Nach Mr. Gray zu rufen und eine Erklärung dafür zu verlangen, was hier vor sich ging, wäre nutzlos gewesen ... und außerdem hatte Jonesy ja alle nötigen Informationen, um es sich selbst zusammenzureimen. Er hatte Mr. Gray gebremst, aber Mr. Gray hatte sich dieser Herausforderung gewachsen gezeigt. Ein Hoch auf Mr. Gray, der sein Ziel entweder bereits erreicht hatte oder es sehr bald erreichen würde. Als die Täfelung von den Wänden kam, sah er die schlichte Steinmauer dahinter - die Wände des Büros der Gebrüder Tra-cker, wie vier Jungs sie 1978 gesehen hatten, als sie nebeneinander die Stirn an die Fensterscheibe drückten und ihr neuer Freund, wie erbeten, an der Auffahrt stehen geblieben war und abwartete, dass sie damit fertig wurden, was auch immer sie da taten, und ihn nach Hause brachten. Jetzt löste sich eine weitere Holzplatte von der Wand - es hörte sich an wie zerreißendes Papier -, und darunter kam ein Schwarzes Brett zum Vorschein mit einem einzigen Foto daran, einem Polaroid. Es war keine Schönheitskönigin, nicht Tina Jean Schlossinger, sondern irgendeine Frau, die den Rock hob und ihre Unterhose zeigte, ziemlich blöde. Der schöne Teppichboden wurde plötzlich runzlig wie Haut, und darunter zeigten sich der schmutzige Fliesenboden der Gebrüder Tracker und diese weißen Kaulquappen, Wichsetüten, von Paaren hier liegen gelassen, die zum Bumsen hergekommen waren; all das unter dem desinteressierten Blick dieser Polaroidfrau, die eigentlich niemand war, wirklich nicht, sondern nur ein Überbleibsel aus einer schalen Vergangenheit.
Er ging humpelnd auf und ab, denn so schlimm hatte seine Hüfte seit der Zeit kurz nach dem Unfall nicht mehr wehgetan, und er verstand das alles, oh ja, tatsächlich, und ob. Seine Hüftgelenk fühlte sich an, als wäre es voller Splitter und gemahlenem Glas; Schultern und Nacken schmerzten und konnten nicht mehr. Mr. Gray ritt ihn bei seiner letzten Attacke zuschanden, und Jonesy konnte nichts dagegen tun.
Der Traumfänger war noch intakt. Er schaukelte in großem Bogen hin und her, war aber unversehrt. Jonesy konzentrierte sich auf diesen Anblick. Er hatte gedacht, er wäre bereit zu sterben, aber so wollte er nicht enden, nicht in diesem stinkenden Büro. Hinter diesem Gebäude hatten sie einmal etwas Gutes, fast Edelmütiges getan. Hier drin zu sterben, unter dem angestaubten, gleichgültigen Blick dieser Frau, deren Bild da ans Schwarze Brett geheftet war ... das wäre nicht fair. Vom Rest der Welt jetzt mal ganz abgesehen: Er, Gary Jones, aus Brookline, Massachusetts, ehemals Derry, Maine, letzter Aufenthalt Jefferson Tract, hatte Besseres verdient.
»Bitte, das habe ich nicht verdient!«, rief er zu der schaukelnden Spinnwebgestalt hoch, und da klingelte auf dem zer-bröselnden Schreibtisch hinter ihm das Telefon.
Jonesy wirbelte herum und stöhnte bei dem brennenden, überwältigenden Schmerz in seiner Hüfte auf. Das Telefon, mit dem er Henry angerufen hatte, war sein Bürotelefon gewesen, das blaue Trimline. Das dort nun auf der rissigen Schreibtischplatte stand, war schwarz und klobig, hatte eine Wählscheibe statt Tasten und einen Aufkleber mit dem Spruch möge die kraft mit dir sein drauf. Es war das Telefon, das er in seinem Kinderzimmer hatte, das ihm seine Eltern zum Geburtstag geschenkt hatten. 949 7784 - die Nummer, auf die er vor all den Jahren die Gebühren für den Anruf bei Duddits hatte buchen lassen.
Er stürzte sich darauf und achtete nicht auf seine Hüfte, inständig hoffend, die Leitung würde sich nicht auflösen oder gekappt werden, ehe er rangehen konnte.
»Hallo? Hallo!« Hin und her schwankend auf dem schwingenden und bebenden Boden. Das ganze Büro hob und senkte sich nun wie ein Schiff bei schwerem Seegang.
Mit Robertas Stimme hatte er nun wirklich überhaupt nicht gerechnet. »Ja, Doktor, Augenblick. Ein Gespräch für Sie.«
Es klickte so laut, dass ihm der Kopf davon wehtat, und dann herrschte Totenstille. Jonesy stöhnte und wollte eben schon auflegen, als es wieder klickte.
»Jonesy?« Es war Henry. Nur schwach und undeutlich, aber eindeutig Henry.
»Wo bist du?«, rief Jonesy. »Herrgott, Henry, das ganze Haus geht in die Brüche! Ich gehe in die Brüche!«
»Ich bin bei Gosselin's«, sagte Henry. »Aber nicht in Wirklichkeit. Und du bist auch nicht da, wo du bist. Wir sind beide in dem Krankenhaus, in das sie dich gebracht haben, als du überfahren wurdest ...« Es knackte in der Eei-tung, dann brummte es, und dann war Henry wieder da und klang jetzt näher und lauter. Jonesy schöpfte wieder etwas Mut in diesem ganzen Zusammenbruch. »... aber da sind wir in Wirklichkeit auch nicht!«
»Was?«
»Wir sind in dem Traumfänger, Jonesy! Wir sind in dem Traumfänger, und dort waren wir schon immer! Seit '78! Duddits ist der Traumfänger, aber er liegt im Sterben! Er hält noch etwas durch, aber ich weiß nicht, wie lange noch ...« Wieder klickte und brummte es, bitter und elektrisch klingend.
»Henry! Henry!«
»... komm raus!« Jetzt wieder schwach. Henry klang verzweifelt. »Du musst rauskommen, Jonesy! Komm her zu mir! Lauf an dem Traumfänger entlang, und komm her zu mir! Noch ist Zeit! Wir können dieses Schwein noch stoppen! Hörst du? Wir können —«
Es klickte wieder, und dann war die Leitung tot. Das Gehäuse seiner Kindertelefons krachte, brach auf und spuckte einen unsinnigen Kabelsalat aus. Die Kabel waren alle rotorangefarben und mit Byrus überzogen.
Jonesy ließ den Hörer los und sah zu dem schaukelnden Traumfänger hoch, diesem flüchtigen Spinnennetz. Ihm fiel ein Satz ein, den sie als Kinder toll gefunden hatten und der von irgendeinem Komiker stammte: Du bist der, wo du bist. Das hatte gleichen Stellenwert bei ihnen gehabt wie Selbe Scheiße, anderer Tag, ja, hatte vielleicht sogar den ersten Platz belegt, als sie dann älter wurden und sich für kultivierter hielten. Du bist der, wo du bist. Nur stimmte das, nach Henrys Anruf, nicht mehr. Denn wo sie zu sein glaubten, waren sie nicht.
Sie waren in dem Traumfänger.
Er bemerkte, dass der Traumfänger, der da über den Trümmern seines Schreibtischs baumelte, vier Speichen hatte, die von der Mitte ausgingen. Viele Verbindungsfäden wurden von diesen Speichen gehalten, aber die Speichen hielt nur der Mittelpunkt, der Kern, von dem sie ausgingen.
Lauf an dem Traumfänger entlang, und komm her zu mir! Noch ist Zeit!
Jonesy drehte sich um und rannte zur Tür.
10
Mr. Gray war ebenfalls an der Tür - der Tür des Schachthauses. Sie war verschlossen. Wenn er bedachte, was hier mit der Russin passiert war, wunderte ihn das nicht. Die Stalltür schließen, nachdem das Pferd gestohlen wurde - das war Jonesys übliche Redewendung für solche Fälle. Hätte er noch ein Kim gehabt, dann wäre das kein Problem gewesen. Aber auch so war er nicht allzu beunruhigt darüber. Eine interessante Begleiterscheinung, wenn man Gefühle hatte, das hatte er entdeckt, bestand darin, dass die Gefühle einen dazu brachten vorauszudenken, zu planen, damit man keine allgemeine Gefühlsattacke erlitt, wenn etwas nicht funktionierte. Das mochte eine der Ursachen dafür sein, dass diese Wesen so lange überlebt hatten.
Mr. Gray musste wieder an Jonesys Vorschlag denken, er solle sich dem ganz überantworten, aber er tat den Gedanken ab. Er würde seine Mission hier abschließen und das Gebot befolgen. Und dann - mal sehen. Baconsandwiches vielleicht. Und das, was in Jonesys Erinnerungen »Cocktail« hieß. Das war ein kühles, erfrischendes Getränk mit leicht giftiger Wirkung.
Ein Windstoß kam vom See herauf, wehte ihm feuchten Schnee ins Gesicht und nahm ihm kurz die Sicht. Es war, als hätte er ein feuchtes Handtuch ins Gesicht bekommen, und mit einem Schlag war er wieder ganz da und wusste, dass er eine Aufgabe zu erledigen hatte.
Er ging auf der Granittreppe vorsichtig weiter nach links, rutschte aus, fiel auf die Knie und achtete nicht auf den aufblitzenden Schmerz in Jonesys Hüfte. Er war nicht so weit gereist - schwarze Lichtjahre und weiße Meilen -, um dann auf dieser Treppe hintenüberzufallen und sich das Genick zu brechen oder in den Quabbin zu stürzen und in dem eiskalten Wasser an Unterkühlung zu sterben.
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