Seymour wusste nicht dass Goethe Napoleon verehrt hatte (wie fast alles so genannte Große) er wäre dann ein pro-westlicher Araber vermutet er auf meine Auskunft hin ein großer Dichter in seiner eigenen Tradition und Sprache der aber den Eintritt des Orients in die Moderne als unvermeidlich erachtet womit er (Seymour) wohl auch besser formuliert hat weshalb sich Goethe den kaiserlichen Orden eifrig an die Brust nagelte oder nicht was ist die
Wahrheit
in der Dichtung die sich
mit uns vollzieht
der große Dichterpfau der sich am Großen noch größer tut
Übermacht, ihr könnt es spüren,
Ist nicht aus der Welt zu bannen;
Mir gefällt, zu konversieren
Mit Gescheiten, mit Tyrannen.
hat sein Erfurter Moment (1808)
als der
KAISER (vierzigjährig gut angefettet die knapp sitzende avocadogrüne Uniformschote aufgeplatzt in mittlerer Brustbeinhöhe die arterienblutrote breite Schärpe das irgendwie fechterhafte oder strampelanzugsartige Übereinander von weißer Weste und weißer Hose die in schwarze kniehohe Stiefel mündet das Gesicht unter der Raffael-Putten-Frisur feist und schier quadratisch die bohrenden Augen die lange Nase der kleine waagrecht geschnittene Mund eingelagert in einen zu großen weißlichen Rahmen aus gewölbtem Fett oder beinahe schon matt glänzendem Speckstein)
den sechzigjährigen
M. Göt
eines Vormittags empfängt damit er IHM
stehend
beim Petit Déjeuner zusieht und beim
siegesverheißenden Zurichten der Welt wie
ER glaubt und all die ein- und ausgehenden Offiziere und Diplomaten bewundern kann die immer wieder den Monolog des Imperators unterbrechen wie auch dessen ziemlich unerhebliche Anmerkungen zu des Dichters Werther
Goethe (sage ich zu Seymour) hat IHM kein Drama geschrieben ist nicht der Aufforderung gefolgt nach Paris zu gehen und verzapfte auch keinen Afterjournalismus über das Kaisertheater Napoleons mit dem Zaren er ist ganz der Staatsminister des armen Winzstaates geblieben den eine Willkürregung des
GEWALTIGEN
hätte von der Landkarte fegen können ein
Jordanier also meint Seymour
uns bleibt die schöne Ungewissheit der Balance: Zyniker Konservativer Opportunist weitsichtiger Geist dem Letzteren wäre sicher bewusst gewesen dass die brutale Expansion des Tyrannen ebenso wenig das letzte Wort der Geschichte sein konnte wie die eisernen Befreiungshalsbänder des Wiener Kongresses die klassizistische Dorothea ehelicht Herrmann und behält doch den Ring ihres ersten Geliebten der für die Revolution fiel
war er auch Amerikaner?
will Seymour wissen ich meine Goethe
er war der Auffassung dass Amerika es besser habe ich glaube weil es von den alten Dämonen der Geschichte verschont wäre
alte Dämonen sagt Seymour das sind wir und
wir
erheben uns in der Mittagssonne
zerfallen aber nicht zu Staub können nicht joggen und sollten uns wohl besser trennen oder etwas essen gehen vielleicht in einem Restaurant am See den wir gleich erreichen werden aber nichts scheint angebracht und so schlurfen wir nur noch eine Viertelstunde unschlüssig nebeneinander her in unseren Sportverkleidungen die uns bis auf einen Wohnungsschlüssel und einen 20-Dollar-Schein auf das reduzieren was von uns übriggeblieben ist sähe uns Amanda jetzt (muss ich denken) sie fände uns lächerlich aber der Gedanke an ihren Spott und sein mögliches plötzliches Umschlagen in Güte oder Herzlichkeit während wir gemeinsam durch den mittlerweile stark bevölkerten Park im Spätsommerlicht gehen der sich aufputzt zu seinem sonntäglichen Pfauenrad
schier explodierenden Lebens
führen dazu dass mir Amanda plötzlich wieder auf eine schrecklich direkte sinnliche klaffende Art fehlt
so wäre es nicht der Fall wäre sie einfach nur
verschwunden
vor einigen Jahren (als sie sich von mir trennte immer vergesse ich weshalb)
Seymour scheint meine Gedanken zu erraten als wir uns beim Hunter’s Gate verabschieden sagt er plötzlich etwas über seinen Psychiater oder Analytiker mit einer jähen Eindringlichkeit so dass ich wegen seines verschossenen weinroten Trainingsanzugs wieder an einen Boxerfilm denken muss nun an diese Szenen in denen der Coach dem angeschlagenen Helden den entscheidenden Tipp für die unvermeidliche
Wiedergeburt
gibt sein Therapeut habe ihn auf den Gedanken gebracht der mir vielleicht noch nicht gekommen sei oder womöglich doch weil ich ja ständig nachdächte jedenfalls wolle er ihn mir mitteilen nämlich
dass es das Schwierigste wäre
sich zu verzeihen — was
nun ja es käme vielleicht erst noch oder habe sehr langsam begonnen
sich also zu verzeihen
dass die eigene Trauer nachlasse Monat für Monat
Jahr für Jahr
Elegie
Wie soll ich ohne Dich singen? Du warst doch mein Atem.
Näher als mein Herz, fielst mir leichter als Luft.
Wie soll ich ohne Dich schlafen, über dem Abgrund der Stille?
Meine Brust ist aus Stein, mein Körper eine Gruft.
Man sagt, der Tag bringt das Leben. Aber mich lässt er sterben.
Fehlt das Licht, das Dich sieht, kann ich auch nicht mehr sein.
Wie soll ich ohne Dich enden? Du hast mich erfunden!
Nur wenn Du Dort bist, bin ich nicht mehr allein.
Die durchschossenen Eisendrahtmatten formen in der Art eines großen zerfetzten Basketballkorbs oder zerrissenen stählernen Fischernetzes die einstige Flugbahn nach an den Rändern des in der Bunkerdecke klaffenden Lochs durch das weißes Tageslicht auf den nackten Boden fällt ragen daumendicke Drähte ins Dunkel wie Tentakel oder Fühler einer zynischen oberirdischen Macht der es eingefallen ist die Finsternis mit alten rostigen Instrumenten zu erforschen eine Blechverkleidung von zehn Metern Länge ist wie eine Stoffkrawatte um eine der mit Brandspuren gezeichneten Betonsäulen gewickelt ich will die
Schatten
an den Wänden gar nicht sehen von denen es heißt sie seien wie Negative der im Bunker Schutz Suchenden vom tödlichen Blitz der Bombe in den Beton gebrannt worden ich betrachte nur
stumm und bleiern
mit dieser neuen schrecklichen Schwere meines Körpers
die goldgerahmten Fotos der Kinder und Frauen zwischen den Sträußen echter und künstlicher Blumen den Wimpeln mit Koranversen den Stofftieren und anderen kleinen Erinnerungsstücken
das Loch
klafft in meinem Kopf in meinen erzenen Kopf das weiße Licht sengt ihn aus wie ein Schweißbrenner ich werde hierbleiben müssen denke ich aber ich werde bald nicht mehr atmen können ich erstickte schon wären nicht
Huda und Eren
immer dicht neben mir stützten sie mich nicht flüsterten sie nicht in mein Ohr umfassten sie nicht meine Oberarme
alles war falsch! muss ich unentwegt denken mein ganzes früheres Leben in dem ich schon einmal hier war (vor zwei Jahren) mit der gleichen Schulklasse den gleichen Lehrern die uns die gleiche Darstellung der Ereignisse gaben die sie uns jetzt wieder geben ich denke immer wieder an Kasims Geburtstagsfeier zurück immer wieder an diese mir nun vollkommen unfassliche hoch schwebende Stimmung immer wieder daran dass kein einziger Militär unter den Gästen war immer wieder an
das Phantom
meiner schönen glücklichen starken
Schwester aber
ES IST DOCH NOCH GAR NICHTS GESCHEHEN!
sagt Eren beschwörend sie kennt das von ihrer kurdischen Familie von Vorkommnissen in Sulaimaniya und Raniyah im Norden
als wir das erste Mal in diesen Bunker hinabstiegen war ich fünfzehn ich war erschüttert ich war fassungslos bei der Aussage dass sich die kochende Haut der Menschen in den Beton gebrannt hatte große Wassertanks sollen explodiert und das Wasser sofort verdampft sein ich war voller Hass auf die Amerikaner die (wie es hieß) absichtlich diesen Luftschutzbunker bombardiert hatten in dem sich (wie es hieß) 1000 Menschen befanden oder 500 (wie es woanders hieß) oder 300 (wie es noch weiter westlich hieß) drei Zahlen drei Mal so viele vernichtete unsichtbare Leben
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