Isabell stellte den Motor ab und stieg aus. Diesmal achtete sie penibel auf den Sitz ihres Rockes. Hier war sie definitiv nicht allein. Schon die Anzahl der Fahrzeuge neben und hinter
ihr verriet etwas über die Zahl der Gäste in dem Haus, in dem sie die kommenden drei Monate arbeiten würde.
Isabell schaute sich um. Ihr Golf 3 war mit Abstand das mickrigste und älteste Auto auf dem gesamten Platz. Eine Wäsche könnte es auch wieder einmal vertragen, stellte sie fest und bewunderte den Porsche, der direkt neben ihr parkte. Wahrscheinlich sollte sie schleunigst den Stellplatz wechseln, um den Gast nicht zu verärgern, wenn er ihre alte Mühle sah und sich womöglich noch daran dreckig machte. Die Parkabstände waren schließlich nicht groß.
Dennoch entschloss sie sich, erst einmal alles so zu belassen, wie es war. Sie straffte den Rücken und prüfte nochmals den Sitz ihrer Kleidung. Ihre Handtasche beförderte sie über die Schulter. So hatte sie beide Hände für ihr restliches Gepäck frei. Immerhin sah sie in diesem Augenblick aus wie ein Gast und niemand wäre in der Lage zu erkennen, dass sie sich einen Aufenthalt in einem solchen Haus auf gar keinen Fall würde leisten können.
Isabell lächelte zufrieden, als sie zum Eingang lief.
Sie betrat das Gebäude und hielt Ausschau.
Der Empfangsbereich war ziemlich groß. Isabells Augen wanderten durch den Raum, als plötzlich ein junger Mann in Livree auf sie zustürmte, vor ihr stehenblieb und sich entschuldigte. Sie stutzte und wusste nicht, weshalb und wofür er das getan hatte. Aus diesem Grund schaute sie ihn an und sagte: „Nein, keine Sorge, ich bin kein Gast. Ich möchte Herrn Kröger sprechen. Ich bin ab morgen eine Kollegin.“
Isabell sah die Erleichterung bei ihrem Gegenüber und mutmaßte, dass er seinen Platz vor der Tür im Außenbereich ohne Genehmigung verlassen haben musste. Bei genauerem Hinsehen hatte sie festgestellt, dass der Mann nicht nur jung, sondern eher noch ein Junge war. Vielleicht war er ein Auszubildender, der heimlich eine Zigarette außerhalb seiner Pause geraucht hatte. Der Geruch von Nikotin war jedenfalls deutlich wahrnehmbar.
Trotz ihrer Erklärung nahm er ihr Koffer und Tasche ab, wofür Isabell dankbar war. Hatte sie doch bereits nach wenigen Schritten das Gefühl gehabt, unter der Last zusammenzubrechen.
An der Rezeption angekommen, stellte sie zuerst sich und dann ihr Anliegen vor, was die Empfangsdame dazu veranlasste, zum Telefon zu greifen.
Isabell hatte nur Bruchstücke verstanden. Offensichtlich aber befand sich ihr Gesprächspartner nicht im Haus. Die Frau legte auf und sah sie an. Dann sagte sie: „Herr Kröger ist heute wider Erwarten nicht im Dienst. Frau von Stetten wird sich um sie kümmern.“
Sie nickte. Ihr war es einerlei, wer sie in Empfang nehmen würde.
„Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz. Sie werden abgeholt.“
Isabell drehte sich um und tat, was man ihr gesagt hatte. Schließlich saß sie nicht alle Tage in der Lobby eines solchen Hauses und aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie in den kommenden drei Monaten auch nicht wieder hier sitzen dürfen.
Nach ihrem heutigen erlebnisreichen Tag mit Tom und dem Führerscheinverlust hatte sie sich eine Verschnaufpause verdient und so machte sie es sich in einem der Sessel bequem. Ihr stand der Sinn nach einem guten Kaffee. Noch während sie nach einem Hinweis auf eine Bar suchte, sah sie, für ihr Empfinden viel zu früh, eine Frau die Lobby betreten und sich umschauen. Wahrscheinlich galt diese Suche ihr. Vorsichtshalber vergaß Isabell den Wunsch nach einem Getränk und stand auf. Es war ihr wichtig, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.
In diesem Moment hatte die Dame sie erspäht und kam auf sie zu.
„Herzlich Willkommen“, sagte die Frau. „Kommen Sie mit mir. Wir gehen in mein Büro.“
Der Klang ihrer Stimme war freundlich und dennoch bestimmt.
Isabell registrierte, dass sie zwischen freudiger Erregung im Hinblick auf das, was nun kommen sollte, und einer Portion Respekt, den diese Frau ihr allein durch ihre Erscheinung und die zwei gesprochenen Sätze eingeflößt hatte, schwankte.
Sie schielte nach dem Namensschild, das an deren Reverse befestigt war und noch bevor sie es lesen konnte, sagte die Frau: „Mein Name ist Sabine von Stetten. Ich bin die Leiterin dieses Hauses. Mein Vertreter, der Sie empfangen sollte, ist leider momentan verhindert. Wir haben ein wichtiges Projekt in der Endphase seiner Realisierung.“
Isabell stutze und dachte angestrengt nach.
Vor etwa einem halben Jahr hatte sie sich hier beworben. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Haus von einem Mann geleitet, dessen Name Isabell nicht mehr parat hatte. Wenn Sabine von Stetten die Direktorin war, dann erst seit kurzer Zeit.
Bisher hatte Isabell geglaubt, Kröger sei so etwas wie der Personalchef. Nun wusste sie, dass er auch der Stellvertreter der Chefin war. Allerdings würde das für sie ohne Bedeutung sein. Im Zweifel würde sie weder mit Frau von Stetten noch mit ihm intensiver zu tun haben. Ihr Aufenthaltsgrund war lediglich ein Praktikum.
Sabine von Stetten lief indes forschen Schrittes und Isabell hatte Mühe, ihr zu folgen.
Sie waren durch zahllose Gänge gelaufen, bis sie schließlich vor einer Tür angekommen waren, deren Klinke Frau von Stetten soeben heruntergedrückt hatte. Sie stieß die Tür auf, hielt sie fest und ließ Isabell den Vortritt. „Gehen Sie hinein“, sagte sie.
Isabell sah sich um.
Der Raum war geräumig, die Einrichtung schien modern und eher minimalistisch zu sein.
Entlang der längsten Zimmerwand war ein Schrank eingebaut. Seine Türen waren in einem leicht hellgrau schimmernden Farbton gehalten. Seitlich der Fensterfront stand ein großer Schreibtisch aus Glas oder einem Glasimitat. Isabell hätte ihn berühren müssen, um herauszufinden zu können, aus welchem Material er tatsächlich gefertigt war.
Das Prunkstück des Zimmers war der Tisch. Der dahinter stehende Stuhl sah eher zierlich und unauffällig aus. Komplettiert wurde die Einrichtung durch eine schwarze Ledergarnitur, die aus zwei Sofas bestand, welche über Eck angeordnet waren. In den so entstandenen Winkel war ein relativ großer und flacher Tisch gestellt worden. Er schien eher für Getränke als für Akten gedacht.
Frau von Stetten wies mit ihrer Hand auf die Sitzgruppe und sagte: „Lassen Sie uns Platz nehmen.“
Isabell ging zu dem Sofa, das gegenüber vom Schreibtisch stand und wartete. Sie war nicht sicher, ob sie den richtigen Platz ausgewählt hatte.
„Setzen Sie sich doch“, sagte Frau von Stetten und nickte.
Isabell war froh, die zweite Hürde erfolgreich genommen zu haben. Die Direktorin strahlte etwas aus, das sie noch nicht genau benennen konnte. Auf alle Fälle fühlte es sich so an, als würde Isabell am liebsten immer nur dann atmen wollen, nachdem Frau von Stetten bereits geatmet hatte.
Ohne Umschweife begann die Direktorin zu reden. Darüber, wer Isabell in den kommenden Wochen zur Seite stehen würde, um das Haus und seine Abläufe kennenzulernen und darüber, wie ihr weiterer Einsatz geplant war.
Isabell hörte zu und fragte sich mit jedem weiteren Satz, den sie hörte, wann für sie Zeit zum Schlafen eingeplant worden war. Währenddessen bemerkte sie, wie ihre Konzentration nachzulassen begann. Sogleich wurde ihr bewusst, dass sie zuletzt heute Morgen etwas gegessen und Kaffee getrunken hatte. Lediglich zur Wasserflasche hatte sie während der Fahrt und ihres unfreiwilligen Aufenthaltes bei Tom gegriffen. Isabell spürte plötzlich den Hunger, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit nicht würde stillen können, denn Frau von Stetten schien noch längst nicht am Ende ihrer Ausführungen angekommen zu sein.
Sie musste sich inzwischen zwingen, nicht aufzustöhnen. Immer mehr Fakten und Aufgaben drangen an ihre Ohren, bis sie kurz davor war, den Faden komplett zu verlieren.
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