Harry Harrison - Die Todeswelt

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Die
ist mit 55 000 Siedlern an Bord nach Pyrrus gelangt, einen erdähnlichen, fruchtbaren Planeten, eine friedliche, geradezu paradiesische Welt. Doch bald treten unvermutete Schwierigkeiten auf. Kaum hat der Mensch in die fremde Ökologie eingegriffen, beginnt die Umwelt vehement zu reagieren. Die Siedler sehen sich zu Schutzmaßnahmen gezwungen — mit dem Erfolg, daß binnen weniger Jahre Pyrrus sich in eine extrem menschenfeindliche Hölle verwandelt. Tiere und Pflanzen verändern sich mit alptraumhafter Schnelligkeit in perfide Mordmaschinen. Jeder unbedachte Schritt bedeutet den sicheren Tod. Der Aufenthalt auf Pyrrus wird zum permanenten Kampf ums nackte Überleben. Die Menschen bauen ihre letzte Stadt zur Festung aus, gehen mit Gift und Napalm gegen die erdrückende Übermacht der einheimischen Fauna und Flora vor, doch alle verzweifelten Maßnahmen scheinen genau das Gegenteil zu bewirken und die Eskalation weiterzutreiben.
Als Jason dinAlt, der Psi-Mann, nach Pyrrus kommt, erkennt er die Sinnlosigkeit dieser Auseinandersetzung und durchschaut den Mechanismus, den die Menschen ahnungslos und leichtsinnig in Gang gesetzt haben, als sie in die Ökologie eingriffen. Er beschließt, Pyrrus den Frieden zu bringen, und setzt dabei sein Leben aufs Spiel.

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Ein Pyrraner stolperte an ihm vorüber. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Der rechte Arm hing schlaff herunter. Er war mit einem Plastikverband bedeckt. Der Mann hielt seine Pistole in der linken Hand. Jason vermutete, daß er nach einem Sanitäter suchte. Er hätte sich nicht mehr irren können.

Der andere nahm die Pistole zwischen die Zähne, stürzte ein Napalmfaß um und rückte es zurecht. Dann nahm er seine Waffe wieder in die linke Hand und rollte das Faß mit den Füßen weiter. Er kam zwar nicht schnell voran aber er kämpfte wenigstens noch.

Jason lief ihm nach und beugte sich über das Faß. „Lassen Sie mich weiterrollen“, sagte er. „Sie brauchen nur zu schießen, wenn es nötig ist.“

Der Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte Jason an. Er schien ihn zu erkennen, denn er verzog sein Gesicht zu einem schmerzlichen Grinsen. „In Ordnung. Ich kann noch schießen. Zwei halbe Kerle vielleicht so gut wie ein ganzer.“ Jason arbeitete so angestrengt, daß er den Satz gar nicht hörte.

Eine Explosion hatte in der Straße vor ihnen einen riesigen Krater ausgehoben. Zwei Menschen standen darin und schaufelten ihn noch tiefer. Das Ganze schien keinen Sinn zu haben. Als Jason und der Verwundete das Napalmfaß heranrollten, kletterten die Arbeiter aus dem Krater. Eine der beiden Gestalten war ein junges Mädchen, das sich aufgeregt an Jason wandte.

„Endlich!“ rief sie aus. „Wir warten schon seit einer halben Stunde auf das Napalm.“ Während sie sprach, wälzte sie ein Faß an den Rand des Kraters, öffnete den Schnellverschluß und schüttete den gallertartigen Inhalt in das Loch. Als das Faß zur Hälfte ausgelaufen war, ließ sie es hinterherrollen. Der andere Arbeiter riß eine Magnesiumfackel aus dem Gürtel, setzte sie in Brand und schleuderte sie in den Krater.

„Schnell zurück! Sie mögen die Hitze nicht“, warnte er dann.

Das war allerdings nicht übertrieben. Das Napalm geriet in Brand, so daß sich schon Sekunden später dicke Rauchwolken aus dem Krater wälzten, aus denen lange Flammen züngelten. Der Boden unter Jasons Füßen schwankte heftig. Etwas, das wie eine lange schwarze Schlange aussah, bewegte sich inmitten dieses feurigen Infernos und reckte sich dann hoch in den Himmel über den Köpfen der Menschen auf. Das Ding war mindestens zwei Meter dick und anscheinend endlos lang. Die Flammen schadeten ihm nicht, sondern schienen es nur zu belästigen.

Jason konnte sich vorstellen, wie lang das Ding sein mußte, als die Straße an beiden Seiten des Kraters sich plötzlich auf eine Entfernung von fünfzig Metern aufwölbte und auseinanderbrach. Er schoß wie wild auf das schlangenförmige Wesen, obwohl seine Schüsse und die der anderen wirkungslos blieben. Jetzt tauchten immer mehr Menschen auf, die mit Flammenwerfern und Handgranaten ausgerüstet waren.

Zone B räumen. Wir setzen Granatwerfer ein. Alles sofort zurück.

Die Stimme klang so laut, daß Jasons Ohren schmerzten. Er drehte sich um und erkannte Kerk, der auf einem schwer beladenen Lastwagen stand. Er hielt einen tragbaren Lautsprecher in der Hand, durch den er seine Befehle erteilte. Die Menge reagierte sofort darauf. Die Menschen setzten sich in Bewegung.

Jason wußte nicht recht, was er tun sollte. Zone B räumen? Wo war denn überhaupt eine Zone? Er lief auf Kerk zu, bevor ihm auffiel, daß alle anderen in die entgegengesetzte Richtung rannten. Trotz der hohen Schwerkraft rannten sie wirklich.

Jason fühlte sich wie ein Schauspieler, der allein auf einer riesigen Bühne zurückgeblieben ist. Die anderen waren spurlos verschwunden — bis auf den Verwundeten, dem er vorher geholfen hatte. Der Mann taumelte auf Jason zu und wies mit seinem gesunden Arm nach rückwärts. Jason begriff nicht, was der andere ihm zurief. Kerk erteilte weitere Befehle. Nun setzten sich auch die Lastwagen in Bewegung. Jason spürte, daß er keine Sekunde mehr verlieren durfte, und begann zu laufen.

Zu spät. Auf allen Seiten hob sich die Straßendecke, als das unterirdische Wesen sich den Weg ans Tageslicht bahnte. Vor ihm lag die Sicherheit. Aber dort erhob sich auch ein Teil des unheimlichen Schlangenwesens hoch in die Luft.

Manchmal werden Sekunden zu einer Ewigkeit. Ein Augenblick subjektiver Zeit wird gedehnt, bis er unendlich lang erscheint. Dieser Augenblick gehörte dazu. Jason stand wie erstarrt. Selbst die Rauchschwaden schienen unbeweglich. Das unbekannte Wesen wölbte sich vor ihm auf. Er nahm jede Einzelheit wahr.

Mannsdick, rissig und rauh wie verwitterte Baumrinde. Überall lange Fangarme, die sich langsam und schlangengleich bewegten. Die Gestalt einer Pflanze, aber die Bewegungen eines Tieres. Überall taten sich Öffnungen und Risse auf. Das war schlimmer als alles andere.

Aus den Öffnungen strömten ganze Horden weißlicher Tiere hervor. Jason hörte die schrillen Laute, die sie ausstießen, und war wie gelähmt davon. Er sah die nadelspitzen Reißzähne in ihren Rachen.

Jason war zu keiner Bewegung mehr fähig, als diese Schrecken vor ihm auftauchten. Eigentlich hätte er längst tot sein müssen. Kerk brüllte ihm durch den Lautsprecher Befehle zu. Die anderen Männer schossen auf die angreifenden Tiere. Jason nahm nichts davon wahr.

Dann stolperte er plötzlich nach vorn, als er einen heftigen Stoß erhielt. Der Verwundete stand hinter ihm und versuchte ihn zu retten, anstatt sich selbst in Sicherheit zu bringen. Er stieß ihn vor sich her. Auf das Schlangenwesen zu. Die anderen schossen nicht mehr, als sie sahen, was er vorhatte.

Der Körper des Wesens ragte in die Luft, so daß zwischen ihm und dem Boden ein etwa mannshoher Bogen entstand. Der verwundete Pyrraner stellte sich mit gespreizten Beinen hinter Jason auf und spannte die Muskeln an. Dann versetzte er ihm plötzlich einen gewaltigen Stoß, so daß Jason halbwegs durch die Luft flog. Aber jetzt war er unter dem lebenden Bogen hindurch, dessen Fangarme ihn nur gestreift hatten. Der Pyrraner versuchte ihm zu folgen.

Jetzt war es bereits zu spät dazu. Nur einer von ihnen hatte die Chance ausnützen können. Der Verwundete hätte sich retten können — aber statt dessen hatte er Jason hindurchgestoßen. Das Ding hatte eine Bewegung wahrgenommen, als Jason seine Fangarme berührte. Nun ließ es sich zu Boden sinken und begrub den Pyrraner unter sich. Er verschwand in dem Gewirr von Fangarmen, dann fielen die Tiere über ihn her. Er mußte seine Pistole auf Dauerfeuer eingestellt haben, denn die letzten Schüsse erklangen, als er schon längst tot sein mußte.

Jason kroch weiter. Einige Tiere wollten sich auf ihn stürzen, wurden aber rechtzeitig erlegt. Er merkte nichts davon. Dann griffen harte Hände nach ihm und rissen ihn hoch. Er sah Kerks wütendes Gesicht, als der Riese ihn mit einer Hand wie ein Bündel Lumpen hochhob und heftig schüttelte. Er wehrte sich nicht dagegen.

Als Kerk endlich von ihm abließ, schob einer der anderen Männer ihn auf die Ladefläche des nächsten Lastwagens. Jason war noch bei Bewußtsein, aber zu keiner Bewegung mehr fähig. Er wollte sich nur ein wenig ausruhen. Ihm fehlte nichts, er war nur sehr müde. Während er noch daran dachte, wurde er ohnmächtig.

13

„Wie in der guten alten Zeit“, sagte Jason, als Brucco mit einem Tablett hereinkam. Brucco stellte ihm und den Verwundeten in den anderen Betten wortlos das Essen vor die Nase und ging wieder hinaus. „Danke schön“, rief Jason hinter ihm her.

Immer noch der alte Jason, der bei jeder Gelegenheit — passend oder unpassend — seine Witze anbringen mußte. Natürlich. Aber plötzlich fiel ihm ein, wie wenig Anlaß er zu einem Grinsen hatte. Er dachte an den sich windenden Bogen, der den verwundeten Mann unter sich begraben hatte.

Er stellte sich vor, wie die unzähligen Fangarme nach ihm gegriffen hätten. Hatte denn der Verwundete nicht seinen Platz eingenommen? Er beendete seine Mahlzeit, ohne überhaupt zu merken, daß er aß.

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