wer einen Menschen tötet, tötet alle Menschen
sagst Du vor dem Hintergrund des kleinen Paradies-Dachgartens der Rikabis ich bin vom Modergeruch des Bunkers durchdrungen ich kann bald nicht mehr aufrecht stehen ich sehe dass die ganze Schulklasse Frau Khadurri und Herrn Basim umringt die erneut die Geschichte dieses Bunkers in Al-Amiriya erzählen der am Morgen des 13. Februar 1991 von amerikanischen Tarnkappen-Bombern unter Beschuss genommen wurde diese Führung dieser vorgeschriebene Schulausflug mit dem Bus die unvermeidliche Fröhlichkeit die alle beim Einsteigen ergriff als ginge es um ein Picknick oder zu einem Fußballspiel obwohl sie wussten dass wir nur ein kurzes Stück fahren und dann der Reihe nach durch den weiß umrahmten Bunkereingang gehen würden (am Scheitelpunkt der aus zwei Armen bestehenden Blende eine aufgemalte stilisierte Rose)
vorgestern noch
wäre mir das alles nur wie eine lästige Wiederholung erschienen aber jetzt
ist es wie eine Wiederkehr in einem anderen Leben in dem alles viel schwerer wiegt viel tiefer peinigt so schockierend unruhig so gespenstisch sind die Augen der Getöteten auf den Fotografien als erkennten sie mich plötzlich als wüssten sie dass ich nein: etwas
ein Teil von mir
ihre Welt betreten hat und dass ich deshalb anders glaube ich glaube jetzt
an die Möglichkeit der Vernichtung
das ist der Unterschied deshalb ist es ein neues furchtsameres Leben ich werde hier ersticken Huda (deine Finger umschließen weiterhin fest meinen Oberarm und wenn ihr Druck nachlässt werde ich fallen) ich erinnere mich daran dass es mich vor zwei Jahren wütend machte zu hören dass sich die amerikanische Regierung nie für diesen Anschlag mit so genannten Präzisionswaffen entschuldigt hat ich fühle jetzt keine Wut mehr sondern nur noch die
Schwere
eines trostlosen Entsetzens ich kann es auch kaum mehr ertragen dass man uns vor der Aussicht auf einen neuen Krieg mit dem Horror des jüngst vergangenen quält (gewiss wir sollen zum Jahrestag von 9/11
wütend
auf einer Demonstration verschiedener Schulen marschieren unter dem Motto wir verstehen euren Hass auf die Terroristen aber die Terroristen
seid ihr)
drei mal ist diese Al-Amiriya-Bombe in mein Leben gefallen das erste Mal war ich gerade sechs Jahre alt wir waren bei Kriegsbeginn in das große Familienhaus in Wasiriya gezogen und ich wurde von meiner Mutter aus einem Gewirr von Cousins und Cousinen herausgeholt die sich die Schreckensbilder weiter betrachten durften weshalb ich schockiert und empört zu schreien begann wir werden bestimmt wieder nach Wasiriya ziehen wenn erneut Bomben auf Bagdad fallen die Familie schließt sich zusammen bei Katastrophen und bei Festen ich
könnte auch immer nur
in einem solchen Bunker liegen unter der erschütterten Oberfläche meines Landes ich falle wieder zurück ich war doch vorgestern noch
eine Prinzessin in Babylon
muss ich immer nur ertragen was
ich voraussehe ich sah den Major auf der Hochzeit im Leib meiner Schwester und ich traf ihn in der Wirklichkeit mit den Händen an ihrem Hals und eben weil er nicht auf dem Fest in Al-Mansur erschien (weder er noch ein anderer Militär) glaube ich dass alles von ihm ausgegangen ist auch wenn mein zitternder blasser heulender Schwager Kasim vorgestern Abend in unserem Haus nichts zu wissen nichts zu begreifen vorgab
seine Frau
ist so grundlos
verhaftet entführt weggeschafft
worden wie so viele wir kennen das doch wir kennen es von diesem und jenem der jemanden kennt dem es passiert ist es
kann alles heißen
sagte Tarik wir werden es herausfinden wir werden sofort damit beginnen ich rufe alle Leute an die infrage kommen und uns etwas sagen können ich kann hier nicht still sitzen es erstickt mich ich kenne einen wichtigen Baath-Mann ich habe ihn lange behandelt vielleicht kann er ermitteln wohin sie Jasmin gebracht haben es gibt Fälle in denen
man
etwas
regeln kann
aus dem tiefsten Schatten des Bunkers
kommt (ich erinnere mich beinahe nicht) die schwarze Frau die seit zehn Jahren hier lebt sie zeigt allen die ihr zuhören oder ihr etwas Geld geben die Bilder und die Überbleibsel ihres Mannes und ihrer neun Kinder sie war nur kurz aus dem Bunker gegangen um etwas zu besorgen vor zwei Jahren erschrak ich nur vor ihrem bleichen Gesicht ihren hohlen Wangen den schwankenden Bewegungen jetzt suche ich plötzlich etwas
in diesem Schrecken
eine Spur die Anzeichen einer
Kraft vielleicht das Geheimnis der Fähigkeit solche ungeheuren Dinge so lange zu ertragen ich spüre aber wieder nur dieses Gewicht das an mir zieht ich bin wie ein Taucher der so tief sinkt bis er den letzten Sauerstoff verbraucht hat ES IST NOCH NICHTS GESCHEHEN ich bin
nicht
zusammengeklappt in der Kälte und Finsternis des Bunkers meine Freundinnen bringen mich ans Tageslicht meine Mutter sagt Huda kennt so viele in der Partei wir werden es herausfinden diese Schweine ich atme
die staubige heiße Luft ich höre
gleichgültig
den hastigen Vortrag unseres Geschichtslehrers über die Ursachen des letzten Krieges der in unseren zwanzig Jahre alten Schulbüchern noch gar nicht stattgefunden hat jene Mutter aller Schlachten die durch die Öl-Intrigen der Kuwaitis herbeigeführt wurde jene aggressiven Übergriffe die unser Führer einstellen musste wodurch der US-amerikanische Imperialismus die Gelegenheit gekommen sah seinen Pfahl in das arabische Fleisch zu rammen und
uns auszuhungern! uns abzuschlachten! uns zu erniedrigen!
als wären wir Rothäute!
brüllt Herr Basim plötzlich kaum dass wir im Bus Platz genommen haben wir kennen seine Wutausbrüche so ist es immer wenn er auf das UN-Embargo die Millionen verhungerter irakischer Kinder die zerbombten Schulen und Krankenhäuser zu sprechen kommt es fällt ihm leichter sich dieser Dinge in Wutanfällen zu entledigen immer im gleichen Wortlaut wie ein mechanischer Vogel er kann im nächsten Augenblick wieder sanft und nachdenklich werden und auch dieses Mal war es mehr wie ein Startsignal für den Busfahrer zur Rückfahrt ich fahre so selten (die großen Ausnahmen waren unser Ausflug nach Babylon und die Taxifahrt nach Al-Mansur) dass ich mich gegen ein automatisch einsetzendes Gefühl der Freude und Erleichterung kaum wehren kann durch die klappernden offenen Fenster kühlt uns der Wind die Hupen der Autofahrer und der dröhnende Motor des Busses erzeugen einen solchen Lärm
dass ich aufstehen und vielleicht ganz ungehört herausschreien könnte
DASS MEINE SCHWESTER VERHAFTET WORDEN IST
es ginge mir dann vielleicht auf die gleiche Art besser wie dem nun ganz entspannt und friedlich auf seinem Sitz dösenden Herrn Basim der eigentlich ein Kindergesicht mit Schnurrbart hat sollen wir denn immer nur in Wut oder Erschöpfung leben ist es das
was jetzt kommt? nicht nur für mich sondern für alle anderen auch wenn es einen Krieg gibt
nur Huda und Eren scheinen mir noch wirklich und nah zu sein (die hübsche pralle Tochter einer Baath-Karrierefrau und die sich fünf oder sieben Kinder wünschende scheue und kluge Kurdin) ich fahre Bus wie ein Sack Mehl ich gehe inmitten meiner Schulklasse wie ein Gespenst ich hasse mich für meine Schwäche denn noch
IST NICHTS PASSIERT
was wird erst mit mir geschehen wenn sie Jasmin quälen oder töten ich bin betäubt wie die ganze Familie als sie die Nachricht erfuhr Tarik Farida Sami Kasim alle bewegten sich wie in Zeitlupe nur noch wie bleierne Marionetten in ihrem eigenen Leben die Ohnmacht drückte alle nieder dieses narkotische Gewicht bis Tarik aufsprang und aus dem Haus lief
unsere Aufgabe
die Aufgabe der Abiturklasse
ist es
einen Ort zu beschreiben an dem wir gerne einen Tag verbringen würden es sollte uns nach der Bunkerbesichtigung helfen uns wieder aufzurichten Herr Basim schenkt uns das wie sich selbst einen Wutanfall ihr sollt wieder zur Ruhe kommen das ist wichtig erklärt er denn in den nächsten Monaten sei noch eine Menge Stoff zu bewältigen fast klang es so als wollte er sich für den ganzen Ausflug entschuldigen ich
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