Sie war schon dabei, die Tür zu schließen, als Leo einen Fuß hineinstellte. »Sie hatten recht.«
Leo hatte Wut erwartet. Stattdessen aber fing die alte Frau an zu weinen.
***
Fjodor, seine Frau und die Alte, die Fjodors Mutter war, standen beieinander. Eine zivile Troika, ein Volkstribunal. Sie sahen zu, wie Leo seine Jacke auszog und sie über einen Stuhl legte. Wie er dann seinen Pullover abstreifte und anfing, sein Hemd aufzuknöpfen. Darunter, mit Klebeband an seinem Körper befestigt, befanden sich die Informationen über die Morde: Fotos, Beschreibungen, Aussagen, Karten mit der geographischen Verteilung der Verbrechen, alle wichtigen Beweise, die sie gesammelt hatten.
»Ich musste ein paar Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um das Material durch die Gegend zu tragen. Dies hier sind die Informationen über mehr als 40 Morde, sowohl Jungen als auch Mädchen, im gesamten Westen unseres Landes. Jedes Opfer wurde auf fast dieselbe Weise getötet. So wie euer Sohn, wie auch ich mittlerweile glaube.«
Leo riss sich die Dokumente von der Brust. Diejenigen, die seiner Haut am nächsten gewesen waren, waren schweißdurch-tränkt. Fjodor nahm sie und blätterte sie flüchtig durch, ebenso seine Mutter. Bald waren alle drei in die Papiere versunken und reichten sie einander weiter. Fjodors Frau war die Erste, die etwas sagte. »Und wenn Sie ihn fangen, was machen Sie dann?«
Erstaunlicherweise war es das erste Mal, dass jemand diese Frage stellte. Bisher hatten sich alle nur darauf konzentriert, die Person zu fassen. »Ich werde ihn töten.«
Sobald Leo erläutert hatte, warum er auf eigene Faust diese Ermittlungen betrieb, hatte Fjodor keine Zeit mehr mit Beleidigungen oder Schuldzuweisungen verschwendet. Offenbar kam es ihm gar nicht in den Sinn, ihnen seine Hilfe abzuschlagen, ihre Ernsthaftigkeit zu hinterfragen oder sich über mögliche Konsequenzen Gedanken zu machen. Seiner Frau oder seiner Mutter ebenso wenig. Fjodor würde sie sofort zu Galinas Wohnung bringen.
Die kürzeste Strecke dorthin bedeutete, dass sie die Gleise überqueren mussten, wo man Arkadi gefunden hatte. Mehrere Schienenstränge verliefen hier parallel nebeneinander, eine breite, von wilden Büschen und Bäumen gesäumte Trasse. Im Dämmerlicht ließ Leo die Stimmung dieses abgeschiedenen, mitten in der Stadt gelegenen und doch gespenstisch leeren Niemandslands auf sich wirken. War der Junge über diese Schwellen gelaufen, verfolgt von dem Mann? War er auf seiner verzweifelten Flucht hingefallen?
War in der Dunkelheit ein gleichgültiger Zug vorbeigerast? Leo war froh, als sie wieder von den Gleisen herunter waren.
Als sie sich der Wohnung näherten, schlug Fjodor vor, Leo solle draußen warten. Er hatte Galina schon einmal eingeschüchtert, und sie konnten es nicht riskieren, dass sie aus schierer Angst vor ihm nichts sagte. Leo stimmte zu. Raisa und Fjodor würden allein gehen.
Raisa folgte Fjodor die Treppe hinauf. Sie erreichten die Wohnung und klopften. Drinnen hörte sie den Lärm spielender Kinder. Das war gut. Natürlich glaubte Raisa nicht, dass nur eine Mutter die Schwere dieses Falles ermessen konnte, aber die Tatsache, dass Galinas eigene Kinder in Gefahr waren, würde es ihnen leichter machen, sie auf ihre Seite zu ziehen.
Eine Frau Mitte dreißig öffnete die Tür. Sie war eingemummt, als wäre noch tiefster Winter. Offenbar war sie krank. Ihre Augen wanderten nervös und wachsam zwischen Raisa und Fjodor hin und her. Fjodor schien sie zu erkennen.
»Galina, erinnern Sie sich an mich? Ich bin Fjodor, der Vater von Arkadi, dem kleinen Jungen, der ermordet wurde. Das ist meine Freundin Raisa. Sie wohnt in Wualsk am Ural. Galina, der Grund, warum wir hier sind, ist, dass der Mann, der meinen Sohn umgebracht hat, auch andere Kinder in anderen Städten umbringt. Deshalb ist Raisa nach Moskau gekommen, damit wir zusammenarbeiten können. Wir brauchen Ihre Hilfe.«
Galinas Stimme war leise, kaum ein Flüstern. »Wie soll ich denn helfen können? Ich weiß doch nichts.«
Raisa hatte eine solche Antwort erwartet, deshalb sagte sie: »Fjodor ist nicht als MGB-Beamter hier. Wir sind eine Gruppe von Vätern und Müttern, alles normale Bürger, die schockiert sind über diese Verbrechen. Ihr Name wird nicht in irgendwelchen Akten auftauchen. Es gibt gar keine Akten. Sie werden uns nie wieder zu sehen oder zu hören bekommen. Wir wollen nur wissen, wie er aussieht. Wie alt ist er? Welche Haarfarbe hat er? Trug er teure oder billige Kleider?«
»Aber der Mann, den ich gesehen habe, hatte gar kein Kind bei sich. Das habe ich doch schon gesagt.«
Fjodor antwortete: »Bitte, Galina, lassen Sie uns einen Moment hinein. Wir sollten nicht im Flur darüber reden.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nichts.«
Fjodor wurde ungehalten. Raisa berührte ihn am Arm und brachte ihn zum Schweigen. Sie mussten ruhig bleiben, durften sie nicht nötigen. Hier war Geduld gefragt.
»Das ist schon in Ordnung, Galina. Sie haben also keinen Mann mit einem kleinen Kind gesehen. Fjodor hat erzählt, dass Sie einen Mann mit einer Werkzeugtasche gesehen haben. Stimmt das?«
Sie nickte.
»Können Sie uns den Mann beschreiben?«
»Aber er hatte gar kein Kind dabei.«
»Das haben wir verstanden. Er hatte kein Kind dabei, das haben Sie deutlich erklärt. Er hatte nur eine Werkzeugtasche. Aber wie sah er aus?«
Galina dachte nach. Raisa hielt den Atem an. Sie spürte, dass die Frau kurz davor war umzuschwenken. Sie brauchten ja nichts Schriftliches. Sie brauchten keine unterschriebene Zeugenaussage. Es würde nicht länger als eine halbe Minute dauern.
Plötzlich zerschnitt Fjodor die Stille. »Es ist doch wohl nichts dabei, wenn Sie uns sagen, wie ein Mann mit einer Werkzeugtasche aussah. Niemand kann in Schwierigkeiten kommen, nur weil er einen Eisenbahnarbeiter beschreibt.«
Raisa starrte Fjodor an. Er hatte einen Fehler gemacht. Man konnte sehr wohl in Schwierigkeiten kommen, wenn man einen Eisenbahnarbeiter beschrieb. Man konnte noch für viel weniger in Schwierigkeiten kommen. Die sicherste Verhaltensweise war immer noch, wenn man sich raushielt.
Galina schüttelte den Kopf und trat zurück. »Tut mir leid. Es war dunkel. Ich habe ihn nicht gesehen. Er hatte eine Tasche. Das ist alles, woran ich mich noch erinnern kann.«
Fjodor legte seine Hand an die Tür. »Nein, Galina, bitte ...«
Galina schüttelte den Kopf. »Gehen Sie!«
»Bitte. Ich bitte Sie.«
Wie ein verängstigtes, panisches Tier kreischte sie: »Gehen Sie!«
Plötzlich war es still. Der Lärm der spielenden Kinder hatte aufgehört. Galinas Mann erschien. »Was ist hier los?«
Im Flur öffneten sich Wohnungstüren, Leute starrten heraus, beobachteten, deuteten mit dem Finger und verschreckten Galina nur noch mehr. Raisa merkte, dass ihnen die Situation entglitt, dass sie kurz davor standen, ihre Augenzeugin zu verlieren. Sie trat vor und umarmte Galina, so als wolle sie sich verabschieden. »Wie sah er aus? Flüstern Sie es mir ins Ohr.«
Galinas Mann versuchte sie auseinanderzureißen. »Das reicht.«
Galina wand sich, aber Raisa ließ nicht los, umklammerte den Arm dieser Fremden und flehte sie noch einmal an: »Wie sah er aus?«
Wange an Wange wartete Raisa, schloss die Augen und hoffte. Sie konnte Galinas Atem spüren. Aber Galina antwortete nicht.
Die Katze hockte auf dem Fenstersims, ihr Schwanz zuckte hierhin und dorthin, und ihre grünen Augen folgten Nadja durch das Zimmer, so als wolle sie gleich zuschlagen, als sei Nadja nichts weiter als eine übergroße Ratte. Die Katze war älter als sie. Nadja selbst war sechs Jahre alt, die Katze acht oder neun. Vielleicht erklärte das ein wenig, warum sie Nadja so von oben herab behandelte. Ihr Vater behauptete, hier in der Gegend gebe es ein Rattenproblem und deshalb müsse man unbedingt Katzen halten. Na schön, zum Teil stimmte das. Nadja hatte schon viele Ratten gesehen, große und auch dreiste. Aber sie hatte noch nie gesehen, dass diese Katze je etwas dagegen unternommen hätte. Sie war ein faules und von ihrem Vater vollkommen verzogenes Biest. Wie konnte eine Katze glauben, sie sei wichtiger als Nadja? Nie ließ sie sich von ihr anfassen. Als Nadja einmal zufällig vorbeigekommen war, hatte sie ihr über den Rücken gestreichelt, worauf die Katze einen Buckel gemacht und gefaucht hatte, um dann wie der Blitz in die Zimmerecke zu springen und das Fell zu sträuben, so als sei das ein Verbrechen. Danach hatte Nadja nicht mehr weiter versucht, sich mit ihr anzufreunden. Wenn die Katze sie unbedingt hassen wollte, würde Nadja sie eben doppelt hassen.
Читать дальше