sie ist wunderbar sie ist so genau und bescheiden ich denke sie könnte eine Dichterin werden
sagte Luisa
weshalb studiert sie dann am MIT fragte ich zurück und bekam zur Antwort dass ich es aufgeben sollte irgendeine Art Kontrolle über meine Tochter auszuüben du musst
loslassen
wie oft habe ich das gehört mir selbst gesagt und mich doch auch in den meisten Fällen daran gehalten die im Nachhinein nur leichte Übungen für dieses absolute schwarze Loslassen waren aus dem ich nicht mehr herauskomme ich sehe sie am Deutschherren-Ufer in Frankfurt auf dem leeren Sockel ICH stehen und lachen (lasse los) ich ging mit ihr in Berlin in eine Kino-Spätvorstellung wie zu meinen eigenen Studentenzeiten und sie lehnte einmal (kurz) müde den Kopf an meine Schulter (der Film ist verschwunden es kommt mir vor als hätten wir einem grauen lautlosen Wasserfall auf der Leinwand zugesehen) vor dem Eingang zum Pergamonmuseum machte ich den Fehler ihr zu erzählen dass Hitler eine Version von Böcklins Toteninsel erworben hatte ich wollte eigentlich auch noch mit ihr nach Weimar fahren und dort auch das Konzentrationslager Buchenwald besichtigen aber ich ließ dann los es war überhaupt nicht nötig sie weiter und weiter zu erziehen heute
träume ich von der schwarzen Gestalt
in Afghanistan
und man könnte sagen dass ich sie mittlerweile verhüllt habe aber immer noch nicht loslassen kann also sie nur verhüllt habe damit es mir erlaubt ist mich
schweigend an ihre Seite zu setzen
ich ließ meine Mutter los im Berliner Winter es war ein Aufatmen ihrerseits oder man konnte sich das wenigstens sagen alle Dinge Gegenstände Fenster Mauern schienen einen Atemzug lang durchlässig so dass der Vogel der Seele sie mühelos zerteilte
ihr letzter Satz war dass
es nun genug sei und dass ich
auf sie
aufpassen solle aber ich weiß nicht wen sie meinte ich dachte vielleicht meine Schwester aber ihre Sorge könnte auch Sabrina gegolten haben oder Lotta nach der Beerdigung blieb ich noch einige Tage ohne genau zu wissen weshalb
ich versuchte wohl
mich zu verabschieden oder vielmehr die richtige Weise des Abschieds zu finden (von meiner Mutter von meiner Schwester die ich gewiss nicht so bald wiedersehen würde) von Deutschland wohl auch das mir auf eine ruppige und selbstgerechte Weise friedfertig erschien wann stimmt man einem Land zu wenn man bleibt wenn man dahin zurückfährt ich fand noch während ich in Berlin blieb heraus dass ich einen Zugang zu Lotta suchte die ich seit der Gedenkfeier in New York nicht mehr gesehen hatte
am vorletzten Tag meines Aufenthaltes
nachdem alles geregelt war (wie man behaupten kann wenn es um nichts mehr geht)
sprachen wir ein einziges Mal über Sabrina nachdem wir über meine Mutter geredet hatten die ihre amerikanische Enkelin sehr ins Herz geschlossen und mit einfühlsamen und verlässlich eintreffenden Geschenken bedacht hatte bis zuletzt
Lotta meinte mit einem etwas gereizten Unterton dass es eigentlich doch möglich gewesen wäre öfter nach Deutschland zu kommen
es gelang mir nicht ihr Verhältnis zu Sabrina genauer zu verstehen ich wollte etwas über ihre gemeinsame Europa-Reise erfahren und bekam nur zu hören
dass Sabrina zu Beginn» extrem vorsichtig «gewesen sei und später dann
lockerer
wenn ich von meinem Arbeitszimmer das im ersten Stock eines Backsteinhauses nahe am Campus liegt hinausschaue sehe ich jeden Morgen Dutzende von Studenten im Alter meiner blonden deutschen Nichte vorbeigehen im Unterricht (diese 16 Stunden die ich an der Bostoner Tufts University vertretungsweise übernommen habe um Luisa näher zu sein und um mich ein weiteres Jahr nicht entscheiden zu müssen) rücken sie mir kaum näher
ich habe gelernt
ihnen diese Distanz zu lassen das heißt zu versuchen jedem mit der gleichen Freundlichkeit so nahe zu kommen dass ihm ein eigener Raum bleibt er aber das Interesse des Lehrers an seinem Fortkommen spürt es ist gleichsam ein beharrliches Auf-der-Schwelle-Stehenbleiben
zumindest war es das früher einmal jetzt aber sitze ich nur
draußen
auf einer Bank im Park und hoffe dass sie mich sehen und dass ihnen das genügt
Maryann Davenport (22)
Michael Berenger (24)
Jonathan Mailer (22)
Stuart springt aus dem Humvee den er bis nah an die umkämpfte Euphrat-Brücke vor Nasiriyah gefahren hat in einem Pulk anderer Humvees und Lastwagen die schneller vorankamen als die Panzer eine schwarze Rauchsäule steigt in die Höhe (rechts etwa fünf Uhr) aus dem Nichts mit einem Donnerschlag und einer Druckwelle die für einen Augenblick die Zähne in zerspringendes Porzellan zu verwandeln scheint und die Körperhaare in gesträubte gläserne Borsten die Schrapnelle der Mörsergranaten haben einen Vorderreifen zerfetzt aber sonst anscheinend nichts die weiteren Einschläge erfolgen so nah und sind so laut dass die Ohren nicht mehr aufhören zu klingeln das hässliche wütende Geräusch des Gewehrfeuers scheint unwirklich gedämpft als hätte man es wie den Ton eines Radios leiser gedreht und einzelne Kugeln pfeifen scheinbar harmlos durch die Luft wie in einem Zeichentrickfilm und plötzlich ist es ganz still als warteten alle (Freund Feind) auf das Eingreifen einer dritten Partei oder Macht
ein athletischer Zwanzigjähriger
in einer der vorderen Reihen zumeist
sehr aufmerksam ja beinahe schon zu konzentriert zu angespannt
als ginge es um viel mehr als um Werthers Leiden eine Novelle von Kleist oder Aphorismen von Schopenhauer er hält sich vollkommen aufrecht anscheinend steht er unter einer ständigen inneren Anspannung die ihn fast vibrieren lässt er ist zu ernst zu verbissen um originell zu sein
wenn man Granateinschläge in unmittelbarer Nähe überlebt hat soll sich eine nahezu überirdische Heiterkeit einstellen die sekunden- oder minutenlange gefährliche Illusion göttergleicher Unverletzlichkeit
wenn die in dein Arschloch geflogen wäre! ruft Jonathan direkt aus einer flachen Sandkuhle heraus in die er sich gepresst hat er ist der Zweite von rechts auf jenem Mannschaftsraum-Foto des Zuges auf dem er ein großes Kampfmesser schwingt während Stuart selbst (Erster von links) sein Sturmgewehr auf die Füße von Michael richtet der sich das grüne T-Shirt bis über die Brustwarzen emporgezogen hat und sich mit obszön von unten her kommendem Blick an den Penis fasst genau wie jetzt im Sand vor Nasiriyah wo er ihn im Liegen aus der Uniform zerrt um auf die Seite zu urinieren keiner will sich einnässen wie eine Memme mitten im Gefecht die Aufputschmittel das Adrenalin der direkt aus den aufgerissenen Tüten gelöffelte Nescafé die Angst die Übermüdung des seit 30 Stunden schlaflos im Einsatz vorangetriebenen Körpers verwandeln
alles
in einen hyperrealen dreidimensionalen Film in dem man jedes Steinchen jeden Lichtreflex auf dem Metall der Waffen der Helme der Fahrzeuge jeden Schweißtropfen der Kameraden jedes Härchen auf der eigenen um den Gewehrgriff gebogenen rechten Hand am Abzug unter einer Lupe zu sehen glaubt wobei der Projektor dieser irren Wirklichkeit hin und wieder anhält das Zelluloid zu verbrennen scheint (nein es ist alles schon digital hochaufgelöst in Milliarden Pixel vom sandigen Grund bis zum jaulenden schier ockerfarbenen Himmel) dann plötzlich zu rasch wieder anspringt flimmert in grellen Farben explodiert
Artilleriefeuer der eigenen Truppen im Rücken und Jonathan der aus welchem dämlichen Grund auch immer sich hoch aufrichtet steht und dabei versucht eine Granate in den Unterlauf seines Gewehrs zu schieben
als drehten sie jäh den Ton ab
vielleicht weil ein dürrer Hund mit zerfetztem rechten Vorderlauf panisch auf die Brücke zuläuft die sich in eine gelbschwarze Sandraupe verwandelt dahinter die von Rauchwolken verfinsterte und verhüllte Stadt hauptsächlich Lehmziegelhäuser dicht zusammengeschoben scheinbar ohne trennende Straßen oder Plätze nichts als ferne staubige trostlos im Sand brütende Ansiedlungen und Dörfer sah man bislang
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