was sind meine Wurzeln wie komme ich jetzt darauf wo ich mit meinem supererfolgreichen entspannten Stiefvater grünen Tee trinke
wenn du älter wirst
erklärt er ohne dass ich jetzt wüsste weshalb ich wäre nur zu gerne schon wieder draußen im Bryant Park oder im Central Park
dann fällt es dir leichter die Abstraktion wirklich ernst zu nehmen als tatsächlich wirksame und absolut gültige Abkürzung von Wirklichkeit
paper barrel
so nennen sie die Rechte zu Käufen von Öl die sie auf ihren Notebook-Monitoren in irgendeiner Flughafen-Lounge um die halbe Welt schießen
meine Papier-Wurzel
löst sich auf im Gespräch mit diesem Wirklichkeitsmenschen obwohl ich mich doch an die Erde klammere mit Hilfe der Differentialgleichungen und Computersimulationen des MIT ich kann niemals so real werden wie Seymour fürchte ich (wünsche ich) er spricht oft schon alles aus was ich ihm nur vorwerfen könnte und sagt selbst er sei ein
old fashioned man
ein Mann des alten Raubbau-Systems des bloßen Jagens Aussaugens Abfackelns der unwiederbringlichen Erdvorräte siech am Morbus Prometheus gezeichnet von der Feuerkrankheit eingesperrt in die Macho-Welt von Ölpumpen Förderplattformen Riesentankern und ihren überaus männerwirklichen
arabischen Verbindungen
special relationships
seit Franklin D. Roosevelt 1945 bei einer kleinen Vergnügungsfahrt durch den Suezkanal seinem auf dem Deck des Kreuzers USS Quincy zeltenden Gast Ibn Saud ein Flugzeug und einen Rollstuhl schenkte
Wasserstoffmotoren Solarzellen Geothermie
sagt Seymour (oft) das denkst du wird es sein und vielleicht hast du recht in dreißig oder vierzig Jahren
was soll ich ihm schon entgegenhalten ich muss mir immer wieder einschärfen dass diese Dinge diese politischen und historischen Verwicklungen wirklich (Abstraktion als Abkürzung) mit mir zu tun haben wohingegen er so verwachsen scheint mit dem Koloss unterhalb des Kolosses dass wohl seine Träume noch durch feine Pipelines strömen und winzige Turbinen in seinem Kopf antreiben mit deren Hilfe er drei Jahre über die ihm zugemessene Zeit hinaus leben können wird ich kann mich nur an das halten
was kommt
die Zukunft ist mein Korridor
ein kahler schwarzer unendlich langer Gang eigentlich dessen Grauen uns nur vom warmen Schein dieser und jener vermeintlich nahe liegenden Insel die wir sicher zu erreichen gedenken verschleiert wird also sinke ich zurück in die Gegenwart und versuche nicht nur Trotz und Abwehr zu sein sondern einfach nur
frei
zu atmen
I’m nobody! Who are you?
Are you nobody, too?
dann kann ich dir nur viel Glück wünschen du tust gut daran etwas Ungewöhnliches zu versuchen wenn man in deinem Alter nicht das ein oder andere ausprobiert wird man niemals zufrieden sein
sagt Seymour
als ich aufbreche und noch rasch meine Teetasse auf die Spüle stelle es ist mir peinlich
dass ich plötzlich so viel über Eric über meine Reisepläne und über meine Großeltern in Kalifornien erzählt habe er berührt nur leicht und aufmunternd meinen rechten Oberarm als wir uns verabschieden
ohne den Rucksack
stehe ich einen Augenblick
auf dem Grund der Little Brazil Street
wie betäubt
vor mir ein zehn Meter hohes aufgeklapptes Mobiltelefon und der riesige schwarze Schoßhund dem ich von der Küche aus in die Augen sah ist
aufgegangen
es gibt keine Freundin Mary mit einer geräumigen Studentenbude auf der Upper East Side bei der ich heute übernachten könnte
in der heranhastenden Menge (losgelassen von einer umspringenden Ampel)
möchte ich fast zurückgehen hochfahren in den 23. Stock und Seymour eingestehen dass ich ihn nur abwimmeln wollte
drehe mich jedoch entgegen der ursprünglich von mir eingeschlagenen Richtung der dunkle Gang der Zukunft ist voller gesichtsloser Menschen ich habe zwei oder drei Telefonnummern von College-Bekanntschaften bis zur Verabredung mit Eric sind es nur achtzehn Stunden zudem herrscht
bestes Sommerwetter
Liegst Du bei mir
Liegst Du bei mir, dann steht die Zeit
blind vor unserem Raum.
Ihr Auge ist Erinnerung
an unseren letzten Traum.
Öffnet sie das schwere Lid,
sieht sie uns schon nicht mehr.
Die Zukunft ist der Korridor
für meinen Weg zu Dir.
Liegst Du bei mir einst jeden Tag,
dann flute Zeit heran,
Vergangenheit wird Gegenwart,
ich frage nicht mehr: Wann?
Zähle beruhige dich nein
ordne deine Tage durch Nachzählen streiche
drei Jahre im Kalender Tag für Tag es sind
1001 Tage nach Sabrinas Tod
durch das Notizbuch in ihrem blauen Rucksack erfuhr ich zum ersten Mal von ihrer imaginären arabischen Prinzessin Luisa dagegen kannte diese Kindheits-Fantasie sie hatte mit ihr ganz nebenbei darüber gesprochen an einem Grillabend als sie sich über Literatur und die Märchen aus Tausendundeiner Nacht unterhielten die Sabrina auf eine in fantastischer Symbiose mit ihr lebenden Schwester gebracht hatten
solche eingebildeten Lebenspartner
seien gerade für Einzelkinder nichts Ungewöhnliches und auch
nicht weiter bedenklich
beruhigte mich Luisa als wäre es noch von Bedeutung
heute wäre sie zweiundzwanzig Jahre und sieben Wochen alt und wenn ich einen Blick auf die New York Times auf meinem Schreibtisch werfe
Mr. Bush and his political advisers embraced the legacy of Ronald Reagan … Mr. Bush heralded the late president as a» gallant leader in the cause of freedom «and lionized him in an interview
könnte ich denken dass es entschieden gesünder ist Präsident der Vereinigten Staaten zu werden (und mit 93 Jahren in Bel Air, Kalifornien, zu sterben) als mit 19 dem JOIN-THE-ARMY-Ruf irgendeines Werbers vor einem Supermarkt zu erliegen und dann bei den
Zweiundzwanzigjährigen
in der fast täglich veröffentlichten und immer mehr einer Sportereignis-Tabelle ähnelnden Spalte von üblicherweise vier bis fünf im Irak gefallenen amerikanischen Soldaten zu stehen
Bush lobte Reagan in der Normandie
wo er sich zu den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des gestrigen 60. Jahrestages der Landung der Alliierten aufhielt zum ersten Mal nahm auch ein deutscher Bundeskanzler daran teil Schröder also umarmte seinen Bruder Chirac und auf dem Soldatenfriedhof von Colleville reichte PRÄSIDENT Bush den (alten) EUROPÄERN demonstrativ die Hand zum Zeichen des weiterhin unverbrüchlichen Bündnisses für die Freiheit im Gedenken an jene aufopferungsvolle große militärische Operation die Amerika jederzeit für seine Freunde wieder unternehmen würde ohne dabei wie in der Presse vielfach hervorgehoben wurde
den Irak ausdrücklich zu erwähnen
wie willst du je aus solchen gnadenlos ineinandergreifenden historischen Zahnrädern herauskommen die dich immer wieder in jenen Zustand von Hilflosigkeit und Apathie versetzen mit dem du nun diese Todesanzeigen mit so vielen knapp Zwanzigjährigen betrachtest
den ganzen Krieg
jene 21 Tage vielmehr die man fahrlässiger und optimistischer Weise als eigentliches Kriegsgeschehen bezeichnete
verbrachte ich in Berlin
am Sterbebett meiner Mutter
es war mir nicht gleichgültig was da auf den Monitoren in den Krankenzimmern oder dem einer zynischen Höllenkneipe (einem Feldlazarett) gleichenden Raucher-Aufenthaltsraum der Patienten geschah an dem ich oft vorbeigehen musste
wenn ich abends in meinem Hotel ankam schaltete ich zwischen den deutschen Sendern und CNN hin und her oft bis zwei oder drei Uhr mich wachhaltend mich betäubend wie in jenem Apartment in der Amsterdam Avenue damit ich aus purer Übermüdung schließlich in einen fiebrigen grell von Erinnerungen an die Fernsehbilder durchleuchteten Schlaf fand (ich kann mir die Hölle ohne Bildschirme schon gar nicht mehr vorstellen) ich sah die blassen deutschen Nachrichtensprecher die den Geschehnissen mit einer Art Leichenbestatter-Pietät zu begegnen suchten während die CNN-Leute wie stets genau für dieses Ereignis geboren zu sein schienen dem sie mit der konzentrierten Atemlosigkeit eines Tennisprofis die Bälle zurückschlugen um dann ihre gehetzten Bilder über dem BIZBAR zu servieren
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