Während Jennifer Hudson Lena´s Akte noch einmal per Computer abrief, dachte Lena daran, wie stolz ihre Eltern waren, als sie wieder zu ihnen zurück kehrte. Nie würde sie das stolze Gesicht ihres Vaters vergessen, der sonst eher streng und höchst konservativ war. Selten bekam sie eine liebevolle Geste von ihm zu sehen. Umso mehr war ihr der Augenblick wichtig, als er zu ihr sagte, dass sie ihn nun sehr stolz gemacht hätte. Das war wie Balsam für ihre doch so empfindsame Seele. Da Lena´s Eltern ein sehr hohes Ansehen in ihrer Gemeinde genossen, war es ihnen sehr wichtig, dass Lena nun einen anständigen Mann heiraten muss. Ob Lena damit einverstanden war, stand nicht zur Debatte. Es war ihre Pflicht. Und als gute Amisch Tochter galt es für sie zu tun, was von ihr verlangt wurde. Sie hatte keine andere Wahl.
In diesen Gedanken versunken, saß das dunkelblonde nervöse Mädchen da, und ringelte ganz nervös ihre Haare um den Zeigefinger. Jennifer Hudson setzte sich nun zu ihr, gespickt mit all den Informationen die sie für dieses erste Gespräch brauchte. „ Nun, Lena, „ sagte Jennifer Hudson zur Einleitung. „ Ich hab nun schon ein paar Vorinformationen über ihren Fall. Möchten sie mir vielleicht erzählen, warum sie hier sind? Sie müssen es nicht tun, wenn sie nicht wollen. Aber vielleicht erzählen sie mir einfach nur das wozu sie bereit sind. Geht das?" Lena sah beschämt zu Boden. Erst nach einem tiefen Atemzug, antwortete sie: „ Es gehört sich nicht darüber zu sprechen. Es ist eine Sünde." Darauf erwiderte die Psychologin: „ Wenn sie mir nichts erzählen wollen, ist das vorerst auch gut. Dann lese ich ihnen vor, was in der Akte drin steht. Und sie hören mir einfach nur zu. Ok?" Lena nickte nur ganz sachte, mit dem Blick immer am Boden haftend. Jennifer Hudson öffnete daraufhin die Akte, und begann zu lesen. " Am 8. September des Jahres 2000 wurde die Patientin Lena Miller in einem äußerst desolaten Zustand ins Pennsylvania Hospital eingeliefert. Zahlreiche Hämatome an Brust, Gesicht und Oberschenkel konnten festgestellt werden. Zudem konnte eine mutmaßliche Vergewaltigung nicht ausgeschlossen werden. Jedoch verweigerte die Patientin jegliche Untersuchungsmaßnahmen, die diese Vermutung bestätigen oder widerlegen konnte. Sie wurde etwa 30 Meilen vor Lancaster, abseits von der Straße bewusstlos von einem Autofahrer gefunden, welcher sofort nach Sichtung die Ambulanz und die Polizei verständigte. Die Patientin ist nicht bereit eine Aussage zu machen, was möglicherweise darauf zurück zu führen ist, dass sie stark traumatisiert ist." Jennifer Hudson legte die Akte wieder beiseite, sah Lena an, und fragte: „ Wollen sie mir denn nicht erzählen, was ihnen zugestoßen ist? Wer hat ihnen diese schlimmen Dinge angetan? Wir können den Täter zur Rechenschaft ziehen. Das geht aber nur, wenn sie mir sagen, wer sie so zugerichtet hat." Lena schüttelte energisch den Kopf, und sagte kein Wort. Sie wollte und konnte den Namen nicht nennen, der ihr so weh getan hat. Jennifer Hudson merkte, dass sie auf den direkten Weg nicht an Lena heran kam, also versuchte sie einen anderen. Sie fragte: " Wie ist es eigentlich so, als Amisch zu leben?"
Nach dieser Frage hob Lena endlich ihren Kopf, und sah der Psychologin direkt in die Augen. Sie antwortete:" Das Leben bei uns ist sehr hart. Aber wir beklagen uns nicht. Manchmal haben wir gute Ernten. Manchmal auch schlechte. Die Männer arbeiten täglich beinahe 14 Stunden auf den Feldern. Und wir Frauen sorgen für ein sauberes und wohliges Heim. So ist unser Leben als Amische. Sehr einfach, und doch auch sehr hart. Wir folgen Gottes Weg." Jennifer merkte sofort, dass sie es schwer haben wird, nur eine Kleinigkeit aus diesem eingeschüchterten Mädchen heraus zu bekommen. Also brach sie das Gespräch ab, und bat sie am nächsten Tag wieder zu kommen. Vielleicht hätte sie dann mehr Glück. Irgendwann wird Lena schon reden, da war sie sich ganz sicher. Lena war in einem Frauenhaus untergebracht. Das dumme war, dass sie selbst nicht wusste, wo genau sie sich befand. Sie wusste nur noch, dass sie irgendjemand bewusstlos geschlagen hatte, und dass sie kurze Zeit später in einem fremden Zimmer, in einem fremden Haus, bei fremden Menschen wieder zu sich kam. Sie konnte sich zwar erinnern, wer ihr diese schlimmen Dinge angetan hat, und was mit ihr geschehen war. Doch darüber wollte sie nicht nachdenken. Lieber dachte sie an die Zeit ihrer Selbstfindung. Sie war frei, und konnte tun und lassen was sie wollte. Bevor diese Zeit angebrochen war, freute sie sich schon darauf, neue Erfahrungen machen zu dürfen. Gleichzeitig hatte sie aber auch Angst davor. Getrieben von der Neugier, und gehalten von der Angst, machte sie sich auf den Weg in eine neue Welt.
Kapitel 1:
Auf eigenen Beinen stehen
Es war ein Tag vor Lena´s 17. Geburtstag. Ihre Mutter und sie waren damit beschäftigt, Lena´s Koffer zu packen. Es war nur ein kleiner Koffer, denn viele Habseligkeiten hatte Lena nie. Ein paar Kleider, und ein paar Schuhe fanden gerade Platz in ihrem Gepäck. Als die beiden Frauen mit dem Koffer packen fertig waren, sah sich Lena nochmal in ihrem kleinen Zimmer um. Ihr Bett stand in der einen Ecke des Raumes, bedeckt mit einer weißen selbstgenähten Tagesdecke. Obwohl Lena noch eine Nacht in diesem Bett verbringen würde, wirkte es in diesem Augenblick schon etwas verwaist. Das lag wohl daran, dass Lena mit ihren Gedanken bereits in Philadelphia war, wo die Reise am nächsten Tag hin ging. Während Lena erwartungsvoll ihrem Geburtstag entgegen sah, wirkte ihre Mutter eher besorgt. Beim gemeinsamen Abendessen mit ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Brüdern Samuel, und Isaac, sah Lena´s Vater seine Tochter mit einem strengen Blick an. So wie er es eben immer tat. Diesmal sagte er zu ihr: " Lena, morgen beginnt für dich eine neue Zeit. Wie du siehst macht sich deine Mutter große Sorgen um dich. Denke daran, dass Gott alles sieht, hört und fühlt. Wenn du unkeusche Gedanken hast, wirst du dich vor Gottes Gericht dafür verantworten müssen. Ich rate dir, dass du jeden Tag um deine Seele betest. Hast du mich verstanden?" Lena nickte nur vorsichtig. Danach aßen alle schweigend ihr Abendbrot. Anschließend räumten die Frauen den Tisch ab, und wuschen das Geschirr. Während dieser Tätigkeiten konnte Lena an nichts anderes denken, als daran, was ihr am nächsten Tag bevor stand. Sie war sehr aufgeregt, aber sie musste dieses Gefühl für sich behalten.
Der neue Tag brach an. Lena stand schon um 5 Uhr früh auf. Sie sah aus dem Fenster, und konnte ein letztes Mal die Männer der Gemeinde dabei beobachten, wie sie sich auf den Weg auf die Felder machten. Diesen Anblick würde sie nun für lange Zeit nicht mehr sehen, wenn sie in ihrer neuen Behausung in Philadelphia morgens aus dem Fenster blicken wird. Samuel und Isaac schliefen noch tief und fest, als sie auf ganz leisen Sohlen, ein letztes Mal nach ihren Brüdern sah. In einer Stunde erst würden sie aufstehen, doch dann ist ihre große Schwester bereits auf dem Weg in die große weite Welt. Lena´s Mutter packte ihr noch ein paar Pausenbrote ein, während Lena alleine am großen Esszimmertisch saß, und frühstückte. Sie musste sich beeilen. In 15 Minuten ist Jakob mit der Kutsche da, die sie zum nächsten Bahnhof etwas außerhalb von Lancaster bringen wird. Lena´s Vater war bereits auf dem Feld bei den anderen Männern, um zu arbeiten. Schade, dachte sich Lena. Sie hätte ihn gerne vor ihrer Abreise nochmal gesehen. Obwohl er immer sehr streng war, liebte sie ihn dennoch sehr. Doch für ein weiteres nachdenken war keine Zeit mehr. Jakob fuhr mit seinem Pferdegespann vor. Der Koffer stand bereits vor dem kleinen bescheidenen Häuschen. Während Jakob sich den Koffer schnappte, und auf die Kutsche lud, verabschiedete sich Lena von ihrer Mutter. Die beiden umarmten sich, und ihre Mutter sagte mit besorgter Stimme: " Bitte bleib anständig, und denk daran was wir dir beigebracht haben. Wenn du dich eingerichtet hast, dann schreib uns bitte." Lena antwortete: "Ja Mutter, das werde ich tun. Ich verspreche es. Lass Vater und meine Brüder schön von mir grüßen. Ich hab euch alle lieb. Ich werde euch nicht enttäuschen." Mit Tränen in den Augen stieg Lena in die Kutsche ein, und Jakob, der schon ungeduldig auf die Abfahrt wartete, gab den Pferden die Sporen. Äußerst rasant fuhren die beiden vom Gelände. Jakob hasste es immer derjenige sein zu müssen, der die jungen Amische zum Bahnhof führen musste. So bekam er immer die tränenreichen Abschiede mit. Das war ihm stets zu viel Gefühlsduselei. Umso mehr war er froh wenn er diese Aufgabe erledigt hatte.
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