Enno hatte eigentlich damit gerechnet, illegal entsorgten Schiffsabfall von einem dieser Riesenpötte eingefangen zu haben. Zu seinem Leidwesen war es längst keine Seltenheit mehr, dass Behälter mit Chemikalien oder anderen giftigen Gegenständen von Bord der großen Frachtschiffe und Öltanker rücksichtslos ins offene Meer verklappt wurden. Anschließend kontaminierten diese dann die Fanggründe der Deutschen Bucht. Solch einen Dreck fand er häufiger im Netz vor. Die Klassifizierung des Wattenmeers als Nationalpark und Biosphärenreservat war deshalb aus seiner Sicht schon eine ziemlich verlogene Angelegenheit, da sich offenbar viele Seeleute nicht daran hielten oder zu wenige Kontrollen stattfanden. Enno zündete sich hastig eine Zigarette an. Nein, damit hat er nicht gerechnet. Eine Wasserleiche an Deck, das war ihm schon viele Jahre nicht mehr passiert.
Er stand ziemlich fassungslos auf den glitschigen Planken seines Krabbenkutters und zog verzweifelt an dem inzwischen feucht gewordenen Zigarettenstummel.
„Verdammt, das bringt Unglück!“, murmelte er noch einmal vor sich hin. Hauke dagegen hatte sich schon wieder gefangen. Mit seinem Gummistiefel versetzt er der Hand der Leiche einen kleinen Schlag.
„Nicht für den hier, Enno. Der hat`s ja hinter sich.“
Enno wandte sich ab und spuckte seinen Zigarettenstummel aus.
Nachdem er einen Teil des Fanges mit einer Schaufel beiseitegeschoben hatte, beugte sich der Maat vorsichtig über die aufgedunsene und merkwürdig verkrümmte Leiche und versuchte ihren Kopf aus der dichten Masse des Granats herauszupuhlen: „Lange kann der da jedenfalls noch nicht im Meer herumgetrieben sein. An dem Kerl ist ja noch alles dran.“
Schortens suchte nun auf dem Deck nach einem Gegenstand, mit dessen Hilfe er den toten Mann herumdrehen konnte, ohne ihn dabei mit den Händen berühren zu müssen: „Willst du mal sehen was er macht, wenn ich hier draufdrücke?“
Hauke hielt plötzlich einen Netzreiter in der Hand, der an einem dicken Tampenende befestigt war. Mit dem verjagte er für gewöhnlich die Möwen von Bord. Jetzt drückte er damit der Leiche auf den aufgedunsenen Bauch: „Unser Netzinspektor streckt bestimmt gleich seine Zunge raus, nur um uns zu verarschen!“
Doch Enno wollte jede Berührung der Leiche vermeiden. Er hasste diese Art von morbidem Sarkasmus, der vielen Seeleuten eigen war, und hielt das nicht für einen besonders liebenswerten Wesenszug.
„Lass den Quatsch! Vor paar Jahren habe ich schon mal so einen Kerl herausgezogen. Der sah aber schon ganz anders aus; da krochen bereits die Aale …“
Enno konnte seine letzten Worte nicht mehr vollständig artikulieren, da sich schlagartig ein heftiger Würgereiz in seiner Magengegend bemerkbar machte.
„Was meinst du? Sollten wir ihn wieder dahin befördern, von wo wir ihn hergeholt haben?“, fragte Hauke. Doch Enno wankte bereits kreidebleich zur Reling und kotzte einen breiten Schwall seines Mageninhaltes ins Meer hinaus. Als er damit fertig war, wischte er sich mit dem Ärmel seines verschmierten Kapuzenpullis die Schweißtropfen aus dem Gesicht.
„Nein, das geht nicht.“
Der Maat ließ nicht locker: „Der Netzinspektor wird uns nur `ne Menge Ärger machen, glaub mir. Sollen ihn doch die Fische fressen.“
Hauke ließ den Tampen fallen und spuckte angeekelt aus.
„Halt die Klappe, Hauke! Auch dieser Kerl hat ein Recht darauf, ordnungsgemäß vom Pastor verscharrt zu werden. Vermutlich ist’s einer dieser neureichen Hamburger Yuppies, die sich hier in letzter Zeit mit Papis geleaster Yacht breitmachen und keinen blassen Schimmer von der Gefährlichkeit der Frachterautobahn haben, geschweige denn von der Nordsee.“
Schortens richtete sich wieder auf und sah hinaus auf die offene See.
„Wo er recht hat, da hat er nun mal recht, der alte Enno Fedder. Wie ein Penner aus Bremerhaven sieht der jedenfalls nicht aus.“
Hauke zog einen Flachmann aus seiner Brusttasche und genehmigte sich einen Schluck. Dann reichte er den Schnaps an Enno weiter. Dieser winkte dankend ab.
„Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass einer von denen mit einem Kaventsmann über Bord gegangen ist. Aber vielleicht ist der da ja auch nur ein ganz gewöhnlicher Selbstmörder? Was meinst du, Enno?“
„Schon möglich“, erwidert Enno. Dann warf er doch einen genaueren Blick auf den toten Mann. Hielt aber genügend Abstand zu der Leiche.
„Ist dir schon die Trosse aus Polyester aufgefallen, die um sein Fußgelenk geschnürt ist? Ein richtiger Seemannsknoten ist das jedenfalls nicht.“ Er hielt inne und fuhr dann in ruhigem Ton fort: „Irgendwo da unter dem Netz wird wahrscheinlich ein Ballast liegen. Da gehe ich fast jede Wette ein.“
Maat Schortens machte sich sogleich an dem Netzhaufen zu schaffen, in dessen Wirren das andere Ende des Seils verschwand. Enno stand noch immer wie angewurzelt auf dem Deck und machte keinerlei Anstalten Schortens zu helfen. Plötzlich glitt Schortens auf einem der herumzappelnden Fische aus und landete, beim Versuch sich abzustützen, direkt mit seiner linken Hand auf dem aufgedunsenen Gesicht des Toten.
„So ein Schiet aber auch!“, fluchte er.
„Ich würde ihn an deiner Stelle jedenfalls nicht gleich umarmen.“ Enno sagte dies nicht ganz ohne ironischen Unterton. „Schon mal was von Leichengift gehört?“
Ihm missfiel diese ganze Angelegenheit. Hauke jedoch scherte sich einen Dreck darum. Im nächsten Augenblick zog er bereits einen Rocna-Anker aus glänzendem Edelstahl aus dem Netzhaufen hervor, der tatsächlich mit dem anderen Ende des Polyesterseils verbunden war. Es war keiner der üblichen und billigen Schlickrutscher, sondern eher einer von der Bauart, die jetzt in Mode kamen. Das Ding wog an die 25 Kilo und musste mehr als 3.000 Euro gekostet haben. Hauke kannte sich in diesen Dingen sehr gut aus. Nun hielt er stolz seine Entdeckung wie eine Trophäe in die Luft.
„Das erklärt ja wohl alles! – Oder?“
„Was für ein Scheißtag heute“, knurrte Enno wütend. Hauke war jetzt aber nicht zu bremsen: „He! Du kannst recht haben, Enno. Ich meine, dass was du eben über die neureichen Yuppies gesagt hast. Sieh mal, an seinem Handgelenk die Uhr. Das ist bestimmt nicht so ein billiges Ding von Woolworth. Schade nur, dass das Glas kaputt ist.“
Enno wendete sich angeekelt ab und eilte schnurstracks in Richtung Führerhaus. Er atmete durch, um sich wieder zu fangen und sich einen Moment zum Nachdenken zu geben. Dann stand sein Entschluss fest: „Ich muss die Küstenwache verständigen, Hauke! Sofort!“
Maat Schortens ließ enttäuscht den blanken Anker auf Deck sinken. Kurz darauf breitete sich über dem Krabbenkutter eine kleine, schwarze Abgaswolke aus. Der Dieselmotor begann lautstark zu tuckern und der Kutter nahm langsam Fahrt auf. Die einsetzende Ebbe und das heranziehende Gewitter ermahnten die beiden Fischer zur Eile, wenn sie noch rechtzeitig ihren kleinen Heimathafen erreichen wollten.
Ein immer dichter werdender Schwarm fressgieriger Möwen umkreiste das Schiff. Die gefangenen Fische und Krabben konnte Maat Schortens nur noch ins Meer zurückkippen. Sollten wenigstens die Vögel was davon haben.
Etwa zur gleichen Stunde dieses hochsommerlichen Julitages stand Robert Rieken in Gummistiefeln und einer nagelneuen Anglerkluft am Leib auf dem schmalen Holzsteg am Ufer eines kleinen Binnensees, der idyllisch zwischen Wiesen und Wäldern eingebettet lag. Ein geschäftstüchtiger Grundstückspächter war auf die Idee gekommen, aus diesem etwa 70.000 qm großen Wasserareal ein gewerblich attraktives, kleines, aber feines Anglerparadies zu schaffen. Robert war schon oft an dem Werbeschild des Betreibers vorübergefahren. Jedes Mal nahm er sich vor, sein nächstes freies Wochenende dafür zu nutzen, um diesem Anglerparadies einen Besuch abzustatten. Aber immer wieder war irgendwas dazwischen gekommen. Allerdings waren seine freien Tage in letzter Zeit ziemlich rar geworden. Genaugenommen war dieses Wochenende das erste Dienstfreie, seit seinem persönlichen Rückversetzungsantrag, der vor etwa sechs Monaten stattgegeben wurde. Jetzt war er als Beamter bei der Oldenburger Kripo einem neuen Dienstherrn unterstellt und dieser sorgte dafür, dass Robert alle Hände voll zu tun bekam, denn auch in seiner ehemaligen und zugleich neuen Dienststelle herrschte akuter Personalnotstand. Er genoss diese Arbeit, auch wenn er sich in letzter Zeit mehr auf die administrativen Dinge konzentrieren musste, als auf sein eigentliches Element - die Ermittlungsarbeit.
Читать дальше