Arctor sagte: »Ich hab’ kürzlich auch’n paar Leute angepißt.«
»Ehrlich? Wie denn das?«
»Metaphorisch. «
»Nicht so, wie man’s sonst macht?«
»Ich meine«, sagte er, »ich hab’ ihnen gesagt –« Er unterbrach sich mitten im Satz. Er quatschte mal wieder zuviel, und außerdem war er hier Bob Arctor und nicht Fred. Herr im Himmel, dachte er. »Diese blöden Macker«, sagte er, »diese Motorradfreaks, du weißt schon. Die immer drüben beim Foster’s Freeze rumhängen. Ich schlendere da also nichtsahnend vorbei, und einer von den Typen schiebt ‘ne blöde Bemerkung raus. Da bin ich eben stehengeblieben und hab’ ihnen gesagt –«
»Du kannst es mir ruhig verraten«, sagte Donna, »selbst wenn’s superunanständig ist. Man muß diesen Motorradfreaks schon was Superunanständiges vor den Latz knallen, sonst checken die’s sowieso nicht.«
Arctor sagte: »Ich hab’ ihnen erzählt, ich würd’ lieber auf ‘ne Schnalle klettern als auf einen Riemen. Jederzeit sogar.«
»Du, den Witz hab’ ich jetzt aber nicht so ganz mitgekriegt. «
»Na, ‘ne Schnalle ist ‘ne Puppe, und ‘n Riemen –«
»Oh yeah. Hab’ schon kapiert. Würg kotz.«
»Wir treffen uns dann bei mir zu Hause, wie verabredet«, schloß Arctor. »Tschüss.« Er wollte auflegen.
»Kann ich dir dieses Buch über die Wölfe mitbringen und dir mal zeigen? Es ist von Konrad Lorenz. Auf dem Klappentext steht, daß er die bedeutendste Autorität für Wölfe auf der ganzen Welt war. Ach ja, und noch was. Deine Kumpel sind heute zu mir in den Laden gekommen, Ernie Wie-heißt-er-doch-gleich und dieser Barris. Sie haben dich gesucht, weil du –«
»Was wollten sie denn?«
»Dein Cephalochromoskop, für das du neunhundert Dollar hingeblättert hast und das du immer anschaltest und laufen läßt, wenn du nach Hause kommst – Ernie und Barris haben die ganze Zeit nur davon gelabert. Sie haben versucht, es heute zu benutzen, aber es wollte einfach nicht funktionieren. Keine Farben und keine Ceph-Muster, nichts. Darum haben sie Barris’ Werkzeugkasten geholt und die Bodenplatte abgeschraubt.«
»Sag mal, ich hör’ wohl nicht recht?« sagte er aufgebracht.
»Und sie haben erzählt, daß irgendwer es vermackelt hat. Regelrecht sabotiert. Zerschnittene Kabel und all so ‘n Zeug – das totale Chaos. Kurzschlüsse und kaputtgeschlagene Teile. Barris sagte, er hätte versucht –«
»Ich geh’ sofort heim«, sagte Arctor und legte auf. Mein bestes Stück, dachte er bitter. Und dieser Idiot Barris pfuscht auch noch daran herum. Aber ich kann ja jetzt gar nicht so einfach nach Hause gehen, fiel ihm plötzlich ein. Ich muß hinüber zum Neuen Pfad, um herauszufinden, was da eigentlich läuft.
Das war nun einmal seine Aufgabe. Und der konnte er sich nicht entziehen.
Auch Charles Freck hatte schon daran gedacht, sich der Obhut des Neuen Pfades anzuvertrauen. Jerry Fabins Ausflippen hatte ihn ganz schön fertiggemacht.
Freck saß mit Jim Barris in Fiddlers Kaffeestube Nummer Drei in Santa Ana und spielte mürrisch mit seinem zuckerglasierten Doughnut herum. »Das ist wirklich eine schwierige Entscheidung«, sagte er. »Die lassen dich doch voll auf Cold Turkey gehen. Sie bleiben nur Tag und Nacht bei dir und passen auf, daß du dich nicht selbst allemachst oder dir den Arm abbeißt, aber sie geben dir nie was. Ich meine, was ein Doktor verschreiben würde. Valium zum Beispiel.«
Kichernd inspizierte Barris sein Sandwich, das auf der Speisekarte unter dem hübschen Namen Patty Melt – Schmelzpastetchen – firmierte und aus zerlaufenem Käseimitat und einem steinharten Klumpen Syntho-Rindfleisch auf speziellem organischen Brot bestand. »Was für eine Brotsorte ist das?« fragte er.
»Schau auf die Speisekarte«, sagte Charles Freck. »Da steht’s.«
»Wenn du reingehst«, sagte Barris, »werden sich bei dir eine Reihe von Symptomen einstellen, die aus Abwehrreaktionen bestimmter basischer Körperflüssigkeiten – besonders jener, die im Gehirn lokalisiert sind – herrühren. Damit meine ich natürlich die Katecholamine wie etwa Noradrenalin und Seratonin. Sieh mal, das funktioniert so: Substanz T – eigentlich alle suchtbildenden Rauschgifte, aber Substanz T steht da an erster Stelle – interagiert mit den Katecholaminen, und zwar auf subzellularer Ebene, so daß es zu einer biostrukturellen Anpassung der Katecholamine an Substanz T und damit schlußendlich zu einer Abhängigkeit kommt, die sich im Prinzip nie mehr rückgängig machen läßt.« Er nahm einen großen Bissen von der rechten Hälfte seines Patty Melt. »Früher glaubten die Wissenschaftler, daß so etwas nur bei den Alkaloid-Narkotika wie etwa Heroin eintreten könne.«
»Ich hab’ mir nie Smack geschossen. Das bringt dich echt runter.«
Die Kellnerin, aufregend und hübsch anzuschauen in ihrer Uniform, kam herüber zu ihrem Tisch. Ihre Titten wippten keck bei jedem Schritt. »Hi«, sagte sie. »Alles in Ordnung?«
Charles Freck blickte erschrocken auf.
»Heißt du Patty?« fragte Barris sie und gab gleichzeitig Freck ein Zeichen, daß alles cool sei.
»Nein.« Sie wies auf das Namensschild auf ihrer rechten Titte. »Beth.«
Ich möchte zu gerne wissen, wie die linke heißt, dachte Charles Freck.
»Die Kellnerin, die uns beim letzten Mal bedient hat, hieß Patty«, sagte Barris und musterte die Kellnerin mit einem unanständigen Blick. »Genauso wie das Sandwich.«
»Die kann wohl kaum was mit dem Sandwich zu tun gehabt haben. Ich glaube, sie schreibt sich mit einem i.«
»Mensch, ich finde heute alles super dufte«, sagte Barris. Über seinem Kopf konnte Charles Freck eine Denkblase sehen, in der Beth zuerst einen aufreizenden Striptease aufs Parkett legte und dann lüstern ihr Becken kreisen ließ. Ihr Bär schien ihnen geradezu zuzuwinken.
»Hat sich was mit super dufte«, sagte Charles Freck. »Ich hab’ ‘ne Menge Probleme, die außer mir niemand hat.« Mit schwermütiger Stimme sagte Barris: »Du würdest gar nicht glauben, wie viele Leute die gleichen Probleme haben wie du. Und es werden mit jedem Tag mehr. Unsere Welt ist krank, und es wird immer schlimmer mit ihr.« Die Bilder in der Denkblase über seinem Kopf wurden ebenfalls immer schlimmer.
»Möchten Sie nicht vielleicht ein Dessert bestellen?« fragte Beth und lächelte auf die beiden hinab.
»Was gibt’s denn?« erkundigte sich Charles Freck mißtrauisch.
»Wir haben frischen Pflaumenkuchen und frische Pfirsichtörtchen«, sagte Beth lächelnd. »Die machen wir hier selbst.«
»Nein, wir möchten keinen Nachtisch«, sagte Charles Freck. Die Kellnerin ging wieder. »Das ist was für alte Omas«, sagte er zu Barris, »diese Obstkuchen.«
»Der Gedanke, dich freiwillig zur Entziehung zu melden«, sagte Barris, »macht dich sicher kribbelig. Du hast eine panische Angst davor, daß dich dort nur endlose negative Symptome erwarten. Das ist die Einflüsterung der Droge, die sich meldet, um dich vom Neuen Pfad fernzuhalten, und dich daran hindern will, dich von ihr zu lösen. Du siehst, alle Symptome haben eine Bedeutung, ganz gleich, ob sie nun positiv oder negativ sind.«
»Echt?« murmelte Charles Freck.
»Die negativen Symptome manifestieren sich als blanke Gier, die gezielt vom gesamten Körper erzeugt wird, um den Besitzer dieses Körpers – in diesem Falle also dich – dazu zu zwingen, verzweifelt –«
»Wenn du zum Neuen Pfad kommst«, sagte Charles Freck, »schneiden sie dir als erstes den Pimmel ab. Eine pädagogische Maßnahme zur Einstimmung auf dein zukünftiges Leben. Und dann machen sie in dem Stil weiter.«
»Als nächstes kommt die Galle dran«, sagte Barris.
»Wieso denn das? Was macht so eine Galle eigentlich?«
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