„Schon okay“, meinte er und winkte ab. Lange Zeit fuhren sie schweigend weiter. Franzi döste vor sich hin.
„Schau mal! Nur noch über den Berg, dann sind wir bei deinem Ponyhof“, stellte Mojo fest. Franzi öffnete die Augen und schaute in Richtung des Kirchturms, der im Zentrum des Ortes stand. Sie spürte, wie der Kloß im Hals noch dicker wurde. Nur noch ein paar Minuten bis sie Frau Knoll, die strenge Hofbesitzerin, ihren Yorkshire-Terrier Kuni, ihre schreckliche Nichte Wiebke, die Mädchen - und Olli sehen würde. Sie atmete tief durch, lehnte sich im Sitz zurück und kaute nervös auf einer Haarsträhne.
Mojo brachte das Cabriolet ruckend zum Stehen. Sie waren am Ziel. Neugierig ließ sie den Blick über den Hof schweifen. Das große weiße Gebäude, dessen Putz allmählich abblätterte, mit den Stallungen und angrenzenden Weiden, das schmiedeeiserene Tor, mit den goldenen Pferdeköpfen. Alles schon sehr alt und renovierungsbedürftig, aber so sauber, dass auf dem Kopfsteinpflaster kein einziger Strohhalm lag. Ein paar Mädchen liefen schnatternd am Auto vorbei, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.
Die kenne ich schon mal nicht, dachte Franzi gerade, als plötzlich die Autotür aufgerissen wurde und Lisa, eine der ältesten Ferienkinder, sie freudig begrüßte. Franzi stieg lachend aus, um ihre Freundin herzlich zu begrüßen.
„Mensch Lisa, bist du gewachsen!“, und noch hübscher als letztes Jahr , stellte Franzi - nicht ohne Neid - fest.
„Ja, schau! Jetzt bin ich fast so groß wie du“, bestätigte ihr das blonde Mädchen, indem sie sich nahe neben Franzi stellte und die Größe verglich.
„Ja, cool. – Ist schon jemand da, den ich kenne?“, fragte Franzi neugierig.
„Johanna, meine kleine Schwester, natürlich. Wiebke ist auch schon da. Äh, die Annika, Mara, Caroline, Svenja ...“, Lisa zählte auf. Franzi hörte schon nicht mehr richtig zu. „Ist Olli auch da?“, fragte sie ganz nebenbei.
„Nein, leider kommt er erst nächste Woche. Er muss seinen Eltern auf dem Hof helfen und hat dafür ein paar Tage freigenommen“, erklärte Lisa.
Schade , dachte Franzi im ersten Moment – aber vielleicht ist es ganz gut. So kann ich mich erst einmal eingewöhnen, bevor er kommt.
Mojo hatte in der Zwischenzeit das Gepäck ausgeladen. „So, da sind alle deine Sachen. Soll ich sie dir noch irgendwohin tragen?“, fragte er. Lisa musterte ihn neugierig und strich sich dabei durch ihre hüftlangen Haare. Mojo hatte seine kurz geschorenen Haare kunstvoll mit Gel hochgestylt. Seine Naturfarbe war auch blond, aber da schwarz im Moment modern war, hatte er schwarzgefärbte Haare, die am Ansatz blond waren. Seine Figur konnte man in den weiten Hosen, die er trug, nur erahnen. Seine tiefblauen Augen lachten Lisa an, als er grinsend ihren Blick erwiderte.
Als er sich kurz darauf bückte, um Franzis Koffer hochzuheben, kamen seine Markenboxershorts zum Vorschein.
„Weißt du, ob ich wieder mein altes Zimmer hab'?“, fragte Franzi Lisa, die noch immer den Jungen beobachtete.
„Ja, klar. Du bist wieder oben.“
„Also folge mir, Brüderlein!“, wies sie Mojo an, schnappte ihre Tasche und lief voraus.
Nachdem alles an Ort und Stelle war, verabschiedete sich Mojo wieder. Franzi packte hastig ihre Sachen aus, denn sie wollte keine Minute der kostbaren Zeit verschwenden. Dann stopfte sie sich die Taschen voll mit Karotten und eilte in den Stall hinunter.
Genüsslich, mit geschlossenen Augen, sog sie den Stallduft ein.
Ist das nicht der beste Duft der Welt?! Endlich bin ich wieder hier, freute sie sich und schaute nach den Ponys. In der Hoffnung etwas zum Fressen zu ergattern, kamen die Isländer zu ihr. Irgendwie hatten sie den süßen Geruch von Karotten in den Nüstern. Plötzlich kam Unruhe in die Herde, denn Rafi, der Herdenchef, bahnte sich den Weg zu ihr.
„Hallo Rafi. Na, wie geht es dir? Kennst du mich noch?“, fragte sie schmeichelnd. Das schwarze Pony blickte sie mit seinen dunklen Samtaugen aufmerksam an.
Langsam kam der Rappe näher und schnoberte an ihrer ausgestreckten Hand. Er brummelte leise.
Wahnsinn, er kennt mich noch. Franzi streichelte ihm glücklich über sein glänzendes, dunkles Fell, zog eine Karotte aus der Tasche und hielt sie ihm hin. Knackend biss er hinein.
„Na, mein Süßer, gut siehst du aus. Bin mal gespannt, was wir dieses Jahr zusammen erleben werden“, meinte sie in freudiger Erwartung, als sie hinter sich eine bekannte Stimme vernahm: „Ich hoffe nichts so Dramatisches wie letztes Jahr, Franziska.“
Franzi drehte sich um und sah, dass ihre Chefin in den Stall gekommen war. Eine kleine, drahtige, grauhaarige Frau - energisch, streng, pingelig - und immer in Reithosen, Stiefeln und einer Gerte bewaffnet, marschierte mit harten Schritten auf sie zu.
„Hallo, Frau Knoll.“ Franzi streckte ihr herzlich die Hand entgegen.
„Hallo Kind. Wie geht es dir? Schön, dass du wieder helfen kannst.“
„Ja, ich freu‘ mich auch wahnsinnig.“
Wiebke und Johanna, mit Kuni im Schlepptau, kamen in diesem Moment in den Stall gestürmt.
„Super Franzi, cool, dass du wieder da bist“, versicherte ihr Johanna, die auch dieses Jahr ihr langes blondes Haar in zwei Flechtenzöpfen trug, als die Ältere erblickte. Kuni sprang kläffend an Franzi hoch. Die beugte sich hinunter und streichelte den aufgeregten Hund über sein zottiges Fell.
„Na, Kuni, großer Wachhund, wie geht es dir?“ Heftig wedelte er mit seinem kurzen Schwänzchen und leckte ihr übers Gesicht.
„Ihh, Kuni, so genau wollte ich es nicht wissen“, lachte sie und wischte sich mit dem Ärmel über ihr feuchtes Gesicht.
„Ja, sogar die Mädchen, die dich noch nicht kennen sind ganz gespannt auf dich“, berichtete die rothaarige, sommersprossige Wiebke und Johanna, die neben Wiebke noch zarter erschien, als sie ohnehin schon war, nickte zustimmend.
„Oh je. Was hast du ihnen denn alles erzählt?“, fragte Franzi misstrauisch, denn sie kannte Wiebke mittlerweile recht gut und wusste, dass sie immer irgendwelche Gemeinheiten ausheckte. Wiebke grinste nur, dabei kam ihre neue Zahnspange zum Vorschein.
„Jetzt sag schon!“, forderte Franzi sie ungeduldig auf und starrte dabei auf die Spange, in der noch Brotkrumen hingen.
„Ich hab' ihnen eigentlich gar nichts erzählt. Auf jeden Fall nicht, dass du ganz schrecklich bist, dass du nur meckerst und motzt, dass es Reitverbot gibt, wenn jemand etwas falsch macht - ... Du siehst, ich war ganz brav“, entgegnete sie, grinste breit und unschuldig. Johanna blickte zu Boden.
„Wiebke!“, ermahnte Frau Knoll ihre Nichte.
„Danke, Wiebke, ich glaub‘ dir kein Wort.“ Franzi schüttelte den Kopf, so gemein konnte ja nicht einmal Wiebke sein. Sie wandte sich an ihre Chefin. „Was macht der Hengst? Sind seine Wunden von letztem Jahr gut verheilt? Kann man ihn reiten?“, erkundigte Franzi sich neugierig.
Frau Knoll stöhnte frustriert. „Ja, Franzi, der Hengst – mit dem haben wir so unsere Probleme. Seine Wunden sind alle sehr gut verheilt. Bis auf ein paar Narben am Röhrbein merkt man ihm nichts mehr an. Aber er ist immer noch sehr wild und hat kein Vertrauen zum Menschen. Es war ein Drama seine Verbände zu wechseln. Er lässt sich nur ungern anfassen. Theoretisch könnte man ihn reiten, aber er buckelt wie wild. Er hat Olli schon ein paar Mal in den Sand gesetzt.“ Franzi erschrak, denn das hatte er ihr nicht geschrieben. „Oh je, ich hoffe, ihm ist nichts passiert.“
„Nein, du kennst ihn doch, der ist zäh. Er ist sofort wieder aufgestiegen - und war gleich wieder unten.“ Margarete Knoll schüttelte traurig den Kopf.
„Olli kann nichts einschüchtern, der ist knallhart“, meinte Wiebke bewundernd. Johanna nickte.
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