››Keine Sorge, ich hab nicht den Strom von meinem Computer genommen‹‹, konterte Li und verschränkte die Arme vor der Brust, ››leider musste ich den Stromkreis aus seinem Zimmer abzweigen.‹‹
Ein schallendes Gelächter drang aus den beiden Kehlen der Männer. ››Tja, ich weiß auch nicht, aus irgendeinem Grund ging es nicht anders‹‹, warf Li ironisch ein.
Als hätte Marc das mitbekommen, sprang er die Treppe herunter und fixierte Li mit einem böswilligen Funkelblick. Seine Narbe, die sich über die Seite des rechten Auges zog, schien dabei wie eine unausgesprochene Drohung zu wirken. Er kaute zornig auf seinem Zigarettenstängel. Doch ehe er zu etwas ansetzten konnte, stampfte Celest auf ihn zu und zog im die Zigarette aus dem Mund.
››Wage es ja nicht auch nur einen Ton zu sagen‹‹, erhob sie ihre majestätischen Befehlsstimme und unterdrückte ihn in nur einer Sekunde. ››Heute ist Floras Geburtstag und ich werde es nicht dulden wenn du lieber deiner süchtigen Freizeitbeschäftigung nachgehst, als hier anwesend zu sein!‹‹ Bei der dominanten Aussage fing Gray an zu kichern. Er versuchte zwar sichtlich es zu unterdrücken, schaffte es jedoch in keinster Weise. Aber auch hier schien Celest keinen Spaß zu kennen. Auch sie wünschte sich eine harmonische Familienidylle für Flora. Bereits ein kurzer Blick von ihr genügte, das Grayson prompt verstummte und so tat, als wenn das verräterische Kichern nicht aus seinem Hals gedrungen war.
Drohend zielte Celest mit dem Zigarettenstummel auf Marc und kam einen weiteren Schritt näher. Energisch presste er die Lippen aufeinander und starrte auf den glühenden Stängel, der immer weiter auf seine Brust zusteuerte.
››Und noch was‹‹, begann Celest, ››sollte ich noch mal dieses widerlich, stinkende Teil in meinem wundervollen Wohnzimmer auffinden, drücke ich sie auf deiner Haut aus!‹‹ Marc schluckte bei der Drohung, denn auf Feuer war er alles andere, als scharf. Wie ein scharfes Schwert führte sie die Zigarette und scheuchte ihn zur Treppe. Dann drehte sie die Zigarette elegant um und Marc schnappte gierig danach.
››Und zieh dir was Anständiges an!‹‹
Mit einem leisen Brummeln verschwand er und hinterließ eine Stimmung, der keiner widerstehen konnte. Lauthals lachten wir los. Der sonst so taffe Marc hatte sich ganz einfach in die Flucht schlagen lassen. Noch dazu von einer Frau, die um so vieles dünner und zerbrechlicher war, als er.
Celest war wohl der Meinung, dass er sich allmählich außer Hörweite befand und sprach mit veränderter sanfter Stimme weiter: ››Wäre ja noch schöner, wenn ich mir von so einem Grünschnabel auf der Nase herumtanzen lasse!‹‹ Sie stemmte die Hände in die Hüften und lachte. Damit war die einst angespannte Stimmung dahin und ich war mir sicher, dass Marc es nicht wagen würde heute Abend zu fehlen.
Ich hob einen kleinen Welpen hoch und legte ihn in meine, zu einer Wiege geformten, Arme. Er wimmerte glücklich, als ich in das schadenfrohe Gelächter meiner Familie mit einstimmte. Selbst das kleine Bündel schien bereits erkannt zu haben, wie unsere Familie agierte. Wenige Stunden später war das Wohnzimmer zu einem Festsaal geworden. Die Lichter wechselten sich in regelmäßigen Abständen ab und waren die einzige Lichtquelle im Raum. Lediglich die Kerzen, die auf der Torte schimmerten, versuchten gegen das Licht aus der Steckdose anzukommen und legten ihren flackernden Schein auf die beiden silbernen Tabletts. Eigentlich hätte der Zuckerguss zu einer neunzehn geformt werden müssen, doch nun kennzeichnete eine Lüge die Schokoladenbombe. Irgendwann in der Zeit meiner Gefangenschaft musste sie achtzehn geworden sein. Oder aber siebzehn, bevor ich zu den Maguire gekommen war. Niemand wusste es genau, aber hier spielte es auch keine wirkliche Rolle. Auf dieser Torte und in der Schule wurde sie für siebzehn gehalten, beziehungsweise wurde siebzehn. Die Musik hatte mittlerweile einen erträglichen Pegel, wenn man mal davon absah, dass er für Menschen gerade richtig und für Vampir bereits die Schallgrenze von Gut und Böse war.
Neben der Torte und den Tabletts türmten sich die Geschenke, die nur darauf warteten geöffnet zu werden. Im Schein der Kerzen und der mechanischen Lichter nahmen sie den Part des Geheimnisvollen ein, denn auch ich wusste nicht, was sich in jedem von den bunten Päckchen befand. Draußen hatte sich bereits die Dämmerung eingefunden und wir warteten gespannt auf das Geburtstagskind und ihre Begleitung. In diesem Moment blieb uns noch genügend Zeit um uns auf Marie und Flora vorzubereiten. Josy kam gerade den Flur entlang und trug ein großes Tablett mit Gläsern und Weinkaraffe.
Der Duft war so umwerfend, dass ich an mich halten musste, sie nicht anzugreifen. Auch die Vorfreude endlich den blutigen Schleier abzulegen, tat sein übriges dazu bei. Ich fühlte die Glut in meinen Augenhöhlen und lechzte nach Nahrung. Josy war viel zu langsam für meinen Geschmack. Der Körper zitterte vor Verlangen und wollte mir nicht mehr gehörchen. Ich brauchte es! Jetzt sofort! Ohne es zu wollen sprang ich nach vorn und gierte die Glaskaraffe an. Hastig griff ich nach dem Tablett und versenkte meine scharfen Krallen darin. Josy taumelte, da sie nicht damit gerechnet hatte und fluchte: ››Scheiße! Pass doch auf!‹‹
Wie ein Tier, was seine Beute bereits ausgemacht hatte, fixierte ich das Glas mit der wertvollen Fracht. Sie schwappte hin und her. Der Speichel rann wie ein Wasserfall meine Kehle hinunter und ich keuchte und leckte mir genussvoll die Lippen.
››Wie lange, sagtest du, hatte sie kein Blut getrunken?‹‹, hörte ich Li aus dem Hintergrund sagen.
››Eindeutig zu lange!‹‹, knurrte Alex.
››Also das hätte jetzt auch Marie sein können‹‹, sagte Celest sehr traurig und rüttelte mich damit wach.
Ruckartig ließ ich das Tablett frei und starrte in Josys schüttelndes Gesicht. Voller Vorwurf schaute sie mich an und ich wollte am liebsten im Boden versinken. Ich senkte mein Haupt und führte die zitternde Hand zum Mund.
››Oh mein Gott … das … es … tut mir leid.‹‹ Und das war die Wahrheit. Es war mit mir durchgegangen. Wer weiß was passiert wäre, wenn Marie und Flora eher nach Hause gekommen wären. Nicht auszudenken!
Plötzlich war es unerträglich still geworden und Alexander trat an meine Seite. Er schnappte sich ein Glas und befüllte es. Kurz darauf hielt er es mir hin und brummte: ››Ich will hoffen, dass dir das eine Lehre war!‹‹ Gerade als ich nach dem Glas greifen wollte, zog er es noch einmal zurück und seine Augen formten sich zu schlitzen. ››Das erste Mal, als die Packer unsere Möbel gebracht haben, war ich schon sauer. Das zweite Mal, als gestern ein Motorradfahrer an uns vorbeifuhr und du ihm fast aus dem offenen Fenster nachgesprungen wärst, das war schon eine Nummer zu hoch. Aber das hier übertrumpft alles! Wir leben hier gut, du brauchst nicht austesten wie lange du in Abstinenz leben kannst. Ich hoffe, du siehst ein, dass das wirklich naiv war!‹‹
››Ja‹‹, war das Einzige, was ich aufbringen konnte. Ich traute mich nicht ihm in die Augen zu sehen, so sehr schämte ich mich. Ja, er hatte recht und wahrscheinlich würde er mich noch viel mehr tadeln, wenn er wüsste warum ich diese Dummheit begangen hatte.
Dieser Vorwurf sollte jedoch der Einzige bleiben. Niemand trat erneut an mich heran. Sie ließen die Tat im Raume stehen und das kam mir schlimmer vor, als wenn man mit mir darüber gesprochen hätte. Jeder trank sein Glas und es hielt eine ungewohnte Stille in das Wohnzimmer ein, die ich verfluchte.
Nach und nach blinzelte ich durch die Runde und betrachtete die Festagskleidung, in die sich jeder von uns geworfen hatte. Zwar fanden die Männer es unangebracht einen Anzug zu tragen, aber ihre eleganten Hemden passten perfekt zu den schwarzen Stoffhosen. Josy tanzte mal wieder etwas aus der Reihe und trug ein tiefrotes Abendkleid, was ihre rötlichen Strähnen richtig gut zur Geltung kommen ließ. Celest trug ein schlichtes, schwarzes Cocktailkleid, genauso wie ich. Allerdings unterlag ich einem gewissen Zwang meine Hände mit passenden Stoffhandschuhen zu schützen. Alexander hatte ich beim umziehen intensiv fixiert, da er mir immer noch ein neues Abendkleid schuldete und ich mir nun dieses von Josy hatte borgen müssen.
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