Meine Sitzreihe musste bei dem Aufprall rausgeschleudert worden sein. Ich konnte die Überreste des großen Flugzeuges in der Nähe ausmachen. Es war in mehrere Teile gebrochen. Einige standen noch in Flammen. Wir mussten mitten im Urwald abgestürzt sein. Meine Beine konnte ich nicht mehr fühlen. Ein großes Metallteil hatte sich auf meine Unterbeine gelegt, es sah aus, als wären sie durchbohrt worden. Fühlen konnte ich da unten nichts mehr.
Erst jetzt bemerkte ich das scharfe Metallstück, das sich tief in meinen Magen gebohrt hatte. Mein weißes Hemd war bereits vollkommen in Blut getränkt. Aber ich spürte den Schmerz nicht mehr. War das ein gutes Zeichen?
Meine Stimme hatte versagt. Ich wollte um Hilfe schreien, aber ich konnte nicht. Der Dschungel war totenstill. Die Stille beinahe ohrenbetäubend. Nach und nach konnte ich andere Passagiere sehen. Doch keiner von ihnen bewegte sich mehr. Ihre Körper lagen leblos, blutgetränkt und zerstückelt in der Umgebung. Ein surrealer Anblick, der aus einem Horrorfilm hätte stammen können.
Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Aber ich befand mich mitten im Urwald. Selbst wenn die Hilfs- und Sicherheitskräfte unsere Position ausmachen könnten, würde es Stunden, vielleicht Tage dauern, bis sie zu uns vorgedrungen wären. Ich wusste, dass ich vermutlich nicht einmal die nahende Nacht überstehen würde. Sollte das wirklich mein Ende sein? Mitten im Nirgendwo ohne die Möglichkeit, sich zu verabschieden?
Es waren an diesem Tag über 30 Grad. Die Luft stand, sie war so wahnsinnig schwül. Das Flugzeugwrack brannte immer noch, wodurch die Wärme weiter anstieg. Ich blickte auf Sofia. Für einen kurzen Moment dachte ich, sie hätte sich bewegt. Sie war so jung, so bildhübsch und nun saß sie regungslos neben mir. Ihr Körper war bereits kalt. Ein Schuh fehlte ihr. Dennoch hatte sie ein kleines Lächeln im Gesicht. Vielleicht hatte sie kurz vor dem Tod an etwas Schönes gedacht?
Die Stunden zogen dahin. Ich wurde schwächer und müder. Meine Schwester arbeitete als Ärztin, sie hatte mir beigebracht, in solchen Situationen wach zu bleiben. Doch wie sollte ich das. Ich war so geschafft und wünschte mir einzuschlafen. Alles könnte dann so einfach sein. Dennoch versuchte ich, nicht aufzugeben. Ich wollte meine Schwester unbedingt wiedersehen, obwohl mir bereits klar war, dass dieser Wunsch nicht mehr in Erfüllung gehen würde.
Die Nacht näherte sich und ich hatte keine Ahnung, wie ich es so lange schaffte. Nach und nach zog die Dunkelheit ein und legte den schwarzen Schleier um die ganze Umgebung. Die Umrisse verblassten. Das Wrack brannte nicht mehr. Die Temperatur sank rapide. Versehentlich berührte ich die kalte Hand von Sofia, die vielleicht schon in ihrem eigenen Paradies angekommen war. Was hätte ich doch dafür gegeben, sie näher kennenzulernen. Mit Sicherheit hätten wir uns gut verstanden ...
Immer noch herrschte absolute Stille im Urwald. Die Dunkelheit war nun überall. Wie spät es war, wusste ich nicht. Ich konnte meinen Arm nicht bewegen. Vielleicht war es Mitternacht, vielleicht aber auch später. Spielte das überhaupt noch eine Rolle? Ich war so müde. Meine Augen fielen einfach zu ... ich fühlte die Erlösung ... sie kam näher ... mein Leid würde gleich zu Ende sein.
Meine Augen waren geschlossen. Ich fühlte mich frei, ein wenig schwerelos. Nur noch Minuten, vielleicht Sekunden würde es dauern, bis ich mein Leben verlassen würde. Ich spürte keine Bitternis, keine Trauer mehr. Ich ergab mich der Situation, doch genau in jenem Moment zwang mich etwas, die Augen zu öffnen.
Durch die Stille zischte ein unbeschreibliches Geräusch, das durch alle meine Glieder zog. Ich riss meine Augen mit letzter Kraft auf. Sehen konnte ich nichts. Nicht einmal mehr die Umrisse der alten Bäume. Erst nach und nach löste sich die Dunkelheit auf. Ich erkannte verschwommen ein Gesicht. Eine unbekannte Frau stand vor mir, mitten in der Dunkelheit. Ihre Nase war groß, spitz, die Haare lang, alte Rastazöpfe mit kleinen bunten Kugeln im Haar waren zu erkennen.
Sie hauchte mich an, ihr verfaulter Atem raubte mir die Sinne. Doch irgendetwas hielt mich wach, dabei war der Drang einschlafen zu wollen, immer noch so groß.
»Willst Du leben?«
Ihre Stimme klang hart und doch auch butterweich. Sie verzauberte mich und die Müdigkeit wich dahin.
»Ja ...«, flüsterte ich mit der letzten Kraft.
»Ehre meinen Namen und spüre meine Güte ...«, flüsterte sie mir zu.
»Wie ist Dein Name?«
»Asetfra ... Sage ihn! Sage ihn!«
»Asetfra! Asetfra!«, schrie ich ihr entgegen.
Wobei der Schrei eher wir ein kläglicher Hauch klang. Doch auf einmal wurde die Dunkelheit durchbrochen. Alles leuchtete. Wie ein göttlicher Segen durchfuhr mich die Helligkeit. Danach verschwand sie und ich sackte erneut zusammen ...
Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich auf dem Boden. Ich blickte nach oben und sah die leblose Sofia, die immer noch an ihrem Sitz gegurtet war. Voller Verwunderung blickte ich auf meinen Körper. Ich lag frei auf dem Boden. Kein Metallstück hatte mich mehr durchbohrt oder meine Beine in zwei Stück geschnitten. Ich spürte hier und da noch einige Schmerzen, doch es gelang mir ohne große Mühe aufzustehen. Ich hatte keine Ahnung, wie das möglich war, aber was auch immer letzte Nacht passiert war, die Erscheinung hatte mich gerettet.
Ich schlenderte an den Trümmerteilen vorbei, sah die Leichen, die abgetrennten Gliedmaßen. Ein unvorstellbarer Anblick, der mich erzaudern ließ. Warum wurde ich verschont? Die ganze Zeit stellte ich mir diese Frage.
Welchen Weg ich gehen sollte, wusste ich nicht. Aber irgendetwas führte mich und nach ein paar Stunden gelangte ich auf eine kleine Straße, die sich durch den Dschungel schlängelte. Ich hatte so großen Durst und sackte zusammen. Plötzlich hörte ich etwas. Ein Brummen. Da , ein Lastwagen näherte sich. War das eine Fata Morgana oder real?
Als der Wagen anhielt, der Staub in mein Gesicht wehte und kräftige Arme mich packten, wusste ich, dass es kein Traum mehr war. Sie hatten mich gefunden!
Ein paar Tage später erwachte ich im Krankenhaus in Kinshasa auf. Die Ärzte strahlten. Sie fassten es nicht. Es grenzte an ein Wunder. Bis auf ein paar kleinere Wunden und Schrammen, gab es keine weiteren Verletzungen. Ich hatte als einziger den Absturz überlebt.
Mittlerweile waren einige Jahre vergangen. Ich war wieder in New York und hatte seit dem die Stadt nicht mehr verlassen. Noch immer dachte ich an Sofia, an ihre kalten Hände und an das Licht. Ich war fest davon überzeugt, dass es ein göttliches Licht gewesen sein musste, welches mich gerettet hatte.
Fortan heiligte ich den Namen des Vaters und besuchte so oft, wie ich nur konnte, die Kirche. Ich lass die Bibel, wurde gottesgläubig und verschrieb mich mehr und mehr meinem Glauben. Es war ein so großes Glück, dass ich meine Schwester wiedersehen durfte, dass es nur Gott gewesen sein konnte, der mich durch einen seiner Engel erretten ließ.
Meine Schwester dachte, ich würde ganz verrückt werden. Doch ich ließ mich nicht davon abbringen. Das, was in jener Nacht im Urwald passiert war, konnte nur das Werk Gottes gewesen sein.
* * *
Die Jahre vergingen wie im Fluge, mein Haar wurde grauer und ich vergaß immer mehr die schlimmen Ereignisse von damals. Der kalte, leblose Körper von Sofia war wie ausgelöscht. Ich lebte mein Leben. Frei und ohne Sorgen, als gläubiger Mensch und war glücklich.
Meine Schwester war jedoch weiter besorgter. Seit einiger Zeit wandelte ich im Schlaf durch die Gegend. Manchmal wachte ich am nächsten Morgen in der Küche oder in der Badewanne auf. Sicherheitshalber verschloss ich jede Nacht die Tür. Trotz mehrfacher Untersuchungen gelang es den Ärzten nicht, die Ursache festzustellen. Ich hatte keine Alpträume, keine Nachtangst und auch sonst gab es keine Verhaltensstörungen, die dazu hätten führen können.
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