„Zoe, du musst mir jetzt unbedingt zuhören.“
Zoe dreht sich um und stellte fest, dass Shelley vor ihr stand. Sie trug ein hübsches Kleid, ihre Frisur und ihr Make-up sahen noch perfekter aus, als sie es normalerweise taten und sie trug High-Heels, die sie größer machten. Zoe sah an sich herab und bemerkte, dass sie die gleiche Kleidung trug. Sie befanden sich in der Damentoilette eines Restaurants, draußen warteten ihre Lebensgefährten auf sie.
„Was?“, fragte Zoe mit bösem Blick. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, was es war. Irgendwas lief hier falsch.
„Du musst mir zuhören“, sagte Shelley beharrlich.
Zoe schaute noch finsterer drein und machte einen Schritt auf Shelley zu, aber obwohl sie sich nicht bewegt hatte, war Shelley immer noch genau gleich weit entfernt. „Worauf muss ich hören?“, fragte Zoe.
Shelley deutete zu dem Spiegel hinter Zoe und Zoe drehte sich dahin um: Darin war ihr Spiegelbild zu sehen, aber ohne Make-up und schicke Kleidung, sondern ganz so, wie sie zur Zeit wirklich aussah: verschlafen und blass, im Jogginganzug, ungepflegt und mit dunklen Augenringen.
Davon abgesehen war im Spiegel nichts und niemand anderes zu sehen.
Zoe drehte sich verwirrt wieder zu Shelley um. Doch Shelley starrte sie bloß schweigend an. Mit einem solch energischen Blick, dass Zoe die Worte im Halse stecken blieben. Sie war zu nichts anderem in der Lage, als zurückzustarren. Und dabei zu versuchen, zu erraten, was Shelley ihr mit ihrem Blick sagen wollte, insbesondere als Shelleys Augen weiß und glasig wurden und aufhörten überhaupt etwas anzustarren.
Zoe schreckte auf und saß nun aufrecht und schwer atmend in ihrem Bett. Sie war durchgeschwitzt und ihr war zu warm – und als sie sich die Haare aus dem Gesicht wischte, stellte sie fest, dass sie ganz nass geworden waren. Sie brauchte eine ganze Weile, um den Gedanken an Shelleys ganz und gar weiße Augen zu wieder loszuwerden. Als sie schließlich zur Seite sah, starrte sie direkt in ein weiteres, übergroßes Augenpaar. Zoe schrie auf und rutschte auf dem Bett erschrocken zur Seite, bis ihr schließlich klar wurde, dass das bloß Eulers Augen waren, der sie mit einem besorgten Schnurren beobachtete und dabei eine seiner Pfoten in die Luft reckte.
Zoe kam wieder zu Atem und streckte die Hand nach ihm aus, um ihn hinterm Ohr zu kraulen und ihn damit wissen zu lassen, dass alles in Ordnung war. Ihr Herz raste zwar immer noch, aber er drehte sich daraufhin um und spazierte davon. Er hatte offenbar das Interesse an dem seltsamen Verhalten dieses Menschen verloren. Zoe zählte jeden einzelnen seiner Schritte mit, bis er aus dem Zimmer verschwunden war. Danach versuchte sie stattdessen ihre eigenen Atemzüge zu zählen und sie dabei so gut es ging zu verlangsamen.
Erholsamer Schlaf war das jedenfalls nicht gewesen. Zoe schwang die Beine aus dem Bett und als sie den kalten Boden unter den Füßen spürte, beruhigte sie dieses Gefühl ein wenig; es erinnerte sie daran, dass sie jetzt wieder in der realen Welt war und nicht mehr in einem Traum feststeckte. Oder besser gesagt in einem Albtraum. Was hatte Shelley ihr bloß sagen wollen? Zoe hatte keine Ahnung. Das war doch das Problem mit dem Unterbewusstsein – es war durchaus möglich, dass es überhaupt nichts zu sagen hatte.
Sie trabte Euler hinterher, bis in die Küche, in der Absicht, zunächst noch ein Glas Wasser zu trinken und danach duschen zu gehen. Während sie sich beim Trinken auf der Küchentheke abstütze, sah sie zum Couchtisch hinüber und bemerkte die Akte, die darauf lag. Sie beschloss, sie zu ignorieren. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür, Traum hin oder her. Sie sah bewusst in eine andere Richtung und wünschte sich, Maitland hätte die Mappe gar nicht erst dagelassen.
Zoe sah an ihrem Körper herab: ein Pulli und eine Jogginghose, die nicht zusammenpassten, beide noch aus ihrer Zeit an der Uni, ausgeleiert und verwaschen. Sie hatte sich schon seit Tagen nicht mehr die Haare gewaschen. Damit konnte sie dann jetzt immerhin ein wenig Zeit totschlagen.
Doch im Badezimmer geriet sie ins Stocken, denn der Anblick ihres eigenen Gesichtes im Spiegel versetzte ihr einen Schock. Sie hatte es jetzt eine ganze Weile vermieden, in den Spiegel zu sehen, aber aus irgendeinem Grund – wahrscheinlich lag es an ihrem Traum – schaute sie sich ihr Spiegelbild diesmal an. Nun sah sie sich so, wie auch Maitland sie gesehen haben musste. Mit tiefen Augenringen unter den Augen, mit fettigem und ungekämmten Haaren, mit bleicher Haut. Sie sah fürchterlich aus.
Sie hatte es auch verdient, fürchterlich auszusehen. Schließlich hatte sie doch zugelassen, dass ihre Partnerin ermordet worden war, oder nicht? Zoe schloss die Augen für einen Moment, um den damit verbundenen Schmerz zu verdrängen. Sie wollte, dass der Schmerz aufhörte.
Dann kamen ihr Maitlands Worte wieder in den Sinn. Seine Vermutung, dass es ihr durch die Arbeit womöglich leichter fallen würde, all diese Ereignisse hinter sich zu lassen. Dass die Arbeit ihren Schmerz vielleicht ein wenig lindern würde.
Es schadete ja nicht, wenigstens einmal hineinzusehen. Dann würde Maitland nicht erneut vorbeikommen – und vielleicht würde auch ihre tote Partnerin sie dann nicht mehr im Traum heimsuchen. Zumindest konnte sie sich dann sagen, dass sie es wenigstens versucht hatte.
Bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte, ging Zoe zum Tisch hinüber und schnappte sich die Akte. Darin waren vier Blatt Papier, jeweils zwei für jedes der zwei Opfer. Allein dadurch, diese Unterlagen in der Hand zu halten, wurde ihr übel. Aber innerlich hatte sie immer noch das Bild von Shelley aus ihrem Traum vor sich, deshalb begann Zoe, sich die Akte durchzulesen.
Sie überflog die darin enthaltenen Informationen schnellen Auges, dabei stachen einige Wörter und Sätze besonders hervor. Die Leichen waren im nördlichen Hinterland des Bundesstaates New York gefunden worden. Da durfte es zu dieser Jahreszeit ziemlich kalt sein. Es sah ganz danach aus, als wäre der Tathergang bei beiden Frauen unterschiedlich gewesen. Und auch die Frauen selbst unterschieden sich in ihren Eigenschaften. Zoe erkannte keine Parallelen in Sachen Alter, Körpergewicht- und -größe, Wohnort oder in der gewählten Mordmethode.
Aber zwischen den beiden Fällen gab es dennoch eine Verbindung, einen Grund dafür, warum man sie beide in die gleiche Akte sortiert und Zoe gemeinsam überreicht hatte. Bei beiden Opfern fand sich auf dem Bauch ein postmortal eingraviertes Symbol, allem Anschein nach war dafür eine Messerspitze verwendet worden: eine gerade Linie, die zwei rechtwinklige Beine miteinander Verband, die von ihr hinunterliefen wie Stützen. Zoe erkannte sofort, dass es dem für die Zahl Pi üblicherweise verwendeten Symbol ähnelte, auch wenn die übliche Kurve an einem der Füße etwas steifer wirkte.
Interessant. Ihr war nun klar, warum Maitland ihr die Akte dagelassen hatte. Das war genau die Art Fall, an dem sie früher gearbeitet hätte. Die Art Fall, von dem Shelley gehört und dann ihre Namen für die Ermittlungen ins Spiel gebracht hätte, wenn Maitland selbst noch nicht auf die Idee gekommen war. Zeichen und Symbole, Gleichungen, merkwürdige Hinweise, aus denen die meisten anderen Ermittler nicht schlau wurden. Das war genau ihr Ding.
Und in gewisser Weise war es nun sogar fast erfrischend, sich diese Akte anzusehen. Und damit dafür zu sorgen, dass die Zahlen diesmal an etwas arbeiteten, für das sie tatsächlich relevant waren – etwas, das sie zu ihrer Karriere gemacht hatte. Die Suche nach Verbindungen zwischen Hinweisen, um damit einen Mordfall zu lösen. Es fühlte sich gut an, von den Zahlen zur Abwechslung mit Informationen zu einem Fall überladen zu werden – und nicht bloß von den Maßen ihrer Wohnung und all der Dinge, die sich darin fanden. Es war eine Erleichterung.
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