Walter Wassilowitsch stand auf dem schwarzen Eisenboden von Avalon und beobachtete, wie das plumpe Gebilde einer Baumaschine erbebte und dann auf den Flammen aus vier kleinen Düsen in die Höhe stieg. Die große Maschine warf sich herum und schoss auf die Gargantua zu, die am schwarzen Himmel hing. Die Baumaschine war der letzte Ausrüstungsgegenstand, der zum Schiff zurückgebracht werden musste, und dem vor einer Stunde die letzte Schiffsladung von Arbeitern vorangegangen war. Nach ihrem Abflug waren Wassilowitsch und sein Pilot als Avalons letzte Bewohner zurückgeblieben. In wenigen Minuten würden auch sie den Nickel-Eisen-Asteroiden zum letzten Mal hinter sich lassen.
Als Wassilowitsch sich auf dem Asteroiden umsah, fiel es ihm schwer zu glauben, dass diese kleine Welt in fünf Tagen vom Himmel verschwinden würde. Und doch sagten die Wissenschaftler voraus, dass der Blitz einige Minuten lang der Sonne Konkurrenz machen würde. Es war schwierig, sich die Gewalt einer solchen Kollision vorzustellen, und noch schwieriger, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass Donnerschlag davon kaum beeindruckt sein würde.
Vierzig Tage nach der Zerstörung Avalons würde Donnerschlag das Perihel erreichen. Weitere zweiundvierzig Tage später würde er seinen langen Flug zum Geschwisterpaar Erde und Mond beenden. Dank der Arbeit von Walter Wassilowitsch und Hunderten anderer Männer wie ihm würde Donnerschlag seinen Rendezvous-Punkt im Erde Mond-System mit einer Verspätung von knapp drei Minuten erreichen. Von diesen drei Minuten hing das Schicksal von Welten ab. Sie würden es Luna erlauben, sich zwischen den Kometenkern und die Erde zu schieben. Im Begriff, die Wiege der Menschheit zu zerstören, würde Donnerschlag auf eine Masse treffen, die seine eigene um das Tausendfache übertraf. So wie zuvor Avalon, würde Donnerschlag in einem Kataklysmus von Licht und Hitze vergehen.
Wassilowitsch machte sich nicht die Mühe hochzusehen, als die Baumaschine den schwebenden Transporter erreichte. Er wandte sein Gesicht in die ntgegengesetzte Richtung. Dort, in einer Entfernung von nur zwanzig Millionen Kilometern, hob sich der Komet vor dem schwarzen Himmel ab. Von vorne gesehen machte er den Eindruck einer unförmigen Wolke. Der Schweif des Kometen war eine ausgedehnte transparente Fläche, durch die hindurch wie leuchtende Diamanten einzelne Sterne zu sehen waren. Sie erstreckte sich vom Horizont des Asteroiden bis zum Zenit. An der höchsten Stelle des Himmels befand sich eine massiv aussehende, milchig weiße Wolke.
Die Koma war so groß wie von der Erde aus gesehen ein halbes Dutzend Vollmonde. Irgendwo in diesem Ball lauerte, wie Walter wusste, ein fünfhundert Kilometer durchmessender Asteroid. Donnerschlag würde hinter dem Schleier der Koma bis unmittelbar vor dem Moment des Zusammenstoßes verborgen bleiben. Selbst dann würde er sich noch bedeutend schneller als eine Gewehrkugel nähern, viel zu schnell für das menschliche Auge. Doch die Instrumente würden seine Annäherung aufzeichnen. Sie würden auch die folgende Katastrophe festhalten.
»Fertig zum Start, Mr. Wassilowitsch«, meldete sein Pilot über Helmfunk.
»Danke, Pierce. Warten Sie noch, bis ich mit den letzten Kontrollen fertig bin.«
Wassilowitsch bewegte sich über die Nickel-Eisen-Ebene und betrat die mit Atmosphäre ausgestattete Nissenhütte, die er und seine Männer so gewissenhaft errichtet hatten. Die Hütte war eine von insgesamt dreien. Obwohl sie immer noch atembare Luft enthielt, verzichtete er darauf, seinen Helm abzusetzen. Stattdessen sah er ein letztes Mal nach den Geräten, die über die Vernichtung der winzigen Welt berichten würden, auf der er stand.
Überall auf Avalon waren Kameras und Radarantennen in den Himmel gerichtet, um die Annäherung des Kerns zu beobachten. Andere Instrumente wiederum waren tief im Nickel-Eisen-Herzen von Avalon begraben. Solange es sie gab, würden sie die ersten Millisekunden von Avalons Auseinanderbrechen aufzeichnen. Die Instrumente auf Avalon waren jedoch nicht die einzigen, die das Ereignis beobachteten. Die Mannschaft der Godzilla hatte die letzten Wochen damit verbracht, Donnerschlag mit Instrumenten auszustatten. Man hoffte, dass zumindest einige der auf der dem Aufschlagpunkt gegenüberliegenden Seite des Kerns angebrachten Trägheitssensoren die Kollision überstehen würden. Falls sie es taten, würde die Menschheit durch sie die erste direkte Bestätigung bekommen, ob sie Donnerschlags Flugbahn erfolgreich geändert hatten oder nicht.
Wassilowitsch machte einen letzten Rundgang durch den Kontrollraum und vergewisserte sich, dass sich alles an seinem Platz befand, eingeschaltet war und funktionierte. Er überprüfte die in dreifacher Ausfertigung vorhandenen Batterien und die Kabelverbindungen. Er überzeugte sich davon, dass alle Anzeigen auf Grün standen und dass das Überwachungssystem keine Ausfälle anzeigte. Schließlich überprüfte er die Verbindung zwischen seinem Kontrollraum und den beiden anderen. Als er alles kontrolliert hatte, wandte er sich zum Gehen. Als er die Luftschleuse betrat, griff er zum Schalter, um die Deckenbeleuchtung abzustellen. Die Tür hatte sich fast schon hinter ihm geschlossen, als er wegen seines Tuns in sich hineinzulachen begann. Sie waren im Begriff, diese Miniaturwelt zu vernichten, und er versuchte immer noch, Energie im Wert von ein paar Pfennigen zu sparen.
Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier.
Halver Smith streckte sich auf dem Vordeck der Sierra Seas aus und legte seinen Kopf in den Schoß seiner frischgebackenen Ehefrau. Er setzte ein elektronisches Weitwinkelfernglas an und suchte den Himmel ab. Es war eine Stunde vor Tagesanbruch, und über ihm waren die Sterne kalte blauweiße Lichtpunkte. Am östlichen Horizont zeigte sich die erste Andeutung von Farbe als Vorbote des Sonnenaufgangs.
»Dort ist er«, sagte er, mit einer Hand auf einen niedrigstehenden Flecken im Südosten deutend.
Barbara Martinez wandte sich vom Holoschirm ab, an dem sie sich zu schaffen gemacht hatte. Sie folgte dem Finger, bis sie den milchig weißen Lichtfleck am Himmel gefunden hatte.
»Ich sehe ihn«, sagte sie. »Er ist schrecklich schwach. Wie sollen wir ihn später finden, wenn uns die Orientierungspunkte fehlen?«
»Wir orientieren uns an den Sternen«, antwortete Smith. »Siehst du diese beiden hellen dort rechts? Der Komet liegt auf der imaginären Verbindungslinie zwischen ihnen, zwei Sternentfernungen links von dem helleren rötlichen.«
»Ich hab’s«, sagte sie, bevor sie sich wieder dem Einstellen des Fernsehers zuwandte. Sie hatten den Monitor mit aufs Deck genommen, um ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Himmel und der Liveübertragung aus dem Weltraum zu teilen. Am Heck der Yacht war eine Antenne auf Commstat Zwei ausgerichtet. Obwohl sie ihn bereits früher in der Woche kontrolliert hatten, hatte der Empfänger periodische Ausfälle gehabt, seit sie San Francisco am Vorabend verlassen hatten. Die Senderjustierung hatte sich verändert, während die Yacht in der schwachen Dünung rollte. Smith hatte es schon so gut wie aufgegeben, ihn reparieren zu wollen, als Barbara das TV-Gerät zum Laufen brachte. Seit zwanzig Minuten war sie damit beschäftigt. Im Moment hatte sie das Programm eingestellt, das live von der Newton-Station aus berichten sollte.
»Guck mal!«, rief sie. »Da ist Tom Thorpe!«
Smith verlagerte seine Aufmerksamkeit vom Himmel zum Bildschirm. Dort war Thorpe zu sehen, der neben einem bekannten Holo-Reporter saß. »Stell den Ton ein. Hören wir uns an, was er zu sagen hat.«
Thorpes Stimme tönte aus dem Lautsprecher. »… Das ist richtig, Brad. Wir werden fast augenblicklich sagen können, ob es mit der Kollision geklappt hat. Wir haben Trägheitssensoren auf der Rückseite von Donnerschlag. Sie werden uns einen präzisen Wert der Veränderung des Geschwindigkeitsvektors übermitteln. Wenn wir den erst einmal haben, wird es eine relativ leichte Aufgabe sein, den Aufschlagsort auf Luna vorauszuberechnen.«
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