Wie Sie vielleicht bemerkt haben, kenne ich mich mit den Nominierungsrichtlinien des Deutschen Leichtathletik Verbandes sehr gut aus, aber ich wusste im Moment nicht einmal, welcher Verband oder welcher Trainer für die Nominierung zu einer Traillauf-WM verantwortlich wäre. Ich hatte zwar mitbekommen, dass Florian Neuschwander 2016 Vizeweltmeister im Traillauf geworden war, hatte mir aber nie Gedanken darüber gemacht, wie er sich für dieses Event qualifiziert hatte bzw. ob er sich überhaupt dafür qualifizieren musste. Florian Neuschwander ist der einzige Trailläufer, den ich in der Vergangenheit wahrgenommen hatte. Das lag nicht nur an seiner immer stärker werdenden Präsenz in den Medien, sondern daran, dass ich gegen ihn Rennen gelaufen war, lange bevor er Deutschlands bekanntester Trail- und Ultraläufer wurde. Damals war „The Flo“ regelmäßiger Gast bei Bahn- und Straßenläufen und war einer der besten deutschen Juniorenläufer. Seine Bestzeiten auf den Distanzen von 1.500 m bis 10.000 m waren deutlich besser als meine. Trotzdem hängte ich mich 2007 bei einem 1.500-Meter-Wettkampf in Dachau an seine Fersen, um auf der letzten Runde „einzugehen“ und ihn davonziehen lassen zu müssen. Florian gewann, ich wurde Dritter. Auch bei einigen anderen Läufen kreuzten sich unsere Wege. Ich kam mit ihm zwar nie länger ins Gespräch, allerdings war bei uns in Läuferkreisen bekannt, dass Florian ein besonderer Läufer war, der gerne seine eigenen, teilweise unkonventionellen Wege ging. Als er in den vergangenen Monaten immer stärker ins Licht der Öffentlichkeit rückte, war ich zunächst skeptisch und belächelte „The Flo“. im Laufe der Zeit wandelte sich diese Skepsis allerdings hin zu einer Art Bewunderung. Florian machte einfach das, worauf er Lust hatte und kümmerte sich wenig um irgendwelche ungeschriebenen Läufergesetze. Er machte sein Ding. Trotz seiner Ultralaufambitionen startete er hin und wieder bei ganz normalen Volksläufen auf den traditionellen Distanzen, um vielleicht eine Woche später bei irgendeinem Traillauf so nebenbei einen neuen Streckenrekord aufzustellen. Ich muss sagen, ich war beeindruckt von seinem Auftreten und seiner Selbstdarstellung, die ehrlich und unprätentiös ist. Ihm war und ist es egal, wenn er mit seiner Meinung aneckt und damit vielleicht nicht dem Mainstream folgt. Mittlerweile ist er selbst zum Mainstream geworden und immer mehr Läufer folgen ihm. Sogar ich kann mich ihm nicht mehr entziehen und lese zumindest seine monatlichen Beiträge in „Runner`s World“ oder den ein oder anderen Artikel im Internet, der sich mit ihm beschäftigt oder von ihm verfasst wurde. Jetzt interessierte mich vor allem, warum er für Deutschland bei den Traillaufweltmeisterschaften 2016 laufen durfte.
Nach kurzer Recherche stieß ich auf die Deutsche Ultramarathon Vereinigung (DUV), hier schien ich richtig zu sein. Hier gab es Informationen zu sämtlichen Meisterschaften (50 km, 100 km, 24 Stunden, Traillauf, deutsche Meisterschaften, Weltmeisterschaften…), zur Nationalmannschaft, Ergebnisse von unzähligen Veranstaltungen aus der ganzen Welt und viele, viele weitere interessante Fakten. Auf der recht übersichtlichen Seite fand ich mich schnell zurecht und stieß auch relativ bald auf eine Unterseite, auf der zumindest auf die Trailrunning-WM 2017 hingewiesen wurde. Aber viel mehr als der Termin selbst und ein Link auf die Veranstalterseite waren nicht zu finden. Auch konnte ich keine Nominierungskriterien für die Weltmeisterschaften der vergangenen Jahre ausfindig machen, natürlich schon gar nicht für die WM 2017. Zumindest hatte ich aber die Ergebnisliste der vergangenen Traillauf-WM gefunden und erhoffte mir davon, einige Informationen herauszufinden, z. B. wie viele deutsche Athleten bei den vergangenen Weltmeisterschaften am Start waren, wie viele Athleten also pro Nation bei dieser Veranstaltung antreten dürfen. In der Ergebnisliste fand ich jeweils drei deutsche Läuferinnen und Läufer, allerdings zehn portugiesische Athleten. Da die WM in Portugal stattgefunden hatte, konnte die mehr als deutliche Diskrepanz in der Anzahl der Teilnehmer auf zwei Arten erklärt werden: Entweder durfte der portugiesische Verband als Ausrichter mehr Athleten nominieren als alle anderen Verbände, was in manch anderen Sportarten durchaus der Fall ist, man denke an die Vierschanzentournee der Skispringer, bei der Deutschland und Österreich zumindest in der Qualifikation deutlich mehr Athleten stellen dürfen als die anderen nationalen Verbände. Oder aber die Zahl der Athleten pro Nation ist nicht festgelegt und der deutsche Verband hatte beschlossen, nur jeweils drei Teilnehmer zu nominieren. Wie auch immer, ich musste herausfinden, wie ich mich für diese WM qualifizieren können würde. Ich suchte also weiter, wurde aber nicht fündig. Auch für die vergangenen Weltmeisterschaften konnte ich keine Internetseite ausfindig machen, die mich über das Qualifikationsprozedere aufgeklärt hätte. Bis zur WM waren es zwar noch deutlich mehr als vier Monate, doch falls es irgendwelche Qualifikationswettkämpfe geben würde, müssten diese deutlich vor der WM stattfinden, sodass man als Athlet langsam aber sicher mit der Planung für diese eventuellen Quali-Wettkämpfe beginnen wollte bzw. sollte. Ich hing somit quasi in der Luft und war mir nicht mehr sicher, ob ich unter diesen Voraussetzungen meine ganze Saisonplanung auf ein Event ausrichten sollte, von dem ich bislang nicht einmal wusste, ob ich daran teilnehmen könne oder nicht. Aus diesem Grund beschloss ich auf jeden Fall beim Sacred Forest Trail mitzulaufen, egal ob im offiziellen WM-Rennen über 50 Kilometer (Startzeit: 8:30 Uhr) oder beim auf exakt derselben Strecke ausgetragenen „normalen“ 50-km-Rennen (Startzeit: 10:30 Uhr). „Zur Not“ hätte ich auch auf die Kurzdistanz (25 Kilometer) ausweichen können. Auf jeden Fall stand fest, ich würde an diesem Juni-Wochenende im Apennin ein Rennen laufen.
Der erste Härtetest und verlorene Schuhe
Oberbayerische Crosslaufmeisterschaft in Pfaffenhofen am 05.02.2017
2. Platz über 8,5 km in 31:39 Minuten, einen Platz vor Florian Wenzler
Noch waren es etwas mehr als vier Monate bis zur Trailrunning-WM, doch bereits an diesem ersten Februar-Wochenende erwartete mich der erste Härtetest. In Pfaffenhofen fand die oberbayerische Crosslaufmeisterschaft statt. Ich hatte mich dazu entschieden, über die Langstrecke (8,5 Kilometer) anzutreten, die Mittelstrecke war im Übrigen 3,4 Kilometer lang. Viele von Ihnen wundern sich vielleicht darüber, dass ein Lauf über 8,5 Kilometer bereits als Langstreckenwettbewerb bezeichnet wird. Das liegt daran, dass in der klassischen Trainingslehre alle Ausdauerbelastungen, die länger als zehn Minuten dauern, zur Langzeitausdauer (LZA) gezählt werden. Hierbei wird dann allerdings zwischen Langzeitausdauer I, II, III und IV unterschieden. Der Bereich der LZA I geht bis 30 Minuten, wohingegen die anderen Bereiche längere Belastungsdauern berücksichtigen. Diese Unterteilung hat mit dem Stoffwechsel des menschlichen Körpers zu tun. Bei Belastungen länger als zehn Minuten wird die Energie vorrangig über den Fettstoffwechsel bereitgestellt, d.h. vor allem die Leistungsfähigkeit an der anaeroben Schwelle ist für das Endergebnis verantwortlich. Obwohl die Strecke im Vergleich zu den 50 Kilometern in Italien sehr kurz war, erhoffte ich mir von diesem Lauf erste Hinweise auf meine Form. Denn aufgrund des Profils und des Untergrunds in Pfaffenhofen wurde dieser Wettkampf zu einem echten ersten Härtetest. Insgesamt erwarteten mich und die anderen Teilnehmer 260 Höhenmeter, knöcheltiefe mit eiskaltem Wasser gefüllte Wiesenlöcher, steile und matschige Downhills (bis 20 %), vereiste Passagen, steile Anstiege, schmale mit Baumwurzeln übersäte Singletrails, kräfteraubende Kieswege, unebene Waldwege und viele enge Kurven. Es ging fast immer bergauf oder bergab. In den seltensten Fällen konnte man sich in der Ebene erholen. Eigentlich war auf der 1.700 Meter langen Runde, die wir fünfmal laufen mussten, nur der Bereich bei Start und Ziel einigermaßen dazu geeignet, sich für 100 Meter zu erholen, da man hier auf einem relativ ebenen Wanderweg unterwegs war. Die anspruchsvollste Passage erwartete uns nach 600 Metern, an der tiefsten Stelle der Strecke. Hier hatte sich im Laufe des Tages das Schmelzwasser des im Schatten liegenden Schnees gesammelt und die Wiese in ein einziges großes Wasserloch verwandelt, dem man unmöglich ausweichen konnte.
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