„Ja ich will es haben. Ich werde lesen lernen. Ganz bestimmt“, sagte sie jetzt mit lauter, fester Stimme. Also überreichte Oberhexe Clemens ihr das wirklich große und sehr schwere Buch. Sogar Bobola staunte nicht schlecht.
„Wou, das ist ja ein tolles Hexenbuch. Komm lass uns mal reinschauen, was alles drin steht“, sagte Bobola neugierig. Rumsum reichte ihr das Buch, aber Bobola konnte es gar nicht öffnen, es ging einfach nicht auf.
„Tja, Rumsum du hast ein wirklich kluges Buch. Das lässt sich offensichtlich nur von dir öffnen wenn du alleine bist und selber darinnen liest. Ja das nennt man Pech“, gab Bobola lachend und frech von sich. Dann ging sie weg und dachte über diese merkwürdige Sache nach, denn so ein Hexenbuch war ihr bisher noch nie untergekommen.
Rumsum stand erstmal traurig da. Wie sollte sie darin lesen? So setzte sie sich in eine Ecke und nahm sich das Hexenbuch auf den Schoss. Plötzlich sprang es auf und gab seinen wunderbaren Inhalt preis. So viele schöne Bilder waren da zu sehen und die Buchstaben waren herrlich verziert und es war so viel zu lesen. Vor lauter Neugier versuchte das Hexlein zu entziffern was sie sah, sie stotterte und plapperte, doch sie verstand nicht, was sie las. Schon rollten ihr die Tränen herunter. In diesem Moment vernahm sie eine Stimme: „Gib nicht auf, du wirst das schaffen. Lerne und glaub mir, eines Tages verstehst du auch was du liest“.
„Wo bist du?“ Rumsum schaute sich suchend um.
„Ich lieg auf deinem Schoß“.
„Oh, du kannst reden?“
„Das mach ich eigentlich nicht gern. Aber da ich ja praktisch dir gehöre, kann ich mich mit dir unterhalten. Komm schon, lern weiter und dann werde ich dir einen Zauber zeigen, der dir in Notlagen hilft.“
Ab diesem Zeitpunkt lernte Rumsum sehr fleißig, plötzlich fiel der Groschen und sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Das Buch zeigte ihr die Geheimnisse der Buchstaben. Je mehr sie las umso klüger wurde sie. Ja und sie eignete sich Wissen an. Zugleich lernte Rumsum die tollsten Zaubersprüche, wenn sie in ihrem großen Buch blätterte, denn Zaubern, das war ihr das Wichtigste, da war sie in ihrem Element.
So vergingen die Jahre, Rumsum konnte bereits hervorragend zaubern und manches Hexlein war sogar ein bisschen neidisch auf sie. Keine andere hatte nämlich ein so großes, ausführliches und umfangreiches Lehrbuch.
Aber es gab da ein Problem: Rumsum wuchs nicht, sie wurde nicht größer. Warum? Das wusste Keiner. Doch lesen und zaubern, das konnte sie wie keine andere.
Ihre beste Freundin war - na wer? Das könnt ihr euch doch denken, klar, das war Bobola.
Im Laufe der Zeit schloss eine Hexe nach der anderen die Hexenschule ab. Am Schluss war nur noch die kleine Rumsum übrig.
Eines Tages kam die Oberhexe mit der Buckligen auf sie zu.
„Rumsum, wir wollen uns noch ein bisschen in der Welt umsehen. Wenn du willst kannst du in der Burg bleiben und sie zu deinem zu Hause machen“.
„Aber Oberhexe Clemens, dann bin ich ja ganz allein!“, sagte Rumsum verzweifelt.
„Such dir Freunde oder lade dir Freunde ein. Das kannst du. Man kann alles, man muss es nur ausprobieren!“, lachten die beiden Hexen und so verschwanden sie.
Nun war Rumsum alleine. Die Einsamkeit machte ihr zu schaffen, denn sogar Bobola war mitgegangen, sie hatte jetzt ihre eigene Erdhöhle gefunden, wie sie es schon lange wollte.
So kam Rumsum auf den Gedanken, ihren Vater zu besuchen. Ob das eine gute Idee war? Oder ob sie das lieber wieder vergessen hätte sollen? Wer weiß? Aber nein, sie setzte den Gedanken in die Tat um. Denn sie wollte unbedingt wissen, warum der Vater damals die Mutter verfolgte. So packte sie den nächst besten Besen, schwang sich darauf, sprach einen
Zauberspruch und flog durch die Lüfte.
Als sie ihr Heimatdorf sah, erschauderte sie, denn das kleine Städtchen war nicht mehr aufgebaut worden und man sah auch keine Menschen. So durchstreifte sie die Gegend und schaute in alle Winkel und in die wenigen Häuser, die noch standen.
Völlig unerwartet stand auf einmal ein sehr alter Mann vor ihr. Er fragte: „Was macht denn ein Kind hier alleine? Hast du dich verlaufen oder verirrt?“
„Nein, ich suche jemanden“, gab sie charmant zur Antwort.
„Hier ist außer mir niemand“, antwortete der Mann verbittert.
„Kanntet Ihr noch den Bürgermeister dieses Städtchens?“ Rumsum schaute den Alten fragend an.
„Wieso? Was willst du von ihm“?
„Ich hätte ihm gerne ein paar Fragen gestellt“.
„Nun, ich bin der ehemalige Bürgermeister - was für Fragen hast du denn“?
„Oh dann kann ich dich ja fragen? Ich hätte gern gewusst, was aus deiner Familie wurde“?
„Was geht das dich an. Das war vor langer Zeit. Meine Frau war eine Hexe, aber das wusste ich lange nicht. Bis ich eines Tages eher heimkam und sie in einem sehr großen, schweren Buch lesen sah, welches in einer mir unbekannten Schrift geschrieben war. Da wusste ich, dass sie eine Hexe war. Welche Frau kann schon lesen? Hexen können lesen. Sie hatte einen Zauber über meine Tochter gesprochen und darüber wurde ich sehr wütend. Schnell lief sie mit meiner Tochter davon und wenn ich nicht gekommen wäre, hätte sie wohl auch meine Söhne mitgenommen. Die mich auch verlassen haben“.
„Und was ist aus der Mutter geworden“?
„Wir jagten sie. Doch sie entkam. Die halbe Stadt stand in Flammen. Das war ihre Schuld. Später holten wir sie ein. Doch sie war alleine. Sie hatte meine Tochter nicht mehr. Niemand wusste, wo sie hingekommen war. Bevor wir sie ergreifen konnten, sprang sie von einem hohen Abhang hinunter. Später verließen alle die Stadt. Weil sie glaubten, sie sei verflucht. Nun weißt du, warum keiner mehr hier ist. Wenn mir je wieder eine Hexe begegnet, zünde ich sie persönlich an“, berichtete er voller Wut.
In seine Augen stand soviel Hass, dass Rumsum bei dieser Rede erschrak. Das bemerkte der Alte. Schon packte er Rumsum und ehe sie sich versah, war sie in einem alten Haus eingesperrt.
„Lass mich sofort hier raus, ich habe dir nichts getan“, tobte sie.
„Das könnte dir so passen, du leine Hexe, du Missgeburt“, lachte der Alte und zündete seelenruhig das Haus an. Wenig später stand es hell in Flammen. Rumsum sah durch die Öffnungen einen wahnsinnigen alten Mann herumtanzen. Sie verstand die Welt nicht mehr. Im allerletzten Moment fiel ihr in ihrer Notlage ein Zauberspruch ein und sie rief laut:
„Hokus Pokus Besenstiel.
Flieg herbei, komm schnell ans Ziel.
Hol mich aus dem Flammenmeer,
dein Hexlein braucht dich, viel zu sehr!“
Gleich kam ihr Besen angeflogen, er sauste durch ein geschlossenes Fenster. Es zerbrachen die Glasscheiben, diese klirrten und die Flammen wurden dadurch noch größer. Er suchte in den Flammen seine Hexe.
Ach, war sie froh dass der Besen so schnell verfügbar war. Sofort schwang sie sich drauf und flog aus den Flammen. Zornig sprach sie aus der Luft über ihren Vater, der ihr so fremd war, einen Zauberspruch.
Dann lachte sie, wie es Hexen machen, die Freude haben, wenn ihnen was tolles gelungen ist.
Doch sogleich verlor sie ihr gutes Herz und die Erinnerung an ihre Familie. Im selben Augenblick stand der Vater als Wildschwein in der verlassenen Stadt. Er sprang wild und böse grunzend herum und machte das solange, bis er nicht mehr konnte und Besinnungslos umfiel. Von diesem Tage an, war ihr der Besen ein richtiger Freund geworden und bekam seinen Namen "Rumpelpumpel".
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