nur als mich Lotta vor zwei Jahren hier besuchte
war ich unverhofft stolz auf Manhattan ich ging mit ihr die Wege zu Fuß die ich sonst auch am liebsten gehe von der Penn Station aus zu Barnes & Noble dann durch die 34. Straße auf das Empire State Building zu (vor dessen Eingang man sich stellen und den Kopf ins Genick kippen lassen sollte um raketenähnlich in drei gewaltigen Stufen und auf sieben Fenster-Straßen zugleich in den Himmel zu fahren Lotta wurde es tatsächlich schwindelig) wir saßen im Bryant Park unter einem Sonnenschirm tranken Milchkaffee und mussten einmal nicht wie es mit Martin unweigerlich der Fall gewesen wäre den Büchertempel der New York Public Library besuchen Lotta zog mich auch viel lieber durch die Boutiquen der Fashion Mile die Pracht-Läden der Fifth Avenue durch nahezu sämtliche Stockwerke von Macy’s
das Paradies!
rief sie (nur mit halber Ironie) ich stelle mir vor wie sie (vielleicht etwas blasser ein wenig durchscheinend oder an der Grenze zu einem überblendungsartigen Transparent-Werden) mit ihren Einkaufstüten lachend durch eine nicht enden wollende Mall schlendert unermüdlich Wochen und Monate und Jahre lang ohne Schlaf ohne Gefahr nichts als seltsames ätherisches himmelblaues Eis verzehrend und ihren Durst an eigenartigen klinischen Softdrinks stillend zuverlässig bedient von
Engeln
von Verkäufern unglaublich adretten fantastisch höflichen jungen Frauen und Männern die herrliche Schuhe Röcke Pullover Schmuckstücke präsentieren ohne je aufdringlich zu werden und wenn du eine versehentliche Bewegung machst die dir ein leichtes Aufprallen oder einen kleinen Stoß gegen ihre Körper zumuten würde dann spürst du nichts als die Nachgiebigkeit eines Vorhangs oder Daunenkissens
nur deine Mutter
könnte dich erreichen mit einem speziellen Klingelton
du kommst nach Manhattan? was hast du mir da auf die Mailbox gesprochen? du bist schon da? du willst verreisen? morgen Nachmittag schon? hör zu ich werde nicht da sein ich bin geschäftlich unterwegs und übernachte in East Hampton das ist praktischer aber ich fahre morgen früh direkt ins Büro wir sehen uns dort so gegen neun wenn du das schaffst dann reden wir geh mit Seymour essen sei nett zu ihm du bist schließlich erwachsen bye
mit dem Anruf erwachst du als wärst du in einem
Sturz
gegen das rahmenlose himmelshohe glasharte Bild der Little Brazil Street geprallt ONE WAY NO STANDING ANY TIME GET DREAMS MILK CHOCOLATE YOUR WORLD GET ORGANIZED MOVIN’ OUT CUT YOUR ein Gewirr von Flächen Masten Verblendungen Autoblech Streifen Fenstern wie Schweißglut dazwischen spritzendes Sonnenlicht die Flucht kann nur in die Höhe führen an den oberen stillen Rand des Canyons unter dem wolkenlosen Himmel
von der Küche aus sieht man ein Hochhaus mit einer dunkel verspiegelten Frontfassade und einer von zehn Stockwerke hohen Werbetafeln verkleideten Seitenwand (HSBC — SAMSUNG — COCA-COLA) hinabstoßen auf Miniaturtaxis Spielzeugbusse Insektenmenschen Zebrastreifen Baustellenauswürfe während der Blick vom Living Room auf eine Gruppe von kompakten düsteren Türmen mit auffallenden gestuften Zwischendächern führt in den Himmel explodierte metallverkleidete Burgen das Empire State Building siehst du schön vom Bett aus King Kong winkt dir jeden Morgen zu
was soll ich
Seymour
sagen der kaum dass ich einen Tee gekocht habe plötzlich vor mir steht und interessiert meinen blauen Rucksack betrachtet den ich gegen einen Küchenschrank gelehnt habe er müsse nur einige Unterlagen holen und hätte nicht viel Zeit ob ich plane für länger zu verreisen
morgen schon? nach Kalifornien? sehr schön erklärt er gibst du mir auch eine Tasse Tee er setzt sich zu mir an den Tisch mit Blick auf einen fünf Meter hohen schwarzhaarigen Schoßhund (die Hongkong-Shanghai-Bank) sein hellblondes sonnengebleichtes Haar und die gebräunte sommersprossige Haut seines Gesichts und seiner kräftigen Unterarme die aus dem akkurat umgeschlagenen blau gestreiften Hemd ragen sagen sehr deutlich dass er ein wunderbares Segelwochenende hinter sich hat nur wird
meine Mutter
heute Nacht nicht bei ihm schlafen
ich weiß nicht ob er es schon weiß also sage ich rasch dass ich jetzt nur kurz da sei um den Rucksack abzustellen das wäre praktisch weil ich Eric (der Junge aus East Hampton dessen Fahrrad Amanda auf dem Gewissen hat) morgen Nachmittag am nahe gelegenen Virgin Megastore treffen möchte und so könne ich ungehindert einige Einkäufe machen bevor ich zu einer Freundin auf die Upper East Side fahre um dort zu übernachten
Amanda sagte du würdest heute hier schlafen –
ich bin erwachsen
das habe ich nicht vergessen deshalb werde ich jetzt so tun als wäre es mir nur um die Planung fürs Abendessen gegangen
tut mir leid sage ich und tatsächlich erscheint er mir jetzt wo ich erfolgreich abgewehrt habe in eines seiner speziellen Restaurants ausgeführt zu werden etwas bedauernswert ich bewundere ihn für die innere Ruhe und Gelassenheit mit der er alles aufnimmt niemals werde ich so entspannt sein können wie er vielleicht ist es die jahrzehntelange Übung im Geschäftsleben die ihm hilft seine Nerven so gut zu kontrollieren dass er mit all den Launen und scharfen Wendungen und plötzlich ausfallenden Nächten meiner Mutter zurechtkommt (hat er Mrs Donally bestochen dass sie heimlich Fotos von Leslie schießt der sich durch die Hagebuttenbüsche seines Sommerhauses drückt was Iris natürlich niemals tun würde und was uns dann auf den eigenartigen und überhaupt nicht verständlichen Umstand bringen könnte dass wir diese unscheinbare und sensationelle Haushälterin beide sehr mögen) sollen wir etwa darüber reden was von ihrer kurzen Ehe noch übriggeblieben ist ich kann die Lebenslust und Gier die Disziplin und Nervenstärke dieser über fünfzigjährigen Menschen nur hilflos anstarren sie kommen mir vor wie Riesen mit der Haut von Elefanten ausgestattet mit einer unerklärlichen Großartigkeit Großspurigkeit vielmehr so als wäre alle Welt für sie gemacht ich
möchte einfach nur gehen
draußen scheint die Sonne in die Straßenschluchten und in die Parks ich kann meine Mutter nicht verstehen die ihre Ehe mit Seymour eines untersetzten weniger attraktiven und nur mäßig witzigen Drehbuchschreibers wegen riskiert (oder ist das vorbei und Seymour bleibt deshalb so ruhig) was soll ich ihm sagen ich kann ihn doch nicht trösten das wäre lächerlich im Gegensatz zu Julia die meinen Vater» interessant «findet sind die älteren Männer für mich wie eine andere Säugetierart (größer und bedrohlich) mit der ich möglichst wenig zu schaffen haben möchte gerade auch wenn sie so väterlich tun aber Seymour hat von seinen Zwillingen her noch Übung und es gelingt ihm nicht selten
mich in lange Gespräche und Diskussionen zu verwickeln
(überlegt er jetzt wie er es dieses Mal anstellen kann obgleich er doch vorgab keine Zeit zu haben?)
vorwiegend indem er mich auf mein Studium anspricht als wüsste ich schon etwas nach einem einzigen Jahr am MIT über
die Erde
aus der er sein Lebtag lang
Öl gesaugt hat obgleich er aussieht als hätte er sie immer nur umsegelt jemand muss sich ja (behauptet er) um die Blutbahnen dieser grandiosen Häusermasse vor unserem Fenster (GET REAL) kümmern die Erdkruste mit Bohrern durchbrechen die sich heutzutage polypenartig ausgreifend durch die Gesteinsschichten fressen um den schwarzen Nektar zu saugen Martin erzählte mir dass Seymours Familie vor der Hitler-Armee aus Rotterdam habe fliehen müssen das Herz der Stadt wäre zerbombt worden und er glaube ein Mensch wie Seymour könne nur über ein Bild von Organisation und Macht zu seinen
Wurzeln zurückfinden
(Rotterdam als Industriezentrum der Panorama-Blick auf das mit Schornsteinen gespickte System flacher Inseln zwischen denen die Riesenschiffe wie Spielzeuge schwimmen Dutzende mächtiger weißer Tanks in parallelen Reihen geordnet verbunden durch ein laokoonisches Geflecht genau kontrollierter Pipelines entlang der 35 Kilometer langen Ausfahrt des Massvlakte Olie Terminals das jedes Jahr vierzig Millionen Tonnen Rohöl umschlägt)
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