Wir sind uns natürlich nicht sicher, ob überhaupt ein Überlebender im Wrack ist, Doktor“, fuhr Krach-Yul fort. „Laut Sensorenabtastung enthält das Wrack noch atmosphärischen Druck. Außerdem zeigen die Sensoren eine kleine Energiequelle und die Existenz einer großen Masse organischer Materie an, die man zum Teil auch durch die Sichtluken sehen kann. Aber ob diese organische Masse lebt, das wissen wir natürlich nicht.“
Conway seufzte — auf den Gebieten der extraterrestrischen Physiologie und Medizin mochte dieser Krach-Yul noch relativ unerfahren sein, aber gewiß mangelte es ihm nicht an Intelligenz. Conway konnte sich nur zu gut vorstellen, wie der Orligianer nach der Ausbildung auf seinem Heimatplaneten zur Weiterbildung auf den Nachbarplaneten Nidia geflogen war, um danach seine Kenntnisse über ETs beim Monitorkorps zu vertiefen. Und während er heute die leichten Krankheiten und Verletzungen der terrestrischen Besatzung eines Aufklärungs- und Vermessungsschiffs kurierte, hatte er bestimmt ständig auf einen Zwischenfall wie diesen gehofft. Wahrscheinlich platzte der große, pelzige Orligianer mittlerweile fast vor Neugier auf den organischen Inhalt des Wracks, aber zumindest kannte er die Grenzen seiner fachlichen Leistungsfähigkeit. Conway entwickelte bereits Sympathie für diesen orligianischen Arzt, bevor er ihn überhaupt gesehen hatte.
„Sehr gut, Doktor“, lobte ihn Conway herzlich. „Aber ich hab eine Frage. Ihr Schiff hat doch eine transportable Luftschleuse. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie, nur um Zeit zu sparen, mit der.“
„Die Luftschleuse ist bereits vor der größten auszumachenden Einstiegsluke angebracht worden, Doktor“, unterbrach ihn der Orligianer. „Wir nehmen jedenfalls an, daß es sich um eine Einstiegsluke handelt. Da wir sie aber nicht zu öffnen versucht haben, könnte es sich natürlich auch nur um eine große Abdeckplatte handeln. Zum Zeitpunkt der Entdeckung hatte sich das Wrack um die Seitenachse gedreht, und diese Rotation haben wir mit den Traktorstrahlen der Tyrell gestoppt. Ansonsten befindet sich das Schiff aber noch in dem Zustand, in dem wir es vorgefunden haben.“
Conway dankte dem Schiffsarzt und schnallte den Couchgurt ab. Auf dem Radarschirm konnte er zwar mehrere neue Echobilder sehen, aber seine unmittelbare Sorge galt jetzt der zusehends größer werdenden Darstellung der Tyrell und des Wracks auf dem Frontbildschirm.
„Was haben Sie denn vor, Doktor?“ fragte der Captain.
Conway deutete auf die Abbildung des Wracks und antwortete: „Das Schiff scheint nicht allzu schwer beschädigt worden zu sein, und viel scharfkantiges Metall ist auch nicht zu sehen, deshalb werden meine Helfer im Interesse einer zügigen Bergung leichte Raumanzüge tragen. Ich nehme Pathologin Murchison und Doktor Prilicla mit. Oberschwester Naydrad bleibt mit der Bahre in der Unfalldeckschleuse und hält sich bereit, sie sofort nach Murchisons Analyse mit der Atmosphäre des Überlebenden unter Druck zu setzen. Wollen Sie zum Öffnen der Luftschleuse des Alienschiffs mitkommen Sir?“
Die Rhabwar war das erste Schiff seiner Art. Konstruiert als spezielles Ambulanzschiff, hatte es Form und Größe eines leichten Föderationskreuzers, des größten Korpsschiffstyps, der in der Lage war, innerhalb einer Planetenatmosphäre zu manövrieren. Als sich Conway den schwerelosen Hauptverbindungsschacht entlang in Richtung Heck zog, stellte er sich die strahlend weiße Schiffshülle, und die deltaförmigen Flügel mit der orangefarbenen Sonne, dem gelben Blatt, dem roten Kreuz und den vielfältigen anderen Symbolen vor, die den Grundgedanken der überall in der Föderation uneingeschränkt gewährten Hilfe repräsentierten.
Das Schiff war auf Traltha gebaut worden, besaß daher die typische Form und verfügte über alle sich daraus ergebenden Konstruktionsvorteile. Man hatte es nach einer der großen Persönlichkeiten in der medizinischen Geschichte Tralthas benannt, nämlich Rhabwar. Das Ambulanzschiff war für die Führung durch eine aus Terrestriern bestehende Besatzung vorgesehen, deren Unterkünfte sich direkt unter der Kommandozentrale auf dem zweiten Deck befanden. Das medizinische Personal bewohnte ähnliche Unterkünfte auf Deck drei, die sich nur hinsichtlich des Mobiliars und des Betts der kelgianischen Oberschwester sowie der künstlichen Schwerkraft für den Empathen unterschieden.
Deck vier war eine Kompromißlösung, dachte Conway, als er sich gerade durch den Schacht daran vorbeizog, eine Mischung aus Speisedeck und Freizeitraum, wo die miteinander arbeitenden Schiffsinsassen unabhängig von ihrer physiologischen Klassifikation eigentlich auch ohne Probleme ihre Freizeit gemeinsam hätten verbringen sollen — doch wenn sich alle Mitarbeiter gleichzeitig auf diesem Deck aufhielten, blieb nicht einmal mehr genügend Platz für eine Partie Schach zu zweit. Das gesamte fünfte Deck war ausschließlich der Lagerung von Gebrauchsgütern vorbehalten. Dazu gehörten nicht nur die von sechs Terrestriern, einer Kelgianerin und einem Cinrussker der Klassifikationen DBDG, DBLF beziehungsweise GLNO benötigten Lebensmittel, sondern auch die Vorratstanks, mit deren Inhalt man die Atmosphäre jeder der Föderation bekannten Spezies reproduzieren oder synthetisch herstellen konnte.
Auf den Decks sechs und sieben, Conways Ziel, lag das Unfalldeck beziehungsweise die eine Ebene tiefer befindliche Behandlungsstation mit anschließendem Labor. Hier konnten die Schwerkraft, der Druck und die Zusammensetzung der Atmosphäre beliebig verändert werden, um sie den jeweiligen Umwelterfordernissen eines eingelieferten Patienten anzupassen. Deck acht beherbergte den Maschinenraum, den Bereich von Lieutenant Chen, der für die Kontrolle der Hyperraumantriebsgeneratoren und der Triebwerke für den Normalraum verantwortlich war. Zudem kümmerte er sich um die Energieversorgung der künstlichen Schwerkraftgitter, der Traktor- und Pressorstrahlen, des Kommunikationssystems, der Sensoren und sonstiger Einrichtungen, die ein nach Energie dürstendes Schiff zum Leben erwecken.
Conway dachte immer noch an den kleinen Chen und an die furchtbare Macht, die dieser in den Händen hielt und mit einem einzigen Knopfdruck seiner Wurstfinger auslösen konnte, als er auf dem Unfalldeck eintraf. Er mußte nichts erklären, da sein vorheriges Gespräch mit dem Captain genauso wie die interessanteren und wichtigeren Darstellungen auf den Bildschirmen vom Kommandodeck zum Unfalldeck übertragen worden waren. Folglich brauchte er nichts weiter zu tun, als sich seinen Raumanzug zu holen. Er hatte ein sehr gutes medizinisches Team, das die Ausrüstungund sich selbst in ständiger Bereitschaft hielt und seinem Leiter ununterbrochen das Gefühl zu geben versuchte, vollkommen überflüssig zu sein.
Murchison beugte und streckte sich zur Überprüfung der luftdichten Verschlüsse ihres leichten Raumanzugs, und Naydrad kontrollierte bereits die Druckbahre in der Einlaßschleuse zum Unfalldeck, wobei sich ihr schönes, silbergraues Fell in Wellen legte, die langsam über ihren raupenähnlichen Körper verliefen. Der unglaublich zarte Prilicla schwebte, unterstützt von G-Gürteln und zwei schillernden Flügelpaaren, nahe an der Decke, wo er nicht Gefahr lief, versehentlich mit einem seiner größeren Kollegen zusammenzustoßen. Die sechs bleistiftdünnen Beine zitterten langsam im harmonischen Einklang, ein Zeichen dafür, daß der Cinrussker äußerst angenehmer emotionaler Ausstrahlung ausgesetzt war.
Murchison blickte von Prilicla zu Conway und sagte: „Hör sofort damit auf.“
Conway wußte, daß er und indirekt auch Murchison für das Zittern des Empathen verantwortlich waren. Wie alle Mitglieder seiner intelligenten und sensiblen Spezies besaß Prilicla hochentwickelte empathische Fähigkeiten, die ihn dazu veranlaßten, selbst auf die geringsten Gefühlsschwankungen der Wesen in seiner näheren Umgebung zu reagieren. Pathologin Murchison wies jene Kombination physiologischer Merkmale auf, bei deren Anblick es jedem männlichen terrestrischen DBDG äußerst schwerfiel, eine Haltung zu bewahren, die auch nur entfernt an kühle Gelassenheit erinnerte — und wenn sie einen hauteng anliegenden leichten Anzug trug, war das schlichtweg unmöglich.
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