»Mon ami«, sagte Poirot, »Sie begehen einen Fehler. Es könnte ja sein, daß ein Mann, der sich entschlossen hat, zu verschwinden - entweder allein oder mit irgend jemand -, ausnahmsweise ein intelligenter Mann mit Methode ist. Er könnte sich einen sehr sorgfältigen Plan ausgearbeitet haben, und ich sehe nicht ein, warum er nicht mit Erfolg die Polizei hinters Licht führen sollte.« »Aber nicht Sie, sagte Japp gutmütig und zwinkerte mir zu.
»Sie, Monsieur Poirot, könnte er doch nicht in die Irre führen?«
Poirot versuchte vergebens, bescheiden auszusehen. »Warum nicht? Obwohl Sie recht haben, denn ich gehe solchen Problemen exakt wissenschaftlich zu Leibe, mit mathematischer Präzision, die traurigerweise in der neuen Generation der Detektive immer seltener wird!« Japp grinste noch mehr.
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Miller, der Beamte, der den Fall bearbeitet, ist ein sehr fähiger Bursche. Sie können sicher sein, daß er weder einen Fußabdruck noch Zigarettenasche oder einen Brotkrümel übersieht. Seinen Augen entgeht einfach nichts.« »Mon ami«, sagte Poirot, »wie den Augen der Londoner Spatzen. Aber trotzdem würde ich so einen kleinen Vogel doch nicht bitten, das Verschwinden Mr. Davenheims aufzuklären.« »Hören Sie, Monsieur, Sie wollen doch den Wert solcher Details nicht abstreiten?«
»Durchaus nicht. Diese Kleinigkeiten sind alle sehr nützlich. Die Gefahr ist nur, daß man ihnen zuviel Gewicht beimißt. Die meisten Details sind unwichtig; das eine oder das andere ist aber absolut lebenswichtig. Auf das Gehirn, die kleinen grauen Zellen« - er klopfte seine Stirn - »muß man sich verlassen. Die Sinne lassen sich täuschen.«
»Sie wollen doch nicht damit sagen, Monsieur Poirot, daß Sie sich zutrauen würden, einen Fall zu lösen, ohne sich aus Ihrem Stuhl zu erheben, oder doch?«
»Genau das wollte ich sagen - vorausgesetzt allerdings, daß ich im Besitz der einschlägigen Tatsachen bin. Ich betrachte mich als beratender Spezialist!«
Japp schlug sich aufs Knie. »Ich freß einen Besen, wenn ich Sie nicht beim Wort nehme. Ich wette fünf Pfund, daß Sie innerhalb einer Woche Mr. Davenheim weder tot noch lebendig ausfindig machen können.«
Poirot überlegte. »Eh bien, mon ami, ich nehme die Wette an. Sport ist ja große Passion von euch Engländern. Jetzt, mein lieber Japp, zu den Tatsachen.« »Letzten Samstag nahm Mr. Davenheim wie gewöhnlich den Zwölf-Uhr-vierzigZug von der Viktoria-Station nach Chinnside. Dort liegt sein Landsitz Die Zedern. Nach dem Lunch ging er in den Park und gab seinem Gärtner noch verschiedene Anweisungen. Wie jedermann bestätigt, war er völlig normal. Nach dem Tee warf er kurz einen Blick in das Boudoir seiner Frau und sagte ihr, er ginge ins Dorf und wolle einige Briefe zur Post bringen. Er fügte noch hinzu, er erwarte Geschäftsbesuch, einen Mr. Löwen. Käme der Herr, bevor er zurück sei, solle man ihn in sein Arbeitszimmer führen. Mr. Davenheim verließ dann das Haus durch den Haupteingang, schlenderte gemütlich die Auffahrt hinunter, aus dem Tor hinaus und -wurde nicht mehr gesehen. Und seither ist er verschwunden.«
»Hübsch - sehr hübsch -, ein reizendes kleines Problem!« murmelte Poirot. »Fahren Sie fort, mein guter Freund.«
»Ungefähr eine Viertelstunde später läutete ein großer, dunkelhaariger Mann und erklärte, daß er eine Verabredung mit Mr. Davenheim habe. Sein Name war Löwen, und er wurde, wie Mr. Davenheim gebeten hatte, in dessen Arbeitszimmer geführt. Es verging fast eine Stunde, und der Bankier kam nicht zurück. Schließlich läutete Mr. Löwen und sagte, daß er nicht länger warten könne, da er den Zug nach London erreichen müsse. Mrs. Davenheim entschuldigte die Abwesenheit ihres Gatten, die auch ihr unerklärlich schien, weil sie wußte, daß er den Besucher erwartet hatte. Mr. Löwen wiederholte sein Bedauern und ging fort. Wie gesagt, Mr. Davenheim kehrte nicht zurück. Am Sonntag morgen wurde die Polizei benachrichtigt, die sich aber kein rechtes Bild von der Sache machen konnte. Mr. Davenheim schien sich buchstäblich aufgelöst zu haben. Man hatte ihn weder auf der Post noch im Dorf gesehen. Die Bahnbeamten erklärten mit aller Bestimmtheit, er habe keinesfalls einen Zug benützt. Sein eigener Wagen stand in der Garage. Hätte er ein Taxi gemietet, um ihn an irgendeinem einsamen Platz abzuholen, dann hätte sich angesichts der ausgesetzten Belohnung in der Zwischenzeit bestimmt der Fahrer gemeldet. In Entfield war zwar ein kleines Rennen gewesen. Wäre er zu Fuß zum Bahnhof gegangen, hätte er möglicherweise in der Menge untertauchen können. Aber nachdem sein Bild nebst genauer Personalbeschreibung in jeder Zeitung erschienen war, hätte sich wohl irgend jemand an ihn erinnern müssen. Natürlich haben wir daraufhin aus ganz England Briefe erhalten, aber alle Hinweise waren enttäuschend.
Am Montagmorgen wurde noch eine andere sensationelle Entdeckung gemacht. Hinter einem großen Vorhang in Mr. Davenheims Arbeitszimmer steht ein Safe. Dieser war aufgebrochen und ausgeraubt worden. Die Fenster des Zimmers waren von innen geschlossen, was einen normalen Einbruch ausschließt, falls nicht innerhalb des Hauses ein Komplice war, der sie nachträglich wieder schloß. Andererseits war der Haushalt begreiflicherweise durcheinandergeraten, und es ist möglich, daß der Diebstahl schon am Samstag abend begangen und erst am Montag entdeckt wurde.« »Precisement«, sagte Poirot trocken. »Nun, haben Sie den armen Monsieur Löwen schon verhaftet?« Japp grinste. »Noch nicht. Aber er steht unter strenger Beobachtung.«
Poirot nickte. »Haben Sie eine Ahnung, was aus dem Safe genommen worden ist?« »Wir sind zusammen mit dem Juniorpartner der Bank und Mrs. Davenheim der Sache nachgegangen. Anscheinend Namensaktien und eine sehr große Geldsumme aus einer Transaktion, die gerade durchgeführt worden war. Auch ein kleines Vermögen an Schmuck - praktisch wurden alle Juwelen von Mrs. Davenheim in dem Safe aufbewahrt. Der Kauf von Schmuckstücken war in den letzten Jahren eine Passion ihres Mannes geworden. Kaum ein Monat verging, ohne daß er ihr nicht einen seltenen und kostbaren Stein geschenkt hätte.« »Wirklich ein schöner Zug von ihm«, sagte Poirot. »Jetzt, wie steht's mit Löwen? Weiß man, welche Art Geschäft er mit Davenheim an diesem Abend besprechen wollte?« »Ja, anscheinend standen die zwei Männer nicht auf bestem Fuß. Löwen ist ein ganz kleiner Spekulant. Trotzdem hat er ein- oder zweimal Davenheim auf der Börse ein Geschäft abgejagt. Sonst trafen sie sich offenbar selten. Der Anlaß dieser letzten Verabredung war eine Sache mit südamerikanischen Aktien.«
»Hatte Davenheim Interessen in Südamerika?« »Ich glaube, Mrs. Davenheim erwähnte unter anderem, hr Mann habe den ganzen letzten Herbst in Buenos Aires verbracht.«
»Gab es familiäre Schwierigkeiten? Stand das Ehepaar gut miteinander?« »Ich würde sagen, das häusliche Leben der Davenheims verlief ganz friedlich. Mrs. Davenheim ist eine nette, aber nicht sehr intelligente Frau. Ganz unbedeutend, würde ich sagen.« »Dann hat es wenig Sinn, die Lösung des Rätsels auf diesem Sektor zu suchen. Hatte er irgendwelche Feinde?« »In Finanzkreisen hatte er viele Rivalen, und sicher gibt es eine Menge Leute, die ihm nicht gut gesonnen sind. Aber daß ein Widersacher ihn umgebracht haben sollte, ist wenig wahrscheinlich, und wenn - wo ist die Leiche?« »Wie Hastings sagt, haben Leichen die Angewohnheit, mit unerfreulicher Hartnäckigkeit wieder ans Tageslicht zu kommen.«
»Übrigens sagte einer der Gärtner aus, er hätte eine Gestalt an der einen Seite des Hauses dem Rosengarten zugehen sehen. Mr. Davenheim betrat und verließ das Haus häufig auf diesem Weg. Aber der Gärtner arbeitete ziemlich weit entfernt an einem Gurkenbeet und kann deshalb nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Mr. Davenheim war oder nicht. Auch über den Zeitpunkt ist er sich nicht sicher. Es muß aber vor sechs Uhr gewesen sein, da die Gärtner um sechs Uhr Schluß machen.« »Und wann verließ Mr. Davenheim das Haus?« »Ungefähr um halb sechs Uhr.« »Was liegt hinter dem Rosengarten?« »Ein See.«
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