Der Arzt sagte: Der Sieg der Vernunft.
Aber über was, sagte Karl.
Der Arzt: Über das Leben. Er glaube, sagte er, morgen sei eine Katheteruntersuchung angebracht, dann vielleicht übermorgen, wenn sich herausstelle, daß die Durchblutungsstörung an der linken Seitenwand anhalte, eine Dilatation. Ob Karl davon schon gehört habe.
Ja, ein kleiner Ballon wird hineingeschickt, daß er die Gefäße dehne, sagte Karl.
Richtig, sagte der Arzt. Und wenn sie wieder zusammenfallen wollen, schieben wir einen Stent hinein, der sorgt dafür, daß die Gefäße offenbleiben.
Karl hatte um ein Einbettzimmer gebeten. Das Zimmer war groß genug für zwei Betten, das zweite Bett schoben sie hinaus.
Er rief Joni an. Besetzt.
Er rief Helen an und sagte ihr auf die Box, daß er im Krankenhaus sei. Nur zur Sicherheit. Mehr zur Diagnose als zur Therapie.
Eine halbe Stunde später rief Helen zurück. Das habe ich kommen sehen, sagte sie.
Hellseherin, sagte er.
Du bist nicht mehr bei dir selbst, sagte sie.
Er sagte, er fühle sich jetzt so matt, er bitte, ihm jede Antwort zu erlassen. Zur Besorgnis gebe es keinen Grund. Bis morgen.
Joni war immer noch besetzt. Was ihn jetzt an Joni denken ließ, war immateriell. Er konnte es nicht anders benennen. Diego hätte es wahrscheinlich geistig genannt. Hatte er sie heute verloren? War das die Gelegenheit zu lernen, daß nichts möglich sei? Sollte er das in dieser Nacht lernen? Also die ganze Nacht das Handy kein einziges Mal mehr abhören. Wenn du das schaffst.
Um 1 Uhr 45 hörte er sein Handy ab. Joni hatte um 0 Uhr 45 draufgesprochen. Da waren gerade die Schwester und der Pfleger dagewesen, die das zweite EKG und die zweiten Puls- und Blutdruckwerte zu registrieren hatten.
Daß du keine Aussicht hast, weißt du. Die junge Dame. Ihre Begleitung. Du machst weiter, als hättest du eine Aussicht. Du drückst dich davor, die Aussichtslosigkeit bei dir selber durchzusetzen.
Um 0 Uhr 45 hatte sie gesagt: Gute Nacht, Schatz. Hier war heut die Kacke am Dampfen. Ich hoffe, du schläfst jetzt gut. Ich würde gern deinen Schlaf bewachen. Mein Bett riecht noch nach dir. Ich werde es nie mehr waschen lassen. Ich denke mit der Fotze an dich. Gute Nacht, Schatz.
Joni hatte Tränen in den Augen gehabt, als sie sich auf der Polizeitreppe über ihn gebeugt hatte.
Er merkte, daß der Druck sich in die Brustmitte verlagerte. Er durfte sich nicht bewegen. Er sollte an nichts denken. Schon Konzentration tat weh. Sich nicht wehren gegen dieses Zusammensinkenwollen. Ein gar nicht mehr aufhören könnendes Zusammensinken. Warum ließ der Druck in der Mitte nicht nach? Sollte er der Nachtschwester läuten? Er dachte: Ich gebe doch nach. Ich gebe doch nach. Und es nützt nichts. Ich hätte früher nachgeben sollen. Ohne Druck in der Brustmitte. Vorbeugend nachgeben, das wird verlangt, das hast du nicht gebracht.
Als es ihm trotz aller Entspannungsversuche nicht gelang, erfolgreich zu atmen, läutete er. Der Pfleger kam. Karl schilderte mit demonstrativ schwacher Stimme, daß er atme, aber das bringe nichts. Der Pfleger prüfte Puls und Blutdruck, dann ließ er Karl zwei Spraystöße Nitroglyzerin inhalieren. Das half. Karl schlief ein. Und träumte. Träumte, er habe gerade einen Brief geschrieben, an Joni, er will ihr den Brief geben, aber Joni ist unter Wasser, ihre Hand greift aus dem Wasser heraus nach dem Brief. In dem Brief steht, was sie wissen muß. Wenn sie den Brief liest, kommt sie zu ihm. Sie zieht den Brief hinunter ins Wasser. Aber unter Wasser kann sie doch nicht atmen, wie soll sie da seinen Brief lesen. Er weiß, daß er, solange sie nicht atmet, auch nicht atmen kann. Dann hat er keine Luft mehr und muß Joni an ihren Haaren aus dem Wasser ziehen. Sie wehrt sich, sträubt sich. Aber er würde ja ersticken, wenn er sie nicht aus dem Wasser zöge. Beim vergeblichen Ziehen und Reißen erwacht er. Ein elendes Erwachen. Keine Kraft mehr. Kein Atem mehr. Die linke Seite sticht. Er müßte vorsichtig zu atmen anfangen. Aber ihm fehlt zum Atmen der Mut. Er fühlt sich erledigt. Er nimmt von den Tabletten, die man ihm hingelegt hat. Er kann jetzt nicht schon wieder läuten. Es ist erst kurz vor drei. Er muß wach bleiben. Noch einmal einschlafen heißt, noch einmal das Ersticken träumen. Bleib bloß wach. Schau über die riesige Reisigebene hin. Aber dann dachte er doch rückfallhaft: Sehnsucht ist die einzige Empfindung, in der man sich nicht täuschen kann.
Helen war beim Kongreß für die Bedeutung der Träume bei der Paartherapie, also würde ihn niemand stören bei der Lektüre des Manuskripts Das Othello-Projekt. Ein Film-Entwurf von Rudi-Rudij. Er kippte seinen Stuhl und las.
I.
Patrick im Rollstuhl. Er schaut zum zimmerbreiten Fenster hinaus. Strabanzer und Rudi-Rudij werden vom Anwalt hereingeführt. Strabanzer deutet durch Gesten an, daß er allein zu Patrick hin will, die anderen sollen stehenbleiben.
Strabanzer, zärtlich, aber nicht sentimental, also glaubhaft: Patrick! Ich grüße dich.
Patrick: Muß das sein.
Der Anwalt: Die Herren haben sich nicht abhalten lassen.
Patrick: Ich habe einen Selbstmordversuch hinter mir.
Strabanzer: Patrick! Alter Freund.
Patrick: Ich habe drei Monate Klappsmühle hinter mir.
Strabanzer: Wir fangen einfach wieder von vorne an, du und ich …
Patrick, brüllt: Raus! Wozu bezahle ich einen Anwalt.
Strabanzer: Patrick, das glaube ich dir nicht. Tag und Nacht, zehn Jahre. Patrick …
Patrick, brüllt: Raus!
Der Anwalt drängt die Besucher hinaus.
Anwalt: Er hat die zwei Millionen nicht mehr. Er ist hereingelegt worden. In St. Tropez.
Strabanzer schafft es, am Anwalt vorbei noch einmal ins Zimmer zu kommen.
Strabanzer, dicht bei Patrick: Ich glaube an dich. Adieu.
Patrick weint, es ist ein jäher Weinausbruch. Strabanzer will stehenbleiben, aber der Anwalt, der der Figur nach auch ein Leibwächter sein könnte, läßt das nicht zu.
Im Auto, es ist ein alter Lancia. Strabanzer fährt. Sie reagieren auf Patrick.
Strabanzer: Tranfunzel.
Rudi-Rudij: Armleuchter.
Strabanzer: Schweinehund.
Rudi-Rudij: Dreckswichser.
Strabanzer: Keine Schmeicheleien.
Rudi-Rudij: Volldepp.
Strabanzer: Schon eher. Jetzt bleibt nur noch Stengl.
Rudi-Rudij: Exzellenz Stengl.
Strabanzer: Das Oberarschloch.
Rudi-Rudij: Eine Million.
Strabanzer: Zwei.
Im Bocca di Leone- Quartier am Frauenplatz 10. Ein langer Gang, an dem viele Zimmer liegen. Oft das Firmen-Wappen: Der Löwenzahn.
Strabanzer, am Telefon: Stengl! Alter Freund! Und Exzellenz! Verzeih, wenn ich dich wegen einer Bagatelle stör. Durch dümmliche Nachsichtigkeit, haarsträubende Gutmütigkeit und andere unverzeihliche Menschlichkeiten habe ich meinen Partner Patrick, du kennst ihn, dazu verführt, mich zu betrügen, hereinzulegen nach allen Regeln unserer Kunst. Und weil er ein Depp ist, hat er das Geld in Frankreich vertan. Ich steh da, kann nicht anfangen mit dem besten Film des neuen Jahrtausends, wegen lumpiger zwei Millionen. Und die werden sich so rentieren, daß ich nur einen hereinnehme, dem ein sattes Sümmchen zu gönnen ist. Also, bitte, empfiehl mir Würdige.
Strabanzer hört, was Stengl sagt.
Strabanzer: Ich hab’s gewußt, du, der Metternich des Finanzwesens, wirst es richten. An den unausbleiblichen Gewinnen dieses Films bist du mit zwei Prozent dabei. Genau. Du auch. Ich umarme dich. Servus.
Rudi-Rudij: Das reicht für heute.
Strabanzer: Sogar noch für morgen.
Rudi-Rudij: Jetzt brauchen wir nur noch einen Film.
Strabanzer: Immer noch ’nen Film und noch ’nen Film.
Rudi-Rudij: Die anderen tun so, als seien sie geil drauf, einen nach dem anderen zu drehen.
Strabanzer: Flaschen müssen filmen.
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