Sie waren ein lustiges Paar, meine Grosseltern. Bei der Hochzeit war er 19- und sie 23-jährig. Erst beim Eintrag für die Heirat erfuhr sie sein junges Alter, vorher hatte er sich als älter ausgegeben. Die Grosseltern hatten einander sehr gern, das merkte man. Sie hielten immer Händchen, das war wirklich herzig. Und er verwöhnte sie sehr. Sie hatte Schwierigkeiten mit der Galle. Holländisches Essen ist ziemlich fettig. Heute besteht eine solche Operation aus drei kleinen Löchern, aber zu dieser Zeit hätte man noch einen riesigen Schnitt an der Seite machen müssen, was gefährlich gewesen war. So war meinem «Grossmüeti» das Leben lang immer ein bisschen übel. Ich habe sie nie anders gekannt, als im Lehnstuhl sitzend.
Obschon meine Grossmutter getauft und mit einem christlichen Mann verheiratet war, galt sie mit vier jüdischen Grosseltern im Krieg als jüdisch und wurde zur Deportation aufgeboten. Meine Mutter aber hatte ziemlich Chuzpe, Mut. Sie ging ins Hauptquartier der Gestapo und sagte mit ihrer lauten Stimme: «Das könnt ihr nicht machen.» – In der Schule, in der sie arbeitete, sagte man immer, wenn sie im dritten Stock oben rede, höre man das bis ins Parterre. – «Ihr habt Regeln, also haltet euch daran.» Und diese Regeln waren: Jemand, der christlich getauft, christlich verheiratet oder über 63 Jahre alt war, konnte nicht zur Deportation aufgeboten werden. Die ganze Familie sass zu Hause, und wir wussten nicht, ob die Mutter überhaupt wieder zurückkommt. Für die Unterstützung von Juden konnte man auch bestraft werden. Mit ihrer unerschrockenen Art konnte meine Mutter aber die Deportation der Grossmutter verhindern.
Mein Vater arbeitete als Diamantsäger, schon sein Vater war Diamantschleifer gewesen. Diese Diamantfirmen wurden meistens von Juden geführt. Als Kind sang mein Vater mir manchmal ein jiddisches Wiegenlied, das er von seinen jüdischen Mitarbeitern gelernt hatte. Im Krieg wurden sie alle deportiert, der Betrieb wurde aufgehoben, und mein Vater hatte keine Arbeit mehr. So war er zu Hause und führte den Haushalt. Draussen durfte er sich nicht mehr zeigen, sonst wäre er Gefahr gelaufen, nach Deutschland deportiert zu werden. Meine Mutter war Lehrerin und Schulvorsteherin einer Mädchen-Sekundarschule. Dass eine verheiratete Frau als Lehrerin arbeitete, war damals sowohl in Holland wie auch in der Schweiz noch sehr aussergewöhlich.
Sie war mir keine besonders zärtliche Mutter. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, als sie mich in den Arm nahm: während des Kriegs, als ich einmal beim Holen von Lebensmittelmarken mit meinem Bruder beinahe erfroren wäre. Trotzdem fühlte ich mich unterstützt von ihr. Wenn es darauf ankam, setzte sie sich für mich ein.
Für mich als Kind war es schön, dass mein Vater während des Kriegs mit mir zu Hause war. Vorher, seit meine Mutter wieder angefangen hatte, zu arbeiten, hatte ich als Zweieinhalbjährige eine Kindertagesstätte besucht. Damals gab es noch praktisch keine Angebote für Fremdbetreuung. Meine drei Geschwister waren viel älter als ich, der Bruder zehn Jahre und die Schwestern sieben und siebeneinhalb Jahre. Meine Mutter hatte ein Kind, mein Vater zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Ich war als einziges gemeinsames Kind eine Nachzüglerin. Heute würde man sagen, wir waren eine Patchworkfamilie. Als Kind war ich oft alleine, was ich aber nicht schlimm fand. Ich bin heute noch gerne alleine.
Nach dem Krieg bekam meine Mutter als eines der neuen Bücher für die Schulbibliothek eine Kinderbibel, die sie mir zur Allgemeinbildung zu lesen gab. Während des Kriegs hatte man ja keine Bücher. Ich las sehr gerne. Märchen mochte ich nicht nach all dem, was wir durchgemacht hatten. Die biblischen Geschichten empfand ich damals allerdings als relativ real. Heute nicht mehr, heute sehe ich sie als Geschichten, die sich die Leute erzählten, um ihrem Leben Sinn zu geben. Ich bin ein bisschen eine Ketzerin, auch heute noch.
Während der schweren Krankheit in meiner Jugend gab es ein Erlebnis, das mein weiteres Leben massgeblich beeinflusste. Eines Tages konnte ich plötzlich meinen schmerzenden Körper verlassen und sah mich unter mir im Bett liegen. Ich hatte keine Schmerzen mehr und konnte fliegen. Es war wunderschön, und ich sah das berühmte goldene Licht, das auch andere Personen, die Ähnliches erlebten, beschrieben haben. Ich wollte dahin, jemand hielt mich aber zurück: «Du darfst noch nicht, du hast noch eine Aufgabe.» So kehrte ich halt wieder zurück. Daraufhin kam dieser Arzt mit seiner Tablette. Ich schlief wunderbar, und am nächsten Morgen hatte ich kein hohes Fieber mehr. Seither bin ich gläubig.
Dieses Erlebnis hat mich sehr bewegt und geprägt. Ich spreche heute nicht mehr vom Himmel, sondern von der Ewigkeit. Gott ist für mich reine Energie und das, was wir hier leben, ist ein kleiner Teil davon. Das kann ich auch mit den Erkenntnissen der Wissenschaft vereinbaren. Jemand, der stirbt, geht für mich wieder zurück in die Ewigkeit. Was danach geschieht, weiss ich nicht. Ich durfte ja nicht rein.
Mein Mann war zwar reformiert, aber nicht praktizierend. Ich wollte nicht nur auf dem Standesamt heiraten. So liess ich mich mit 22 Jahren in der Bieler Stadtkirche taufen. Und ich war nachher die, die in die Kirche ging.
Irgendwann merkte ich, dass ich mit dem Christentum bis zu einem gewissen Punkt mitgehen kann, dass es aber Dinge gibt, die für mich so nicht stimmen. Ich begann mich daher intensiv mit dem Judentum auseinanderzusetzen, ging in die Synagoge und las viel. Hebräisch zu lernen, hatte ich bereits vorher begonnen. Der Bieler Rabbiner befürchtete, eine Familie zu spalten, und war zunächst nicht sehr begeistert von meinem Vorhaben, Jüdin zu werden. Er riet mir jedoch, einen Nachweis der jüdischen Herkunft meiner Mutter und Grossmutter zu erbringen, da ich so nicht offiziell konvertieren müsste.
Aber das war nicht so einfach. Zuerst erkundigte ich mich bei der jüdischen Gemeinde in Amsterdam nach einem Register. Sie hätten keines, meinten sie. Und der alte jüdische Friedhof war nicht frei zugänglich. Als wir nach langer Suche den Schlüssel ausfindig machen konnten, schrieb ich meiner Schwester fein säuberlich die Namen aller Vorfahren in Holländisch und Hebräisch auf, damit sie die Gräber suchen konnte.
Aber da wurde es meiner Mutter zu viel. Sie rief den Oberrabbiner Amsterdams an und fragte: «Warum tut ihr so schwierig, wenn jemand zurückwill?», erzählte die ganze Geschichte und erfuhr, dass es doch ein Register gab. Das war allerdings von den Deutschen erstellt worden und wurde von der jüdischen Gemeinde nicht gerne genutzt. Dort waren bis und mit meiner Mutter alle erfasst. So musste ich nur noch einen Geburtsschein mitbringen, um darzulegen, dass ich von meiner Mutter abstamme, und brauchte keine Examen mehr zu machen. Ich konnte ins Tauchbad, die Mikwe, und es war besiegelt. Mit vierzig Jahren war ich nun auch auf dem Papier Jüdin.
Unsere zwei Söhne wurden konfirmiert. Die Tochter, die Jüngste, wollte das nicht. Mein Mann und ich beschlossen, dass sie zumindest den Konfirmationsunterricht besuchen sollte, damit sie wusste, was sie ablehnte. Das tat sie, nun ist sie Buddhistin. Das geht auch.
Bis die Kinder sechs, sieben und acht Jahre alt waren, lebten wir in Zürich. Nach Biel kamen wir, um dem kranken Schwiegervater beizustehen. Am Anfang war es für die Kinder etwas schwierig, weil sie Zürichdeutsch sprachen.
In der jüdischen Gemeinde wurde ich am Anfang nicht so herzlich aufgenommen, es gab böse Zungen. Heute bin ich aber gut integriert. Damals, in den 1970er-Jahren, war die Synagoge noch voll. Heute sind wir nur noch etwa 45 Leute. Die zehn Männer für einen Gottesdienst bringen wir selten zusammen, vielleicht an hohen Feiertagen wie Rosch ha-Schana oder Jom Kippur . Meistens kommen nur sechs, sieben Leute in einen Gottesdienst. Ich gehe eigentlich immer hin.
Читать дальше