Ganz anders dagegen, urmächtig und gewaltig, eine unbekannte riesenhafte Kraft, erhebt sich Gotthelf vor uns, ein mächtiges Schweizer Gebirge, das nun, da die Nebel von ihm gesunken sind, die anmutige und bezaubernde Höhe Gottfried Kellers in vielem überragt. Gotthelf hat den Genius des unbestechlichen Blickes. Er sieht klar in Menschen und Dinge hinein, mit mehr durchdringendem als sentimentalischem Auge. Er hat eine ungeheuere Kenntnis des Lebens, sowohl der Natur als des menschlichen Betriebes und seiner geheimsten Innenwelt der Seele. Er hat die Gabe der Plastik, das saftige sinnliche Wort, das nicht Unzucht mit der Literatur getrieben hat, sondern gesund genährt vom schweizerischen Volksklang, strotzend und saftig aufgewachsen ist. Er hat alle Vorzüge eines großen epischen Erzählers und dazu noch die sittliche Reinheit eines entschiedenen Charakters, der mit seinem Werke nicht nur Zeitungsblätter füllen, sondern eine Jugend bessern, eine Zeit aus ihrer moralischen Verworrenheit herausheben wollte. Dieser Wille vielleicht verdirbt, wenn er überstark wird und immer Exempel zeigen will, statt bloß zu bilden, den Kunstwert manches seiner Werke, wozu ich selbst seinen einst so berühmten Roman ›UIi, der Knecht‹ rechnen möchte, der allzusehr Bildungstraktat und (bei aller Kunst) Sonntagspredigt für junge Knechte trotz all seinen Herrlichkeiten ist, während der unbarmherzige, grandiose, naturalistische ›Bauernspiegel‹, ein fast unbekanntes Buch, für mein Empfinden eine der großartigsten Schöpfungen epischer Plastik darstellt. Nur scheinbar fehlt es seinen Romanen an Weltweite, wenn sie auch von den großen Schweizer Bergen umgrenzt sind, aber in diesen engen Tälern ist ein unendlicher Reichtum, eine unsagbare Vielfältigkeit von Charakteren und Begebenheiten, eine kulturhistorische unvergleichliche Fülle von Details des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens, die sie schon rein dokumentarisch für alle Zeiten unentbehrlich macht. Auch er, Gotthelf, läßt sich ebenso wie Jean Paul nicht in einem Zuge durchlesen, auch er müdet stellenweise durch Breite, durch Predigereinschuß und politische Diskussionen, auch von ihm muß ich bekennen, nicht gleich auf einen Hieb alle seine Romane gelesen zu haben, aber den vieren oder fünfen danke ich seltensten Genuß und den Eindruck mächtigster Persönlichkeit. Kaum an irgendeinem deutschen Gestalter (außer Stifter) hat die immer zu sehr nach Norddeutschland orientierte Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte so sehr Unrecht getan, als an dem Pfarrer von Lützelflüh, und ich glaube, daß das Erscheinen dieser Gesamtausgabe, die zum erstenmal mit gereinigtem Text in klarem, vom Schweizer Idiom nur schmackhaft durchsalzenem Hochdeutsch uns seine Werke darbietet, in kurzer Zeit die wahre Größe dieses allzusehr und allzulange verkannten großen deutschen Erzählers wird gewahr werden lassen.
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