Der Mann schüttelte den Kopf. »Hier ist nur meine Datscha. Zu Hause kann ich meine Briefmarken nicht lassen. Ich würde mir viel zu große Sorgen machen, dass meine Kinder sie finden und sie mit ihren schmutzigen Fingern antatschen. Aber jetzt muss ich die Datscha verkaufen, verstehst du? Da weiß ich nicht mehr, wohin mit meiner Sammlung.«
Der Mann stieg aus. Petja folgte ihm und trat auf den Bahnsteig. Sonst war niemand ausgestiegen.
Der Mann ging in den Wald, Petja blieb dichtauf. Dass er eine Datscha hatte, klang glaubhaft. Petja kannte zwar keinen, der reich genug gewesen wäre, sich ein Sommerhäuschen zu halten, aber er wusste, dass solche Datschen oft in Wäldern, an Seen oder am Meer lagen. Während sie weitergingen, fuhr der Mann fort: »Es wäre natürlich schön gewesen, wenn meine Kinder sich für Briefmarken begeistert hätten, aber sie interessieren sich einfach gar nicht dafür.«
Petja überlegte, ob er dem Mann sagen sollte, dass seine Kinder vielleicht einfach nur ein bisschen Zeit brauchten. Er hatte ja auch Zeit gebraucht, bis er ein gewissenhafter Sammler geworden war. Aber er war schlau genug zu erkennen, dass es für ihn von Vorteil war, wenn dessen Kinder sich für die Marken nicht interessierten. Also hielt er den Mund.
Der Mann verließ den Pfad und marschierte ziemlich schnell durch das Unterholz. Petja konnte kaum folgen, so lange Schritte machte der Mann. Petja musste fast laufen.
»Wie heißen Sie eigentlich? Ich würde meinen Eltern gern sagen können, wer der Mann war, der mir die Briefmarken gegeben hat. Nur für den Fall, dass sie mir nicht glauben.«
»Mach dir um deine Eltern keine Gedanken. Ich schreibe ihnen einen Zettel und erkläre ihnen, wie du an das Album gekommen bist. Ich gebe ihnen sogar meine Adresse, falls sie die Geschichte nachprüfen wollen.«
»Vielen Dank.«
»Nenn mich doch Andrej.«
Nach einer Weile blieb der Mann stehen, bückte sich und öffnete seinen Koffer. Petja blieb ebenfalls stehen und schaute sich nach der Datscha um. Er sah aber keine. Vielleicht mussten sie noch ein bisschen weiterlaufen. Während er Atem holte, schaute er hinauf in die kahlen Äste der hohen Bäume, die kreuz und quer in den Himmel ragten.
***
Andrej starrte auf den kleinen Körper hinab. Aus dem Kopf des Jungen lief Blut und rann ihm das Gesicht hinunter. Andrej kniete sich hin, legte einen Finger auf seinen Hals und fühlte nach dem Puls. Der Junge lebte. Sehr gut. Er rollte ihn auf den Rücken und fing an, ihn wie eine Puppe zu entkleiden. Zuerst zog er ihm den Mantel, das Hemd, die Socken und die Schuhe aus, schließlich die Hose und die Unterwäsche. Er sammelte die Kleider in einem Bündel zusammen, nahm seinen Koffer auf und entfernte sich von dem Kind. Nach ungefähr zwanzig Schritten blieb er neben einem umgestürzten Baumstamm stehen. Er ließ die Kleider fallen, ein Häuflein billiger Klamotten. Dann stellte er seinen Koffer ab, öffnete ihn und holte ein langes Stück grobe Schnur heraus. Er ging zurück zu dem Jungen und band ihm ein Ende ans Fußgelenk. Er machte einen festen Knoten und probierte ihn aus, indem er an dem Bein des Jungen zog. Er hielt. Andrej ging zurück und wickelte dabei vorsichtig das Seil auf, so als wolle er eine Zündschnur für eine Packung Dynamit legen. Er kam an dem umgefallenenBaum an, verbarg sich dahinter und legte sich auf den Boden. Er hatte sich eine gute Stelle ausgesucht. Der Stamm lag so, dass Andrej, wenn der Junge erwachte, nicht zu sehen sein würde. Sein Blick folgte der Schnur von seiner Hand aus über den Boden bis hin zu dem Fußgelenk des Jungen. Er hatte immer noch reichlich Schnur in seiner Hand übrig, mindestens noch für fünfzehn Schritt. Er war mit seinen Vorbereitungen fast fertig und so aufgeregt, dass er pinkeln musste. Weil er befürchtete, den Moment zu verpassen, wo der Junge aufwachte, rollte er sich zur Seite, knöpfte sich den Hosenschlitz auf und erleichterte sich im Liegen. Als er fertig war, schob er sich von der feuchten Erde weg, korrigierte noch einmal seine Position und schaute, was der Junge machte. Er war immer noch bewusstlos. Es wurde Zeit für die letzten Vorbereitungen. Andrej nahm seine Brille ab, verstaute sie im Etui und ließ es in seine Jackentasche gleiten. Als er sich wieder umschaute, konnte er die Bäume, die Schnur und das Kind nur noch verschwommen erkennen. Er kniff die Augen zusammen, aber alles, was er sah, waren Umrisse, ein undeutlicher, hautfarbener Klecks, der sich vom Boden abhob. Andrej streckte den Arm aus, knickte von einem nahestehenden Baum einen Zweig ab und fing an, die Rinde abzukauen. Seine Zähne wurden braun und fühlten sich pelzig an.
***
Petja schlug die Augen auf und konzentrierte seinen Blick auf den grauen Himmel und die kahlen Bäume. An seinem Kopf klebte Blut. Er berührte es, sah dann auf seine Finger und fing an zu weinen. Ihm war kalt. Er war nackt. Was war passiert? Er war durcheinander und traute sich nicht, sich aufzurichten, weil er Angst hatte, dann den Mann neben sich zu sehen. Bestimmt war er in der Nähe. Im Moment konnte Petja nur den Himmel sehen. Aber hier konnte er nicht bleiben, so nackt auf dem Boden. Er wollte nach Hause zu seinen Eltern. Er hatte seine Eltern so lieb und war sich sicher, dass sie ihn auch lieb hatten. Seine Lippen zitterten, er schlotterte am ganzen Körper. Er setzte sich auf, sah nach links, sah nach rechts, wagte kaum zu atmen. Der Mann war nirgendwo zu sehen. Petja schaute hinter sich, dann zur Seite. Der Mann war verschwunden. Petja ging in Hockstellung und starrte in den Wald. Er war ganz allein. Erleichtert atmete er auf. Er verstand das zwar nicht, aber er wollte es auch gar nicht verstehen.
Suchend blickte er sich nach seinen Kleidern um. Sie waren weg. Nicht so wichtig. Petja sprang auf und rannte los, so schnell er nur konnte. Unter seinen Füßen knackten herabgefallene Äste, die Erde war nass vom Regen und dem geschmolzenen Schnee, und wenn seine Füße nicht gerade einen Ast zerbrachen, machten sie ein klatschendes Geräusch. Er wusste nicht, ob er in die richtige Richtung lief. Er wusste nur, dass er hier wegmusste.
Plötzlich wurde sein rechter Fuß zurückgerissen, als ob eine Hand seinFußgelenk umklammert hätte. Petja verlor das Gleichgewicht, kippte vornüber und fiel zu Boden. Er nahm sich gar nicht die Zeit, wieder zu Atem zu kommen, sondern rollte sich sofort auf den Rücken und starrte hinter sich. Niemand zu sehen. Wahrscheinlich war er gestolpert. Gerade wollte er wieder aufstehen, als er das Seil sah, das um sein rechtes Fußgelenk gebunden war. Sein Blick folgte seiner eigenen Spur in den Wald hinein, und er sah, wie es sich über den Boden spannte wie eine Angelschnur, bis hin zu einem umgefallenen Baum etwa 40 Schritt weiter.
Petja riss an dem Seil und versuchte es sich über das Fußgelenk zu streifen, aber es war so fest, dass es ihm die Haut einschnitt. Die Schnur wurde wieder angezogen, diesmal fester. Petja wurde über den Waldboden geschleift, sein Rücken wurde ganz schlammig, dann blieb er wieder liegen. Er sah auf. Da war er. Der Mann stand hinter dem Baumstamm auf und zog ihn zu sich heran. Petja klammerte sich an irgendwelche Äste, grub die Hände in den Boden, aber es nutzte nichts. Er wurde immer näher herangezogen. Er konzentrierte sich auf den Knoten. Der ließ sich nicht aufmachen, und durchreißen konnte er das Band auch nicht. Seine einzige Chance war, es abzustreifen. Er schürfte sich die Haut am Fußgelenk ab, die ganze oberste Schicht war schon weg. Die Schnur wurde wieder angezogen, und diesmal schnitt sie ihm ins Fleisch. Er biss die Zähne zusammen, schreien würde er nicht. Er nahm eine Handvoll schlammiger Erde und schmierte das Seil damit ein. Gerade als der Mann es wieder anzog, hatte Petja sich von der Schlinge befreit. Er sprang auf die Füße und rannte los.
Das Seil in Andrejs Händen hing schlaff herunter. Am anderen Ende war nichts mehr. Er zog noch einmal und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er kniff die Augen zusammen, konnte aber nichts sehen. Er hatte sich immer nur auf das Seil verlassen. Sollte er seine Brille aufsetzen? Nein. Als Kind hatte er auch keine gehabt. Da war er genauso hilflos gewesen. Fast blind war er allein durch den Wald gestolpert. Er lässt dich allein.
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