Vor Schmerzen zusammenzuckend kämpfte Leo sich hoch. Er stand unsicher auf den Beinen, hob aber die Fäuste, als wolle er weiterkämpfen. Wie in einem Boot auf dem Meer schwankte er hin und her. Er konnte nur ahnen, wo Nesterow sich befand. Flüsternd stieß er hervor. »Wir ... haben ... überhaupt nichts ... aufgeklärt.«
Nesterow sah, wie Leo wankte. Mit geballten Fäusten ging er auf ihn los und wollte ihn niederschlagen. Leo schlug zu, ein aussichtsloser, erbärmlicher Schlag. Nesterow machte einen Ausfallschritt und bekam ihn unter den Armen zu fassen, als Leos Beine auch schon wegsackten.
***
Leo saß am Küchentisch, Inessa hatte auf dem Herd etwas Wasser heiß gemacht, das sie jetzt in eine Schale goss. Nesterow tunkte einen Lappen hinein und überließ es Leo, sich das Gesicht zu säubern. Seine Lippe war aufgesprungen, und aus einer Augenbraue blutete es. Der Schmerz in seinem Magen hatte aufgehört. Leo drückte einen Finger auf seine Brust und die Rippen, aber es fühlte sich nichts gebrochen an. Sein rechtes Auge war zugeschwollen, er konnte es nicht aufmachen. Aber das war ein relativ geringer Preis, um Nesterows Aufmerksamkeit zu erringen. Leo fragte sich, ob sich seine Sache hier drinnen auch nur im Geringsten überzeugender anhören würde als draußen und ob Nesterow es sich leisten konnte, sich vor seiner Frau genauso desinteressiert zu zeigen, wo doch ihre Kinder im Zimmer nebenan schliefen.
»Wie viele Kinder haben Sie?«
Es war Inessa, die antwortete. »Wir haben zwei Jungen.«
»Gehen sie auf dem Weg zur Schule durch den Wald?«
»Zumindest früher.«
»Jetzt nicht mehr?«
»Wir lassen sie den Weg durch die Stadt nehmen. Es ist weiter, und sie maulen. Ich muss sie begleiten, damit sie nicht doch heimlich durch den Wald gehen. Auf dem Nachhauseweg bleibt uns nichts übrig, als ihnen zu vertrauen. Wir arbeiten ja beide.«
»Gehen sie denn morgen wieder durch den Wald? Wo doch der Mörder jetzt gefasst ist?«
Nesterow stand auf und stellte ein Glas vor Leo hin. »Möchten Sie vielleicht was Stärkeres?«
»Wenn Sie was dahaben.«
Nesterow holte eine halbe Flasche Wodka hervor und goss drei Gläser ein, eins für sich, eins für seine Frau und eins für Leo. Der Wodka brannte auf der Wunde in Leos Mund. Vielleicht half es ja sogar.
Nesterow setzte sich und goss Leo nach. »Warum sind Sie in Wualsk?«
Leo tauchte den blutigen Lappen in die Wasserschale, drückte ihn aus und hielt ihn sich ans Auge. »Ich bin hier, um die Morde an diesen Kindern aufzudecken.«
»Das ist eine Lüge.«
Leo musste das Vertrauen dieses Mannes gewinnen. Ohne seine Hilfe konnte er nichts weiter unternehmen. »Sie haben recht. Aber es gab in Moskau einen Mord. Ich hatte nicht den Auftrag, in der Sache zu ermitteln. Ich hatte den Auftrag, sie unter den Teppich zu kehren. Was das betrifft, habe ich meine Pflicht erfüllt. Nicht erfüllt habe ich sie, als ich mich weigerte, meine Frau als Spionin zu denunzieren. Man betrachtete mich als kompromittiert. Zur Strafe wurde ich hierher geschickt.«
»Dann sind Sie also tatsächlich ein in Ungnade gefallener Offizier?«
»Ja.«
»Und warum veranstalten Sie dann das hier?«
»Weil drei Kinder ermordet worden sind.«
»Sie glauben nicht, dass Warlam Larissa umgebracht hat, weil Sie sich sicher sind, dass Larissa nicht das erste Opfer dieses Mörders war, habe ich recht?«
»Larissa war bestimmt nicht sein erstes Opfer. Jedenfalls kann ich es mir nicht vorstellen. Der hat das schon öfter gemacht. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass der Junge in Moskau auch nicht sein erstes Opfer war.«
»Hier in dieser Stadt war Larissa das erste Kind. Das ist die Wahrheit. Ich kann es beschwören.«
»Der Mörder wohnt nicht in Wualsk. Die Morde sind in der Nähe des Bahnhofs geschehen. Er reist.«
»Er reist? Und er bringt Kinder um? Was für ein Mann würde so was machen?«
»Keine Ahnung. Aber in Moskau gibt es eine Frau, die ihn gesehen hat. Zusammen mit dem Opfer. Eine Augenzeugin, die den Mann beschreiben kann. Und wir brauchten die Akten über seine Taten aus allen Städten zwischen Swerdlowsk und Leningrad.«
»Aber die Akten sind nicht zentral erfasst.«
»Deshalb müssen Sie auch in jede Stadt fahren und einzeln alle Akten zusammensuchen. Sie müssen Ihre Kollegen überzeugen, und wenn sie sich weigern, dann müssen Sie eben mit den Leuten reden, die dort wohnen.«
Es war eine geradezu haarsträubende Idee. Eigentlich zum Lachen. Stattdessen fragte Nesterow: »Warum sollte ich das für Sie tun?«
»Nicht für mich. Sie haben doch selbst gesehen, was er den Kindern antut. Tun Sie es für die Menschen um uns herum. Unsere Nachbarn, die Leute, die neben uns im Zug sitzen. Tun Sie es für all die Kinder, die wir noch nicht einmal kennen und nie kennenlernen werden. Ich selbst habe nicht die Befugnis, nach diesen Akten zu fragen. Ich kenne auch niemanden in der Miliz. Sie schon. Sie kennen die Kollegen, und die vertrauen Ihnen. Sie kommen an die Akten heran. Sie müssen nach den Fällen ermordeter Kinder suchen, aufgeklärten ebenso wie unaufgeklärten. Es existiert ein Muster: der mit Rinde vollgestopfte Mund und der fehlende Magen. Die Leichen sind wahrscheinlich alle irgendwo im Freien gefunden worden: in Wäldern, an Flüssen, vielleicht in der Nähe von Bahnhöfen. Sie haben Schnur um die Fußgelenke.«
»Und wenn ich nichts finde?«
»Wenn ich schon durch Zufall über drei gestolpert bin, dann gibt es garantiert noch mehr.«
»Ich würde ein großes Risiko eingehen.«
»Allerdings. Und Sie würden lügen müssen. Sie könnten niemandem den wahren Grund verraten, nicht mal Ihren eigenen Leuten. Sie könnten niemandem vertrauen. Und als Dank für Ihre Tapferkeit könnten Ihre Frau und die Kinder im Gulag enden und Sie unter der Erde. So sieht mein Angebot aus.«
Leo streckte über den Tisch hinweg die Hand aus. »Werden Sie mir helfen?«
Nesterow ging zum Fenster und blieb neben seiner Frau stehen. Sie sah ihn nicht an, sondern ließ nur den Wodka auf dem Grund ihres Glases kreisen. Würde er seine Familie und sein Heim riskieren, alles, wofür er gearbeitet hatte?
»Nein.«
Südöstliche Rostower Oblast
Westlich der Stadt Gukowo
Petja war schon vor Sonnenaufgang wach. Er saß auf der kalten Steintreppe ihres Bauernhauses und wartete ungeduldig darauf, dass die Sonne aufging, damit er seine Eltern um Erlaubnis fragen konnte, in die Stadt zu gehen. Nach Monaten des Sparens hatte er nun genug Geld, um sich noch eine Marke zu kaufen, und damit wäre er auf der letzten Seite seines Albums angelangt. Zu seinem fünften Geburtstag hatte ihm sein Vater den ersten Satz Briefmarken geschenkt. Petja hatte sie sich zwar nicht gewünscht, aber dann hatte er doch Gefallen an diesem Steckenpferd gefunden. Erst zögerlich und dann immer beharrlicher hatte er es verfolgt, bis er davon besessen gewesen war. In den letzten beiden Jahren hatte er auch Briefmarken von anderen Familien aus der Kolchose gesammelt, dem Bauernkollektiv Nr. 12, dem Hof, dem seine Eltern zugewiesen worden waren. Er hatte sogar Zufallsbekanntschaften in der nächstgelegenen Stadt Gukowo angesprochen in der Hoffnung, dass sie ihm ihre Briefmarken überlassen würden. Als seine Sammlung angewachsen war, hatte er sich ein billiges Pappalbum gekauft, in das er die Marken fein säuberlich einklebte. Er verwahrte es in einer Holzkiste, die sein Vater ihm gebastelt hatte, damit den Marken nichts passierte. Die Kiste war notwendig geworden, weil Petja nachts nicht mehr schlafen konnte und immer nachschaute, ob nicht etwa das Dach undicht war oder die Ratten seine kostbaren Seiten anknabberten. Doch von allen Briefmarken, die er gesammelt hatte, waren ihm die ersten vier, die ihm sein Vater geschenkt hatte, die liebsten.
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