Am anderen Ende des Strands rief Inessa nach ihrem Sohn. Sie hatte die Akten der Fälle gelesen, in denen ihr Mann ermittelt hatte. Sie wusste haargenau, was mit den verschwundenen Kindern passiert war. Jetzt bekam sie panische Angst und machte sich schwerste Vorwürfe. Sie selbst hatte ihrem Mann gesagt, er sollte Leo helfen. Sie hatte ihn ermuntert und ihn nur zu der Vorsichtsmaßnahme ermahnt, die Nachforschungen geheim zu halten. Von seinem Naturell her war er eher von der unverblümten Sorte, und bei dieser Sache musste man behutsam vorgehen. Sie hatte seine Briefe gelesen, bevor er sie abgeschickt hatte, und hier und da noch Zusätze vorgeschlagen für den Fall, dass die Briefe abgefangen würden. Als er ihr die Landkarte mit den Stecknadeln gezeigt hatte, hatte sie jede einzelne Nadel angefasst. Es war eine unvorstellbare Zahl, und in jener Nacht hatte Inessa bei ihren Söhnen im Bett geschlafen. Ihre Ferien mit weiteren Nachforschungen zu verknüpfen war auch ihre Idee gewesen. Die meisten Morde konzentrierten sich im Süden des Landes, und Nesterows einzige Möglichkeit, sich hier unauffällig für längere Zeit aufzuhalten, war, dass er zur Verschleierung die Familie mitnahm. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, dass sie ihre Kinder in Gefahr gebracht hatte. Sie hatte sie mitten ins Zentrum dieser mysteriösen Gräuel geführt. Sie hatte die Macht dessen, nach dem sie suchten, unterschätzt. Kein Kind war sicher. Scheinbar nach Belieben wurden sie entführt und nur wenige Meter von ihren Elternhäusern entfernt umgebracht. Und jetzt hatte diese Bestie sich ihren Jungen geschnappt.
Außer Atem rief sie nach ihrem Sohn, schrie mit angsterfüllten Augen den Badenden seinen Namen ins Gesicht. Leute umringten sie und gafften sie mit dumpfer Gleichgültigkeit an. Inessa flehte sie an, ihr zu helfen: »Er ist erst fünf Jahre. Er ist entführt worden. Wir müssen ihn wiederfinden.«
Eine ernst dreinblickende Frau versuchte sie festzuhalten. »Er wird schon irgendwo sein.«
»Verstehen Sie nicht? Er ist in schrecklicher Gefahr.«
»Was denn für eine Gefahr?«
Inessa stieß die Frau zur Seite, wandte sich hierhin und dorthin und rief immer wieder seinen Namen. Plötzlich spürte sie, wie die starken Hände eines Mannes ihre Arme umklammerten. »Mein kleiner Junge ist entführt worden. Bitte helfen Sie mir, ihn zu suchen.«
»Jetzt beruhigen Sie sich doch!«
»Nein! Man wird ihn umbringen. Ermorden. Sie müssen mir helfen, ihn zu finden!«
Der Mann lachte. »Hier wird keiner umgebracht. Ihr Junge ist vollkommen sicher.«
Inessa wand sich, aber der Mann ließ sie nicht los. Unter den mitleidigen Blicken der Umstehenden versuchte sie sich loszureißen. »Lassen Sie mich los! Ich muss meinen Sohn finden.«
Nesterow schob sich durch die Menge und kämpfte sich zu seiner Frau durch. Er hatte seinen Jüngsten spielend im Schilf gefunden und trug jetzt beide Kinder auf dem Arm. Der Mann ließ Inessas Arm los. Sie nahm Vadim und umfasste seinen Kopf, als sei er aus Glas und könne zerbrechen. So stand die Familie beieinander, umgeben von feindseligen Gesichtern: Warum benahmen diese Leute sich so komisch? Was stimmte nicht mit ihnen? Efim flüsterte: »Lasst uns fahren.«
Sie drängten sich durch die Menge, klaubten eilig ihre Sachen zusammen und liefen zum Wagen. Am Rand des Feldwegs standen nur noch vier weitere Autos, alle anderen Badegäste waren mit dem Zug gekommen. Nesterow startete den Motor und fuhr los.
***
Vom Strand aus sah eine dünne Frau mit grau melierten Haaren dem sich entfernenden Wagen hinterher. Sie hatte sich bereits das Nummernschild notiert. Denn sie fand, dass man dieser Familie einmal auf den Zahn fühlen musste.
5. Juli
Wäre Leo bis zum Vortag verhaftet worden, hätte es nichts gegeben, was Raisa mit diesen eigenmächtigen Nachforschungen in Verbindung bringen konnte. Sie hätte ihn denunzieren können und vielleicht eine Chance gehabt zu überleben. Damit war es jetzt vorbei. Mit falschen Papieren saßen sie in einem Zug und näherten sich Moskau. Sie war mitschuldig.
Warum war Raisa mit Leo in den Zug gestiegen? Das entsprach doch überhaupt nicht ihrem Grundprinzip: überleben! Sie nahm ein unkalkulierbares Risiko auf sich, obwohl sich ihr eine Alternative bot. Sie hätte in Wualsk bleiben und einfach gar nichts tun können. Um ganz sicherzugehen, hätte sie Leo sogar denunzieren und darauf hoffen können, dass dieser Verrat ihr die Zukunft sicherte. Es war eine besonders unerfreuliche Strategie, heuchlerisch und widerlich. Aber um zu überleben, hatte sie in ihrem Leben schon viele unerfreuliche Dinge getan, einschließlich der Heirat mit Leo, einem Mann, den sie verabscheut hatte. Was hatte sich denn geändert? Um Liebe ging es jedenfalls nicht. Leo war zwar jetzt ihr Partner, aber nicht im engeren ehelichen Sinne. Sie waren Partner bei ihren Nachforschungen. Er vertraute ihr, hörte auf sie, und nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er sie als ebenbürtig betrachtete. Sie waren Bundesgenossen mit einem gemeinsamen Ziel, vereint durch etwas, was wichtiger war als ihrer beider Leben. Raisa fühlte sich energiegeladen und erregt. Um keinen Preis wollte sie ihr früheres, abhängiges Leben zurück, in dem sie sich stets gefragt hatte, wie viel sie von ihrer Seele würde preisgeben müssen, um zu überleben.
Der Zug hielt am Jaroslawer Bahnhof. Leo wusste nur zu gut, was es bedeutete, dass sie genau hierhin zurückkehrten, zu ebenjenen Gleisen, auf denen man Arkadis Leiche gefunden hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Verbannung vor vier Monaten waren sie wieder in Moskau. Offiziell hatten sie hier nichts zu suchen. Ihr Leben und ihre Ermittlungen hingen davon ab, dass sie un-entdeckt blieben. Wenn man sie fasste, würden sie sterben. Der Grund für dieses Wagnis war Galina Schaporina, eine Frau, die den Mörder gesehen hatte. Eine Augenzeugin, die den Mann beschreiben konnte, sein Alter angeben, ihm eine Gestalt verleihen und ihn damit greifbar machen konnte. Im Augenblick hatten weder Leo noch Raisa irgendeine Vorstellung, nach was für einem Mann sie überhaupt suchen sollten. War er alt oder jung, schlank oder dick, abgerissen oder gut angezogen? Sie hatten nicht die leiseste Ahnung. Jeder hätte es sein können.
Raisa hatte vorgeschlagen, dass sie nicht nur mit Galina sprachen, sondern auch mit Iwan, ihrem Kollegen aus der Schule. Der hatte viele zensierte westliche Texte gelesen und kam an schwer zugängliche Veröffentlichungen heran - Zeitschriftenartikel, Zeitungen, unerlaubte Übersetzungen. Vielleicht kannte er ja Fallstudien über vergleichbare Verbrechen im Ausland: über willkürliche Serienmorde, Ritualmorde. Raisa selbst hatte nur ganz oberflächlich von solchen Verbrechen gehört. Da gab es einen Amerikaner namens Albert Fish, der Kinder getötet und aufgegessen hatte. Sie hatte auch Geschichten über einen Franzosen gehört, Doktor Pettiot, der zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges Juden unter dem Vorwand, sie in Sicherheit zu bringen, in seinen Keller gelockt, dort getötet und dann verbrannt hatte. Raisa konnte nicht sagen, ob das alles nur sowjetische Propaganda über den Verfall der westlichen Zivilisation war, in der die Mörder als Produkt einer maroden Gesellschaft und einer perversen Politik dargestellt wurden. Aus dem Blickwinkel ihrer Ermittlungen war eine solche deterministische Theorie sinnlos. Sie hätte ja bedeutet, dass der Gesuchte nur ein Ausländer sein konnte, ein Mensch, dessen Charakter durch sein Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft geformt worden war. Aber der Mörder bewegte sich ja offensichtlich frei im Lande, sprach Russisch und lockte Kinder an. Dieser Mörder operierte im gesellschaftlichen Gefüge ihres eigenen Landes. Alles, was sie über diese Art von Verbrechen wussten, was man ihnen weisgemacht hatte, stimmte entweder nicht oder war irrelevant. Sie mussten sich alle Mutmaßungen abtrainieren und ganz von vorne anfangen. Und Raisa glaubte, dass Iwans Zugang zu vertraulichen Informationen ihnen bei ihrer Neuorientierung sehr helfen konnte.
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