„Ich glaube, du bist ein guter Schauspieler, Yos.“ sagte sie dann freundlich.
„'N Schauspieler? Willste mich beleidigen?“
„Gar nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, dass du sehr viel klüger bist, als du zeigst. Ich habe dich wohl unterschätzt. Zuerst dachte ich, du wärst ein Wichtigtuer. Bis ich gemerkt habe, wie viel dir an deinem Onkel liegt. Dann dachte ich, du wärst ein Feigling. Bis mir klar wurde, dass du nur vorsichtig bist. Das ist etwas anderes. Und ich dachte auch, dass du dich nur für dich interessierst und gar nicht versuchst, andere zu verstehen. Aber jetzt höre ich, wie du dir Gedanken gemacht hast. Wahrscheinlich hast du auch recht damit. Und all das hat auch sehr viel mit Klugheit zu tun.“
„Willst mich auf'n Arm nehmen, ne?“ Aber er konnte nicht verbergen, wie sehr ihn Saras Worte freuten. „Willst mich aber nich' 'rumkriegen, oder?“
Nun war es an Sara, lauthals zu lachen.
„Nein, wirklich nicht, Yos. Keine Sorge, du musst dich nicht gegen eine aufsässige Fremdländerin wehren. Ich sage nur ehrlich, was ich denke. Das würde ich auch tun, wenn es unangenehm wäre.“
„Na dann.“ Er schien erleichtert. „Wär' wohl auch nich' so gut gewesen. Weißte, in der Burg, da schaut man schon, wer sich mit wem einlässt. Und falls du jemals wieder da hin kommst, … Na, die wären nich' begeistert, wenn du da 'nen Fährmann an der Angel hättest, ne?“ Sein Grinsen kehrte zurück. „Vor allem der eine da, der fänd' das nich' lustig.“
„Wen meinst du?“
„Na den Rahor, den Obersten Cas. Ich glaub, das war sogar seine Schwester damals, die da was mit der Shaj hatte. Aber dich, dich mag der schon, kannste mir sagen, was du willst.“
„Wir sind Freunde, mehr nicht.“
„Nee, aber deswegen kann er doch trotzdem mehr wollen, ne? Auch wenn nich' mehr is'. Nee, musste nich' antworten. Geht mich ja nichts an. Hauptsache, wir beide wollen nich'. Und jetzt musste nochmal ans Steuer, ich hab Hunger.“
Erleichtert, dass dieses etwas peinliche Gespräch beendet war, nahm Sara Yos' Platz ein. Der Wind blies ihr von hinten die Haare ins Gesicht. Sie mochte dieses Gefühl, der Natur völlig ausgesetzt zu sein. Den Wind um sich herum, das stürmische Meer unter sich, in einer Barke, die allein von beidem angetrieben wurde. Es gab ihr das Gefühl, dass diese Kräfte sie zu ihrem Ziel brachten. Sie halfen ihr und stellten sich ihr nicht entgegen. Abergläubisches Denken. Aber es machte Hoffnung.
„Glaubst du, dass man mich suchen wird?“ fragte sie, als Yos gerade in einen Brotkanten biss.
„Dich? Wieso? Also haste doch was angestellt?“
„Nein. Ich bin freiwillig gegangen. Es gab... so etwas ähnliches wie einen Streit. Mehr nicht.“
„Aha. Na, warum sollten sie dich dann suchen? Und wer überhaupt? Sind doch alle weg.“
„Nicht alle. Der Shaj der Erde ist ja auch noch da.“
„Ach, kennste den auch näher?“
„Ein wenig schon. Wir... sind so etwas wie Freunde,... glaube ich. Zumindest sagt er das.“
Yos riss die Augen auf.
„Du bist mit dem befreundet? Was bist'n du für eine? Erst die Shaj der Nacht und jetzt noch der der Erde? Glaub' dir langsam kein Wort mehr, sowas geht ja gar nich'. Ich mein', der Kämmerer kommt glaub ich mit beiden aus. Und die Cas vielleicht auch. Und die Dunen. Aber das is ja keine Freundschaft. Der Mondor oder so vielleicht. Aber du.. du hast ja nich' mal sowas wie 'n Rang. Wie kommst'n du an den Imra?“
„Ich habe ihn in Fangmor kennengelernt. Als er noch dort lebte. Wir waren ein paar Tage in seinem Haus zu Gast.“
„Is' nich' wahr. Da hab ich ja wohl doch nich' nur 'ne einfache Dienerin an Bord, ne? Muss ich wohl auch noch auf dich aufpassen?“
„Ich kann schon selbst auf mich aufpassen. Also was ist jetzt, glaubst du, Imra könnte mich suchen?“
„Woher soll ich das wissen? Sagst mir ja nich', warum. Ich kenn den auch nich' so. Scheint 'n guter Herrscher zu werden. Aber mehr weiß ich nich. Aber wenn ihr Freunde seid, dann musst du das doch besser wissen.“
„Aber ich kenne euer Land nicht gut genug. Es weiß ja keiner, dass ich nicht mehr dort bin. Würden sie denn eine Mittelländerin so ohne Beobachtung durch die Gegend ziehen lassen?“
Yos schien unschlüssig.
„Weiß nich'. Die Krieger würden wohl 'n Auge auf dich haben wollen, wenn se da wären. Aber die meisten sind ja im Süden. Nee, also wenn du echt nichts angestellt hast, glaub ich nich', dass sie dich suchen. Haben jetzt gar keine Zeit für sowas. Und die Shaj is' auch nich' da. Die würd's vielleicht machen.“
„Lennys? Nein, ich glaube nicht. Sie weiß ja, warum ich gegangen bin.“
„Jaa, schon. Aber nich' deshalb.“
„Sondern?“
„Mensch, frag mich doch nich' sowas. Kann ich nich' erklären. Ich mein', sie würd' sich jetzt nich' groß Sorgen machen oder so, das is' nich' ihre Art. Aber vielleicht... ach, ich kanns halt nich' sagen, is' halt nur 'n Gefühl. Is ja auch egal, ne? Is' ja nich' da. Außerdem spielt's keine Rolle, weil es ja umgekehrt is'. Du suchst ja sie.“
Sara überlegte eine Weile.
„Glaubst du,...“ fing sie dann langsam an. „ ...dass sie einfach so... sterben kann?“
Der Fährer verschluckte sich an einem Stück Brot.
„Wie meinst'n das jetzt?“ hustete er und lief rot an, als ihm die Luft ausging.
„Ich meine, sie ist doch irgendwie... anders. Keiner kann sich das vorstellen, dass sie einfach im Kampf unterliegt oder so etwas.“
„Nee, glaub ich auch nich'.“ japste Yos. Als er wieder etwas zu Atem gekommen war, fügte er hinzu: „Aber wieso sollte sie nich' sterben können? Is' ja nich' so, dass man sich das nich' vorstellen kann. Eher so, dass man nich' will. Bei ihrem Vater war's ja auch so.“
„Hast du ihn gekannt?“
„Nee. Also nich' mehr als sie. War halt unser Shaj. Also der der Nacht. Aber eigentlich haben alle nur auf ihn gehört. Auch die anderen beiden. Is' bei ihr ja auch so. Sie hat das letzte Wort. Von wegen drei Herrscher. Kann mir keiner erzählen. Einer von denen is immer der Stärkste.“
„Und Saton war stark?“
„Na klar. Weißte doch. Oder nich'? Man redet ja nich' viel von ihm, weil sie das nich' will. Aber du bist doch nich' erst seit gestern hier, ne?“
„Und ihre Mutter? Cureda?“
Yos fuhr zusammen.
„Mensch, sprich den Namen bloß nich' aus, wenn wir an Land sind.“
„Warum nicht?“
„Nee, das macht man nich'. Will sie auch nich'. Noch weniger als bei ihrem Vater.“
„Mochte sie ihre Mutter nicht? Sie hat sie doch gar nicht gekannt, soweit ich weiß.“
Yos schüttelte den Kopf. „Mensch, Mädel, das is viel schwieriger. Kann man nich' so einfach sagen.“
„Dann erklär's mir.“
„Ich weiß doch selber nichts. Also nich' viel. Nur, dass man besser so tut, als wsie gar nich existiert.“
„Aber du musst doch wissen, warum. Es stimmt, ich bin nicht erst seit gestern hier. Aber du bist hier geboren! Es gibt doch sicher Geschichten, Gerüchte... Du hast selbst gesagt, dass du viel hörst.“
„Jaaa...“ Yos schwankte zwischen Ärger und Belustigung. „Na meinetwegen, aber es sind nur Gerüchte. Wehe, du drehst mir da irgendwann 'nen Strick draus.“
„Versprochen.“
„Also... die Cureda... ich sag dir, die war was. Also als Frau. Haben alle gesagt, dass die was Besonderes is'. Also war ja vor meiner Zeit, aber sogar mein Onkel hat das gesagt. Sah wohl gut aus. Hat auch mein Onkel gesagt. So wie die Shaj jetzt. Aber sie war schon anders. Nich' so …Also, sie war halt... so, dass man sie mochte. Alle mochten sie. Ich mein', die Shaj mögen auch alle, aber anders. Die Cureda, die war nie böse oder so. Die hatte Geduld und war nett und so. Immer. Freundlich und sowas. Aber halt 'ne Priesterin. Haben viele nich' verstanden. Der Saton, der hat sie aus'm Norden geholt. Klar, 'ne Batí, ging ja gar nich' anders. Aber trotzdem. Der Shaj der Nacht und ne Priesterin. Dachten doch alle, der nimmt nur 'ne Kriegerin, sonst nichts. Aber nee, Cureda isses geworden. Aber dann is' sie ja gestorben bei der Geburt. Weiß nich', ich glaub', das hat dann doch alle umgehauen. Gab aber einige, die sagten, das wär sowas wie 'n Fluch. Und dass die zwei nie hätten zusammenkommen dürfen. Und viele denken halt, die Shaj jetzt denkt das auch. Dass ihr Vater nie 'ne Priesterin hätte nehmen dürfen.“
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