lücke wieder schließen. Es wartete nun der steilste Anstieg der Strecke, knapp 15 % Steigung auf einem Waldweg, der auf 150 Meter Länge zum Start-und-Ziel-Bereich hinauf führte. Dieser Anstieg war zwar, wie erwartet, nicht wirklich angenehm zu laufen, doch ich erklomm den Anstieg ganz vernünftig und kam mit den anderen Läufern im Flachstück des Start-Ziel-Bereichs an. Aber selbst das Flachstück hielt für uns Läufer weitere Schwierigkeiten parat. So war der Weg auf 50 Metern mit einer zehn Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt, mit den Spikes an den Füßen war dieser Abschnitt allerdings kein Problem. Die erste von fünf Runden war geschafft, das Feld war sortiert. Nun hatte ich zum ersten Mal wirklich Zeit nachzudenken und konnte in meinen Körper hineinhören. Meine Beine fühlten sich locker an, die Atemfrequenz war mit ungefähr vier Schritten pro Atemzyklus (Ein- und Ausatmen) im grünen Bereich. Alle Favoriten waren weiterhin zusammen, Gold, Silber oder Bronze, alles war möglich. Der Sieg in meiner Altersklasse war sowieso schon sicher, da mein stärkster Konkurrent krankheitsbedingt nicht angetreten war.
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