Dieser Eingang diente für ein Vorzimmer, worin Divans mit großen goldenen Nägeln und eine prächtige Vase aus chinesischem Porzellan, die häufig mit frischen Blumen gefüllt wurde, aufgestellt waren. Von der Decke hing ein siebenarmiger Krystallkronleuchter mit elektrischen Lampen herab. Durch Kupferrohre in den Ecken strömte die milde, gleichmäßig warme Luft eines Heizapparats aus, der in der kalten Jahreszeit von einem Friedhofswächter der Oakswoods bedient wurde.
Stieß man die verglasten Flügel einer dem Perronportale gegenüberliegenden Thür auf, so gelangte man in den Hauptraum des Bauwerks. Dieser bildete einen großen, runden Saal, ausgestattet mit dem übertriebenen Luxus eines Erzmillionärs, der auch nach dem Ableben die Pracht und die Bequemlichkeiten des Lebens nicht missen will. Durch mattes Glas, das den oberen Mitteltheil der Decke abschloß, fluthete ein reichlicher Lichtstrom in das Innere. An den Wänden prangten Arabesken, Laubwerk, Leisten, kugelförmige Vorsprünge, Blumen und Bogenlinien, die ebenso sein wie die einer Alhambra ausgemeißelt waren. Der untere Theil der Wandfläche verschwand hinter Divans mit leuchtend farbigem Ueberzuge. Da und dort standen Statuen aus Bronze oder Marmor, Faune und Nymphen darstellend. Zwischen den mit glänzendem Stuck verputzten Pfeilern, den Stützpunkten für die Rippen der Wölbung, konnte man einige Werke neuerer Meister – in der Hauptsache Landschaften – bewundern, die ein goldener Rahmen mit besonders leuchtenden Punkten darin umschloß. Dicke, weiche Teppiche bedeckten den mit spiegelndem Mosaik verzierten Fußboden.
Neben diesem Mittelsaale, im hinteren Theile des Mausoleums, dehnte sich der runde Chorbau aus, erhellt durch ein großes Fenster, dessen Scheiben erglühten, wenn die Sonne nahe ihrem Untergange sie mit ihren schrägen Strahlen traf. Auch dieser Chorraum war ganz in modernstem Geschmack möbliert. Gewöhnliche Stühle, Arm-und Schaukelstühle und Sophas füllten ihn in künstlerischer Unordnung. Auf einem Tische lagen Bücher und Broschüren, Journale und Revuen der Vereinigten Staaten und des Auslands bunt durcheinander. Hinter seinen Glasthüren bot ein mit allem Tafelgeschirr ausgestatteter Speiseschrank verschiedene, im Bedarfsfalle täglich erneuerte Leckerbissen, schmackhafte Conserven, saftige Sandwiches, trockene Kuchen, Flaschen mit seinen Weinen, kleinere Flaschen mit allerlei Liqueuren der besten Marken u. s. w. Wahrlich, ein mit Geschmack und Ueberlegung hergerichteter Raum, darin zu lesen, zu ruhen und zu frühstücken!
In der Mitte des Hauptsaales und gebadet im Lichte, das durch die Glasdecke einströmte, erhob sich eine weiße, durch reiche Bildhauerarbeit verzierte Marmorgrabstätte, an deren Ecken heraldische Thierfiguren Wache hielten. Das von einem Kreise lichtschimmernder Ampeln umgebene Grab stand offen; daneben lag die für die heutige Feierlichkeit abgehobene Deckplatte. Hier sollte der Sarg seinen Platz finden, worin der Körper William I. Hypperbone’s auf weißem Atlaspolster ruhte.
Ein Mausoleum dieser Art konnte natürlich keine Trauerstimmung aufkommen lassen; es erweckte eher freudige, heitere Vorstellungen. In seiner reinen Luft verspürte man nichts von dem Flügelschlage des Todes, der sonst die Leidtragenden neben einem offenen Grabe streift. Doch, ehrlich gesprochen, war das Monument nicht würdig des originellen Amerikaners, dem man das so wenig Trauer erweckende Programm seines Begräbnisses verdankte, und vor dessen sterblichen Ueberresten jetzt die Feier vor sich gehen sollte, bei der lustige Gesänge sich dem freudigen Hurrah der Menge beimischten?
Wir fügen hier ein, daß es William I. Hypperbone niemals unterlassen hatte, zweimal wöchentlich, Dienstags und Freitags, einige Stunden im Innern seines Mausoleums zuzubringen. Gelegentlich begleiteten ihn auch mehrere seiner Collegen nach diesem gewiß behaglichen und ganz stillen Raume. Auf den Divans des Choranbaues ausgestreckt oder vor dem Tische sitzend, lasen die ehrbaren Leutchen, unterhielten sich über die Tagespolitik, den Curs der Werthpapiere und Waaren, über die Zunahme des Jingoismus, der in den verschiedenen Gesellschaftsclassen sonst Chauvinismus genannt wurde, oder über die Vortheile und Nachtheile der Mac Kinley Bill, mit der sich ernsthafte Geister unausgesetzt beschäftigten. Und während sie in dieser Weise verhandelten, boten die Diener die Schüsseln mit dem Lunch herum. Nachher, wenn der Nachmittag so angenehm hingebracht war, rollten die Equipagen wieder die Grove Avenue hinauf und beförderten die Mitglieder des Excentric Club nach deren Wohnstätten.
Selbstverständlich konnte außer dem Eigenthümer niemand in dessen »Cottage der Oakswoods«, wie er sie nannte, eintreten. Nur der mit der Instandhaltung der genannten »Cottage« betraute Friedhofswärter hatte dazu einen zweiten Schlüssel.
Hatte sich William I. Hypperbone also auch bei Lebzeiten nicht durch auffallende Thaten von seinesgleichen unterschieden, so lange er seine Zeit zwischen dem Club in der Mohawk Street und dem Mausoleum in den Oakswoods theilte, so kamen jetzt doch noch einzelne Sonderlichkeiten zu Tage, die es erlaubten, ihn den excentrischen Geistern seiner Zeit zuzurechnen.
Um die Excentricität bis zur äußersten Spitze zu treiben, hätte nur noch gefehlt, daß der zu Begrabende nicht wirklich gestorben wäre. Darüber konnten seine Erben, wer diese auch sein mochten, aber ruhig sein. Hier lag kein Fall von Scheintod, sondern einer von wirklichem Tode vor.
Jener Zeit benützte man überdies schon die Ultra-X-Strahlen des Professors Friedrich von Elbing (Preußen), die unter dem Namen »Kritiskhalhen« bekannt sind. Diese Strahlen haben eine so mächtige Durchdringungskraft, daß sie durch den menschlichen Körper gehen, und es kommt ihnen die besondere Eigenschaft zu, je nachdem der durchleuchtete Körper todt oder lebend ist, verschiedene photographische Bilder zu erzeugen.
Diese Probe war auch mit William I. Hypperbone angestellt worden, und die erhaltenen Bilder konnten bei den Aerzten keinen Zweifel an dem endgiltigen Ableben des Untersuchten übrig lassen. Die »Verstorbenheit« – dieses Ausdrucks bedienten sie sich – war gewiß, und sie brauchten sich nicht vor dem spätern Vorwurfe einer überhasteten Bestattung zu fürchten.
Um dreiviertel sechs war es, als der Leichenwagen durch das Thor der Oakswoods einfuhr, und zwar in die mittlere Abtheilung des Friedhofs, wo sich an der Spitze des Weihers das prächtige Mausoleum erhob. Das in unveränderter Ordnung gebliebene Gefolge, dem sich jetzt eine drängende und von den Polizisten nur mühsam zurückgehaltene Menge angeschlossen hatte, bewegte sich im Schatten der großen Bäume nach dieser Wasserfläche hin.
Der Wagen selbst hielt vor dem Gitter, dessen Candelaber bei der schon anbrechenden Dunkelheit aus ihren Bogenlampen ein blendendes Licht verbreiteten.
Im Innern des Mausoleums konnten nur höchstens hundert Theilnehmer der letzten Feierlichkeit Platz finden. Enthielt das Bestattungsprogramm noch einige mehr allgemeine Vorschriften, so mußte diesen im Freien nachgekommen werden.
In der That sollte das der Fall sein. Als der Leichenwagen still stand, zog sich die Begleitung enger zusammen und ließ nur den sechs Guirlandenträgern, die dem Sarge bis zur Grabstätte folgen sollten, freien Raum.
Noch lärmte und tobte die übrige Menge, die ja hier etwas sehen, etwas hören wollte. Nach und nach legte sich indeß das Getöse, die Zuschauer bewegten sich nicht mehr und rings um das Gitter trat eine feierliche Stille ein.
Der Pfarrer Bingham, der dem Entschlafenen bis zu dessen Ruhestätte gefolgt war, hielt eine angemessene, kurze Rede, die Umstehenden lauschten seinen Worten mit Andacht, und in diesen Minuten, doch auch nur in diesen, nahm die Bestattung einen würdigen, religiösen Charakter an.
Als die weithin vernehmbare Stimme des geistlichen Herrn verklungen war, wurde der für derartige Feierlichkeiten so geeignete, berühmte Trauermarsch von Chopin vorgetragen. Das Orchester nahm ihn vielleicht aber in etwas schnellerem Tempo, als der große Tonsetzer es sich gedacht und vorgeschrieben hatte – ein Tempo, das hier freilich der Stimmung der Anwesenden und den letzten Willensäußerungen des Verstorbenen mehr als das richtige zu entsprechen schien. Hier herrschten nicht die Gefühle, die Paris bei der Bestattung eines der Begründer der Republik beseelten, als die bestrickende Tonfülle der Marseillaise in Moll übertragen erklang.
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