weiter nichts. Nach einer längeren Weile begann der Alte wieder:
»Selig – selig ist, wer bis ans Ende – – an die – – die ewge Liebe glaubt – – –! Suchen – –
suchen – – – im Verscheiden – – Erlösungsstern – – zur Herrlichkeit des Herrn – – –!«
Dann stieß er plötzlich einen überlauten Schrei aus, richtete sich in die Höhe, deutete mit der
Hand wie in weite Ferne und rief in angstvoller Hast:
»Er schießt, er schießt – – – spring weg, spring weg; er schießt!«
Dann sank er wieder nieder. Nun ging sein Atem laut röchelnd, langsamer, immer langsamer,
bis ich glaubte, er sei ganz weggeblieben; da aber hörte ich ihn noch einmal mit ruhiger,
deutlicher Stimme sagen:
»Ich gehe jetzt, meine Tochter; aber nur mein Körper scheidet; meine Seele wird bei dir
bleiben und dich behüten immerdar. Ich segne dich; ich segne euch. Der Herr sei euer Heil
und euer Schirm! An seinem Throne werde ich unaufhörlich für euch beten. Habt Dank – – –
lebt wohl – – – lebt wohl, ihr lieben – – lieben – – lieben – – –!«
Das letzte Wort erstarb zur Unhörbarkeit. Es wurde still, stiller als vorher. Nicht einmal das
Feuer schien knistern zu dürfen. Da wendete die Frau sich ihrem Sohne zu und sagte in einem
Tone, als ob ihr Leben nun auch zu Ende gehe:
»Stefan, dein Großvater ist gestorben; mir und dir ist er gestorben. Weine du; ich kann es
nicht!«
Nun erst, nachdem sie sich dem Knaben zugewendet hatte, sah sie uns. Sie stand langsam auf,
kam wie eine nur die Füße bewegende Statue auf uns zu und sagte mit seelenloser Stimme:
»Die Gymnasiasten von vorgestern. Was wollen Sie?«
»Sie haben Ihre Schiffskarte in Falkenau liegen lassen, und wir bringen sie Ihnen nach,«
antwortete ich.
Ihre Augen waren nicht auf mich, sondern wie durch die Wand hindurchgerichtet, und es
klang, als ob sie zu einem Abwesenden spreche:
»Danke; legen Sie sie hier auf den Tisch!«
»Ihre Gültigkeit läuft Anfangs Februar ab,« fuhr ich fort, da ich es trotz der dazu ganz
unpassenden Situation für meine Pflicht hielt, ihr diese Mitteilung zu machen. »Nun Ihr Vater
gestorben ist, wird Ihnen der Bremer Lloyd den Betrag der auf seinen Namen lautenden Karte
zurückzahlen, denn bei Todesfällen verfällt die Summe nicht.«
»Ich weiß nicht, ob ich bis nach Bremen komme,« erklang es kalt und ohne Ton.
»Sie müssen hin. Ein Freund von Ihnen hat mir das für Sie gegeben; stecken Sie es ein!«
Es war, als ob ich gar nicht anders könnte, ich mußte diese Worte sagen und meinen
»Geldschrank« unter der Weste hervorziehen, um ihn ihr zu geben. Sie steckte den Beutel ein,
ohne ihn anzusehen, ja, ohne ihn, wie es schien, eigentlich in der Hand zu fühlen.
»Geben Sie das aber ja nicht für das Begräbnis her!« fügte ich hinzu. »Sie brauchen es zum
Fahren unterwegs.«
»Ich werde es verstecken,« nickte sie wie ein Automat.
»Und hier in diesem Paket ist für Sie etwas zu essen, was ich mitgebracht habe. Gute Nacht,
Frau Wagner!«
»Gute Nacht!«
Ich gab dem Knaben die Hand und ging mit Carpio hinaus; die Botenfrau folgte uns. Draußen
fragte ich sie:
»Haben Sie alles gehört, was ich zu der Frau gesagt habe?«
»Alles,« nickte sie; »jedes Wort.«
»Sagen Sie ihr alles, aber auch alles wieder, denn sie scheint nicht draufgehört zu haben! Sie
muß den Beutel verstecken, daß man ihr das Geld nicht nimmt, welches sie zur Reise braucht.
Für das Begräbnis hat die Gemeinde zu sorgen, zu welcher diese Mühle gehört. Und damit Sie
etwas für die richtige Ausführung dieses Auftrages haben, halten Sie die Hand auf!«
Sie that es, und ich schüttete ihr mein Reisegeld hinein; dann gingen wir fort, im Halbdunkel
des hereingebrochenen Abends den Weg zurück, den wir gekommen waren.
Was ich dabei dachte? Nichts, gar nichts. Ich hatte wie unter einer Eingebung gehandelt und
bereute nicht, es gethan zu haben. Der Busenfreund trollte lange Zeit schweigend hinter mir
her, bis es ihn doch endlich trieb, das Schweigen zu unterbrechen:
»Du, Sappho, diese alte Mühle und diese Sterbescene werde ich in meinem ganzen Leben
nicht vergessen! Wieviel hast du der Frau gegeben?«
»Alles.«
»Deine zwanzig Sparthaler und unsere zehn Gulden? Mensch, du bist ein großartiger Kerl!
Aber ich nicht minder! Ich hätte es ihr auch gegeben, grad so wie du! Und was hat die alte
Frau bekommen?«
»Mein Reisegeld.«
»Das ganze?«
»Ja.«
»Wieviel hattest du noch?«
»Ich weiß es nicht.«
»Er weiß es nicht! Großartig! Er giebt seinen letzten Pfennig und Kreuzer weg. Was aber
machen wir nun, und wovon leben wir nun?«
»Wieviel Geld hast du noch?«
»Ich weiß es auch nicht genau.«
»Ist auch nicht nötig. Zum Übernachten in Bleistadt reicht es auf jeden Fall für uns beide
aus.«
»Ja, aber dann?«
»Dann gehen wir wieder nach Falkenau.«
»Etwa zum Franzl?«
»Ja.«
»Potztausend! Der wird den Quarkkuchen nicht so schnell vergessen haben! Können wir das
nicht vermeiden?«
Da blieb ich stehen, nahm ihn beim Arme und fragte in meinem feierlichsten Tone:
»Carpio, habe ich schon jemals einen Menschen angepumpt?«
»Nein – – nie – – keinen einzigen!«
»So höre, was ich dir sage! Mit unserer Reise ist es aus, denn unser Geld ist alle. Betteln
können wir nicht; ich pumpe also den Franzl an; der muß uns soviel geben, wie wir brauchen,
um heimzukommen. Bist du einverstanden?«
»Sag erst, wer es ihm wiederzugeben hat! Du allein oder wir beide.«
»Ich allein.«
»So erteile ich dir meine vollste Genehmigung. Aber du mußt ihn selbst anborgen; ich brächte
kein Wort über meine Lippen, schon des übergangenen Heißhungers wegen.«
»Natürlich thue ich es selbst. Jetzt komm!«
»Ich komme schon; ich bin mit allem einverstanden. Aber wenn der Franzl wegen des
Pumpes wild wird und uns zum Fenster hinauswirft, lasse ich mich niemals wieder hier in
Österreich sehen, sondern suche drüben mein Eldorado auf, wo ich soviel Geld bekomme, wie
ich nur haben will!« – –
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