Die Gemeinde stirbt langsam aus. Viele der älteren Generation sind bereits gestorben oder sind im Alter nach Israel gegangen, um dort zu sterben und beerdigt zu werden. Junge mit Kindern gibt es nicht mehr viele. Sie bleiben entweder in den Universitätsstädten Bern, Genf oder Zürich hängen oder gehen nach Israel. Wenn jemand religiös leben will, geht das in Biel nicht. Wir haben keine streng Religiösen hier.
Es findet ähnlich wie in der Kirche eine allgemeine Abwendung vom Religiösen statt. In einem Gottesdienst in der Kirche sind jeweils sechs, sieben Leute. Einmal waren wir zu dritt an einem Orgelkonzert. Ich gehe oft in die Kirche, wenn wir in der Synagoge keinen Gottesdienst haben. Einfach rein meditativ. Und wenn mich dann etwas stört, höre ich einfach ein wenig weg, das merkt ja niemand.
Die reformierte Kirche initiierte auch einen Diskussionskreis, eine lustige und sehr reflektierte Runde, an der ich einmal wöchentlich teilnehme. Wir organisieren uns selbst und pflegen eine gute Diskussionskultur. Abwechselnd präsentiert jemand ein Thema, das wir anschliessend in der Gruppe diskutieren, auf eine Weise, bei der unterschiedliche Perspektiven respektiert werden.
Den Jüdischen Frauenverein gibt es nicht mehr, es waren zu wenig Leute. Wir haben uns mit den Männern zusammengeschlossen und nennen uns nun «Begräbnisverein». Das Einsargen, die verstorbene Person zu waschen und ihr das Sterbekleid anzuziehen, ist bei uns aber je nach Geschlecht des Verstorbenen nach wie vor reine Frauen- oder Männersache. Wir Frauen haben untereinander abgemacht, dass wir zu zweit vorbeigehen, wenn jemand stirbt.
Dass ich zum Judentum kam, hängt wahrscheinlich auch mit meinen Erlebnissen im Krieg zusammen. Noch jahrelang hatte ich Albträume. Meinen religiösen Weg machte ich für mich selbst. Mein Mann war diesbezüglich relativ grosszügig. Nur einmal, als ich für den Schabbat Kerzen anzündete, blies er sie mir aus. Für nach dem Gottesdienst backe ich meistens etwas, weil es sonst niemand mehr macht. Wir essen jeweils noch Challe und Kuchen und trinken etwas Wein. Challot sind spezielle Zöpfe, nicht mit Butter gemacht, sondern mit Öl, weil sie zu Milchigem und Fleischigem passen müssen. Die meisten essen danach zu Hause Znacht, und am Freitagabend gibt es vielleicht ein Gericht mit Fleisch. Ich halte mich nicht an die Speisegesetze, ich esse einfach. Zopf ist bei mir Zopf. Für jüdische Gäste backe ich selbst, aber sonst hole ich einen Zopf in der Migros. Ich bin in dieser Beziehung relativ unkompliziert.
Nur beim Schweinefleisch halte ich mich mehr oder weniger daran. Ich bin aber überzeugt, dass die Menschen im Altertum merkten, dass Schweinefleisch krank machen kann. Die Schweine hatten ja Trichinen. Heute ist das nicht mehr der Fall, daher darf man sich das ruhig erlauben. Es ist einfach eine Tradition geworden. Wenn ich aber eingeladen bin, esse ich auch Schweinefleisch, keine Frage. Man muss die Relationen sehen. Freundschaft ist mir wichtiger als bestimmte Prinzipien.
Georges Rosenfeld
(
1931)
Die Begegnung auf dem Zentralplatz liess mich nicht mehr los.
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