Unter der Treppe war ein Geröllhügel. Mr. Gray beugte sich links über die Treppe hinaus, wischte dort den Schnee weg und tastete nach einem losen Stein. Neben der verschlossenen Tür befanden sich Fenster, die zwar schmal waren, aber nicht zu schmal.
Der dichte, feuchte Schneefall dämpfte alle Geräusche, doch trotzdem hörte er den sich nähernden Motorenlärm.
Er hatte schon vorher einen Motor gehört, aber der war stehen geblieben, wahrscheinlich am Ende der East Street. Sie kamen, aber sie kamen zu spät. Der Pfad hierher war eine Meile lang, war überwuchert und rutschig. Wenn sie hier ankamen, war der Hund längst im Schacht, ertrank und transportierte dabei das Byrum sicher in das Aquädukt.
Er fand einen losen Geröllbrocken, zog ihn heraus, und achtete die ganze Zeit darauf, den vibrierenden Hundekörper, den er sich um die Schultern gelegt hatte, nicht groß zu verlagern. Er rutschte auf den Knien vom Treppenrand weg und versuchte dann aufzustehen. Erst gelang es ihm nicht. Jonesys geschwollenes Hüftgelenk blockierte wieder. Schließlich richtete er sich mit einem Ruck auf, obwohl es unglaublich wehtat und ihm dieser Schmerz bis in die Zähne und Schläfen fuhr.
So stand er einen Moment lang da und hob Jonesys schmerzendes rechtes Bein etwas an, wie ein Pferd, das sich einen Stein in den Huf getreten hatte, und stützte sich dabei an der verschlossenen Tür des Schachthauses ab. Als der Schmerz etwas nachließ, schlug er mit dem Stein das Fenster links neben der Tür ein. Dabei bekam Jonesys Hand mehrere Schnittwunden ab, auch eine tiefe. Einige gesprungene Glasstücke blieben oben lose im Fensterrahmen hängen, und es sah aus wie ein Billig-Schafott, aber das beachtete er alles nicht. Und er bekam auch nicht mit, dass Jonesy endlich doch sein Schlupfloch verlassen hatte.
Mr. Gray zwängte sich durch den Fensterrahmen, stürzte auf den kalten Betonboden und sah sich um.
Er befand sich in einem rechteckigen, etwa zehn mal zehn Meter großen Raum. Gegenüber sah man durch ein Fenster, das bei gutem Wetter sicherlich einen atemberaubenden Blick auf den See bot, nur Weiß, als wäre ein Ea-ken davor gespannt. Daneben stand etwas, das wie ein riesiger Stahlkübel aussah und rot übertupft war - nicht mit Byrus, sondern mit einem Oxid, das laut Jonesys Unterlagen »Rost« hieß. Mr. Gray wusste es nicht mit Sicherheit, nahm aber an, dass man mit diesem Kübel Menschen in den Schacht hinablassen konnte, sollte irgendein Notfall das erfordern.
Der runde Eisendeckel, der gut anderthalb Meter maß, ruhte mitten im Raum auf dem Schacht. Mr. Gray entdeckte an seinem Rand eine rechteckige Kerbe und schaute sich um. An der Wand standen einige Werkzeuge. Inmitten der Glasscherben des zerbrochenen Fensters stand dort auch eine Brechstange. Es war gut möglich, dass es eben die war, mit der die Russin ihren Selbstmord vorbereitet hatte.
Was man so hört, dachte Mr. Gray, werden die Leute in Boston so um den Valentinstag rum diesen letzten Byrum in ihrem Morgenkaffee trinken.
Er packte die Brechstange, humpelte unter Schmerzen in die Mitte des Raums, wobei sein Atem in kalten, weißen Schwaden vor ihm in der Luft stand, und steckte dann das gebogene Ende des Werkzeugs in die Kerbe des Deckels.
Es passte pefekt.
11
Henry knallt den Hörer auf, holt tief Luft ... und läuft dann zu der Tür, auf der sowohl Büro als auch privat steht.
»He!«, quakt die alte Reenie Gosselin an der Kasse. »Komm zurück, Junge! Da darfst du nicht rein!«
Henry bleibt nicht stehen, wird nicht einmal langsamer, und als er dann die Tür aufreißt, merkt er, dass er tatsächlich ein kleiner Junge ist, mindestens einen Kopf kleiner als später dann, und er hat zwar eine Brille auf, aber sie ist längst nicht so schwer wie seine späteren. Er ist ein Kind, aber unter dem ganzen flauschigen Haar (das auch ein bisschen schütterer sein wird, wenn er einmal über die dreißig hinaus ist) hat er das Gehirn eines Erwachsenen. Ich bin ja wie ein brauner Bär, innen mit Karamellkern, denkt er, und als er in das Büro des alten Gosselin platzt, kichert er wie blöde - er lacht, wie sie damals immer gelacht haben, als die Fäden des Traumfängers noch näher an seiner Mitte waren und Duddits ihnen die Stifte weiter steckte. Ich wäre fast geplatzt, haben sie immer gesagt; ich wäre fast geplatzt, so ein Brüller war das.
Er rennt in das Büro, aber es ist nicht das Büro des alten Gosselin, in dem ein Mann, der Owen Underhill hieß, einst einem Mann, der nicht Abraham Kurtz hieß, ein Tonband vorgespielt hatte, auf dem die Grauen mit den Stimmen prominenter Menschen sprachen; es ist ein Flur, ein Krankenhauskorridor, und Flenry ist nicht im Mindesten erstaunt darüber. Es ist das Allgemeinkrankenhaus in Boston. Er hat es erschaffen.
Es ist feucht hier und kälter, als es auf dem Korridor eines Krankenhauses sein sollte, und die Wände sind mit Byrus überwuchert. Irgendwo stöhnt jemand: leb will dich nicht, ich will auch keine Spritze, ich will Jonesy. Jonesy hat Duddits gekannt, Jonesy ist gestorben, ist im Krankenwagen gestorben, Jonesy ist der Einzige, den ich will. Bleib weg, knutsch mir die Kimme, ich will Jonesy.
Aber er wird nicht wegbleiben. Er ist der schlaue alte Mr. Tod, und er wird nicht wegbleiben. Er hat hier was zu erledigen.
Er geht ungesehen den Flur entlang, in dem es so kalt ist, dass er seinen Atem sehen kann, ein Junge in einer orangefarbenen Jacke, aus der er bald herauswachsen wird. Er hätte jetzt gern das Gewehr dabei, das ihm Petes Dad geliehen hat, aber dieses Gewehr ist weg, begraben unter den Jahren wie Jonesys Telefon mit dem Krieg-der-Sterne-Aufkleber drauf (wie sie ihn alle um dieses Telefon beneidet haben ...) und Bibers Jacke mit den vielen Reißverschlüssen und Petes Pulli mit dem NASA-Logo auf der Brust. Begraben unter den Jahren. Manche Träume sterben und lösen sich auf, das ist auch so eine bittere Wahrheit dieser Welt. Und wie viele solche bittere Wahrheiten es doch gibt.
Er geht an zwei plaudernden, lachenden Krankenschwestern vorbei - eine ist Josie Rinkenhauer, jetzt als Erwachsene, und die andere ist die Frau auf dem Polaroidfoto, das sie damals durch das Fenster im Büro der Gebrüder Tracker gesehen haben. Sie sehen ihn nicht, denn für sie ist er nicht hier; er ist jetzt im Traumfänger und läuft an einem Faden zum Mittelpunkt zurück. Ich bin der Eiermann, denkt er. Die Welt hing schief, die Zeit gerann, doch nichts hielt auf den Eiermann.
Henry ging über den Korridor in die Richtung, aus der er Mr. Grays Stimme hörte.
12
Kurtz hörte es durch das zerschossene Fenster ganz deutlich: das stotternde Rattern von automatischem Gewehrfeuer. Das löste bei ihm ein altes Unbehagen und eine alte Ungeduld aus: Er war wütend, dass die Schießerei schon ohne ihn losgegangen war, und fürchtete, sie würde vorüber sein, ehe er eintraf, und die Verwundeten würden dann nur noch nach den Sanitätern rufen.
»Geben Sie Gas, Freddy.« Direkt vor Kurtz schnarchte sich Perlmutter immer tiefer ins Koma hinein.
»Es ist ziemlich glatt hier, Boss.«
»Geben Sie trotzdem Gas. Ich habe so das Gefühl, dass wir fast —«
Er sah einen rosa Fleck aus dem reinweißen Schneevorhang auftauchen, wie Blut, das unter Rasierschaum hervorsickerte, und dann hatten sie den verunglückten Subaru direkt vor sich, den Kühler in den Boden gerammt und das Heck in die Luft ragend. In den folgenden Momenten nahm Kurtz alles zurück, was er je an Schlechtem über Freddys
Fahrkünste gedacht hatte. Sein zweiter Mann riss einfach das Lenkrad nach rechts und gab Vollgas, als der Humvee wegschlitterte. Der überbreite Jeep fing sich wieder und sprang über die Lücke in der Straße. Er landete polternd und mit lautem Krach. Kurtz wurde hochgeschleudert und schlug sich so heftig den Kopf, dass er Sterne sah. Perlmutters Arme schlackerten wie die einer Leiche; sein Kopf plumpste nach hinten, dann nach vorn. Der Humvee war so knapp am Subaru vorbeigerauscht, dass er dessen offen stehende Beifahrertür mitgerissen hatte. Jetzt brauste er weiter, nur noch einer relativ frischen Autospur folgend.
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