Widerwillig hatte ich Emils Kuchen gegessen, obwohl ich wirklich kein Freund von Schokoladenkuchen bin und des lieben Friedens willen, eine Portion Pommes Frites bestellt.
Danach hatte ich aber genug von der Herumsitzerei und wir machten uns auf den Weg die Promenade entlang. Der peitschende Schnee setzte uns arg zu, aber wir schafften es bis auf den ‚Gunhill‘, auf dem eine Anzahl alter Kanonen steht, die auf das Meer zeigen. Für Sebald waren sie ein Anlass über eine Seeschlacht der Engländer gegen die Holländer nachzusinnen und in Erinnerungen an eine Reise nach Den Haag zu schwelgen. Ich bemerkte dagegen mit Sorge die schwindenden Kräfte des Kleinen und nach nur einem kleinen Stück an der See entlang war klar, dass es nicht zu verantworten war, den Lütten weiter voranzutreiben, noch dazu, weil wir jeden weiteren Schritt gegen den beißenden Wind zurück kämpfen mussten.
Wir kehrten also um und schwenkten in das Dorfinnere von Southwold. Emil klagte nun offen über seine erfrierenden Finger und ich bekam schlechte Laune, da ich auf der Promenade, wie mir erst jetzt wieder eingefallen war, den ‚Reading Room‘ im Martime Museum verpasst hatte, den Sebald so lobend erwähnt hatte. Der war nun in unerreichbare Ferne gerückt, denn es war in Emils Zustand kaum möglich, dahin zurückzukehren.
In einer der zahlreichen Touristen-Boutiquen hingen an einem Haken gestrickte Fäustlinge. Von den drei Paaren waren auch die kleinsten noch viel zu groß für Emils kleine Hände und recht teuer, aber was machte es schon, schließlich hatte ich ihn in die Lage gebracht, dass er seine Fingerchen nicht mehr spürte. Ich erwarb sie also und wir wärmten uns in jedem nur möglichen Geschäft auf. In einer Galerie in dem eine Frau, die Künstlerin selbst, freundlich auf uns einredete und hoffte eine ihrer Southwold-Landschaften an den Mann zu bekommen, weckte ein ganz kleines Bild, das die winterliche Stimmung gut traf, mein Interesse, aber die Tatsache, dass es qualitativ aus dem anderen Touristenmist herausfiel, reichte dann doch nicht als Anlass, um 80 Pfund zu berappen.
Im 'Crown Hotel' in dem Sebald die Teestunde alleine verbracht hatte, war wie ein Schild zeigte, kein einziges Zimmer frei und auch das Café war völlig überfüllt. Die ‚Adnams‘-Brauerei hatte dieses Hotel übernommen, wie auch viele Kneipen, mietbare Wohnungen und Geschäfte im Dorf. 1345 wurden Johanna de Corby und 17 andere ‘ale wives’ in Southwold verurteilt, weil sie das ‚assize of ale‘ gebrochen hatten. Dieses ‚assize of bread and ale‘ war im 13. Jahrhundert in England eines der ersten Lebensmittelgesetze zur Kontrolle der Qualität. An dem Standort, an dem Johanna de Corby gebraut hatte, wurde kontinuierlich weiter gebraut und 1872 übernahmen George and Ernest Adnams dort die Sole Bay Brewery und gründeten die Adnams Brewery. George wurde 1880 in Afrika von einem Krokodil gefressen.
Im großzügigen offiziellen ‚Adnams‘ Biergeschäft ‚Cellar and Kitchen‘ gab es jede Menge reizvoller Bier-Mitbringsel. So verlockend sie auch waren, so waren sie doch für Fußgänger nicht praktikabel. Wir erwarben nur einen Stopper, den man auf eine Flasche drehen konnte, damit man, falls man sein Bier am Abend nicht schaffte, was Marlis absurderweise öfter passierte, so die zweite Hälfte für den nächsten Tag konservieren konnte.
Wehmütig lugte ich in das edele 350 Jahre alte ‚Swan Hotel‘, das zweite Hotel, das von ‚Adnams‘ betrieben wurde und das ich vor meiner Änderung der Pläne für unsere zweite oder dritte Etappe auserkoren hatte. Ich redete mir ein, dass es sowieso ausgebucht sei, was vielleicht sogar stimmte.
Wir traten in den ‚Red Lion Pub‘, der auch im Besitz der Brauerei stand und der, obwohl massiv dafür geworben wurde, kein ‚Adnams‘-Fass am Hahn hatte, nicht mal ein anderes Bitter, sondern nur ‚Bitburger‘, also ein, wie es in England genannt wird, ‚Lager‘, das wegen des im Vergleich zu Deutschland anderen Gasdrucks oder anderen Gasgemischs, praktisch schaumlos ins Glas kommt, einen chemischen Beigeschmack hat und Kopfschmerzen verursacht. Dem Lütten zuliebe blieben wir und ich bestellte ein Guinness und eine Tüte Chips, die mir Emil sofort aus der Hand riss und verputzte.
Mit dem nächsten Bus gondelten wir über matschige Landstraßen zurück nach Lowestoft. In unserem Zimmer hatte die Fernbedienung tatsächlich neue Batterien erhalten, aber ein Wackelkontakt war die eigentliche Ursache für das Problem. Ich schaffte es, zu einer Sendung über Wale umzuschalten, Tiere die Emil und mich begeisterten, mich, seit ich das Buch ‚Leviathan‘ von Philip Hoare gelesen und das mich veranlasst hatte, Melvilles Moby Dick nochmals im Orignal zu lesen. Ich döste ein.
Für das Abendessen beschlossen wir auf keinen Fall wieder ins ‚Habours Inn‘ zu gehen, da es uns wirklich nicht so zugesagt hatte. Aber außer türkischen und chinesischen ‚Take-aways‘ war nichts zu finden. Das ‚Fish and Chips‘ - Restaurant am Platze hatte nur tagsüber auf und eine Kneipe mit dem Schild ‚families welcome‘ auf dem South Pier war gerade dabei zu schließen. Pech, denn die wär‘s vermutlich gewesen.
Die Abendbeleuchtung des modernen Springbrunnens setzte ein, eine dieser schrecklichen Kleinstadtattraktionen, wie man sie auch zuhauf in Deutschland vorfindet. Die Wasserstrahlen wurden mit einem Mechanismus unterbrochen und schienen einen Moment zu schweben, bevor sie nieder-platschten.
Verzweifelt, willigte ich schließlich ein, dass wir uns bei einem KFC-Imbiss (Kentuky Fried Chicken) anstellten. Es war ein ‚drive in‘ und auch draußen in den Autos saßen die Hungrigen Schlange. Immerhin durften Menschen ohne Auto auch etwas essen und dafür gab es sogar einige angeschraubte Tische mit angeschraubten Stühlen. Da ich noch nie in einer Fast-Food-Kette gegessen hatte, stellte ich mich reichlich blöd an, das musste jedenfalls der Typ in der lächerlichen Uniform gedacht haben, als ich naiv ein 'sukkulentes' (bevorzugtes Schlagwort der Firma) Brustfilet bestellte. Jedenfalls fragte der Bursche allerlei Dinge, ob diese Größe oder diese, wie groß die Portion Pommes Frites dazu, Soßen, Salat, etc. Ich wollte Ketchup dazu, auch hier musste ich mich festlegen, wie viele Tütchen. Die Salate waren absurderweise ebenfalls alle mit Hühnerfleisch angemacht und ich verstand die Unterschiede nicht. Der Angestellte schüttelte den Kopf, ich bezahlte und bekam eine Nummer. Als sie auf einem fettverschmierten Computerdisplay endlich angezeigt wurde, überreichte mir ein teigiger Kerl ein Tablett, auf dem eine überdimensionale braune Papiertüte stand. Die trug ich an unseren Tisch, auf dem noch die Essensreste der Vorgänger klebten und an dem Emil aufgeregt gewartet hatte. Von hier hatten wir einen Blick auf die endlose Autoschlange an der Essensausgabe für die Autofahrer. So begafften wir immer ungefähr fünf Minuten die Insassen eines Autos und sie uns, bis sich das nächste vor die Scheibe schob. Ich fühlte mich dabei in meiner Ansicht bekräftigt, dass Menschen durch Autos keineswegs beweglicher, sondern starr und steif werden. Die Prothese 'Auto' lässt ihre Bewegungen verkümmern und den Bewegungsradius immer kleiner werden. Autofahrer sind unflexibel und verlernen ihr Leben zu organisieren, zum Beispiel Fahrpläne zu lesen oder Fahrkarten zu kaufen. Sie leben in einem Blech-Kokon einem ‚Innenraum‘. Das Empfinden von Autofahrern verschiebt sich auch dadurch. Sie werden lethargisch, bequem, langweilig und gelangweilt und fantasielos. Sie sind kränker als Nicht-Auto-Fahrer, haben kaputte Rücken und keine Abwehrkräfte, da sie immer 'drinnen' sind. Sie werden von der ganzen Warterei in Staus und an Ampeln feindlich gesonnen, reizbar, gewissenlos und aggressiv. Ihren Auto-Besitz der eine Verlängerung ihres Körpers ist, verteidigen sie um jeden Preis, wenn es sein muss mit Gewalt. Die Außenwelt ist für sie weiter weg als für Nicht-Auto-Fahrer, ein Fremdkörper, voller Aggressoren, die sein Eigentum wegnehmen oder beschädigen wollen. Autofahrer lassen ihre vermehrte schlechte Laune gerne heraushängen, denn sie sind gewohnt, dass man sie durch ihren Kokon nicht hören kann. Egoistisch und breit verschaffen sie sich und ihrem Gefährt Platz.
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