Dreieinhalb Stunden später
AW:
Wenn ich an Emmi denke, dann denke ich an keine der drei von meiner Schwester beschriebenen Emmis, sondern an die vierte, an meine. Und: Ja, klar denke ich noch immer an Emmi. Warum hatten Sie keinen guten Tag? Was war das Schlechte daran? Gute Nacht, guten Morgen, Ihr Leo.
Am nächsten Tag
Betreff: Ein guter Tag!
Guten Morgen. Sehen Sie, lieber Leo, so beginnt ein guter Tag! Ich mache die Mailbox auf und es leuchtet mir eine Nachricht von Leo Leike entgegen. Gestern: schlechter Tag. Keine Mail von Leo. Kein gar nichts. Kein überhaupt nichts. Kein bisschen etwas von Leo. Was soll aus so einem Tag werden? Leo, ich sage Ihnen etwas: Ich glaube, wir sollten aufhören. Ich mache mich abhängig von Ihnen. Ich kann nicht den ganzen Tag darauf warten, eine E-Mail von einem Mann zu bekommen, der mir den Rücken zuwendet, wenn er mich trifft, der mich nicht kennen lernen will, der nur Mails von mir will, der meine Worte dazu benutzt, sich die Frau seiner Schöpfung zu basteln, weil er sich mit Frauen, die ihm wirklich begegnen, vermutlich bis über die Schmerzgrenze plagt. Ich kann so nicht weiter. Es ist unbefriedigend. Verstehen Sie das, Leo?
Zwei Stunden später
AW:
Okay, ich verstehe Sie. Dazu vier Fragen, ganz dem Rothner'schen Frageschema verpflichtet.
1.) Wollen Sie mich persönlich kennen lernen?
2.) Wozu?
3.) Wo soll das hinführen?
4.) Soll Ihr Mann davon wissen?
30 Minuten später
RE:
Zu 1.) Ob ich Sie persönlich kennen lernen will? Natürlich will ich Sie persönlich kennen lernen. Besser persönlich als unpersönlich, oder? Zu 2.) Wozu? Das weiß ich erst, wenn wir uns kennen gelernt haben.
Zu 3.) Wo es hinführen soll? Dort, wo es hinführt. Würde es nicht dort hinführen, dann soll es auch nicht dort hinführen. Also führt es ohnehin dort hin, wo es hinführen soll.
Zu 4.) Ob mein Mann davon wissen soll? Das weiß ich erst, wenn ich weiß, wo es hingeführt hat.
Fünf Minuten später
AW:
Sie würden also Ihren Mann betrügen?
Eine Minute später
RE:
Wer hat das gesagt?
40 Sekunden später
AW:
Das lese ich heraus.
35 Sekunden später
RE:
Passen Sie auf, dass Sie nicht zu viel herauslesen.
Zwei Minuten später
AW:
Was fehlt Ihnen an Ihrem Mann?
15 Sekunden später
RE:
Gar nichts. Überhaupt nichts. Wie kommen Sie auf die Idee, dass mir etwas an ihm fehlt?
50 Sekunden später
AW:
Das lese ich heraus.
30 Sekunden später
RE:
Woraus lesen Sie das? (Langsam nerven Sie ein bisschen mit Ihrer Herauslese-Sprachpsychologie.)
Zehn Minuten später
AW:
Ich lese es aus der Art, wie Sie mir zu verstehen geben, dass Sie irgendwas von mir wollen. Was es ist, können Sie zwar erst sagen, wenn Sie mich kennen gelernt haben. Aber DASS Sie etwas wollen, ist unumstritten. Oder anders: Sie suchen etwas. Nennen wir es Abenteuer. Wer ein Abenteuer sucht, erlebt gerade keines. Stimmt's?
Eineinhalb Stunden später
RE:
Ja, ich suche etwas. Ich suche dringend einen Geistlichen, der mir erklärt, was es heißt, seinen Mann zu betrügen. Oder zumindest, wie sich das ein Geistlicher so vorstellt, ein Geistlicher, der selbst noch nie betrogen hat, weil ihm nicht nur diejenige Frau fehlt, mit der er seine Frau betrügen könnte, sondern auch diejenige Frau, die er betrügen könnte, sieht man von der Muttergottes ab. Leo, bitte machen Sie nicht auf »Dornenvögel«! Ich suche kein »Abenteuer« mit Ihnen. Ich will einfach nur sehen, wer Sie sind. Ich will meinem Mail-Vertrauten einmal in die Augen schauen. Wenn das für Sie »betrügen« heißt, dann bekenne ich mich dazu, eine potenzielle Betrügerin zu sein.
20 Minuten später
AW:
Aber Ihrem Mann würden Sie sicherheitshalber trotzdem nichts davon erzählen.
15 Minuten später
RE:
Leo, ich mag es nicht, wenn Sie so moralinsauer unterwegs sind! Seien Sie es von mir aus in eigener Angelegenheit, aber nicht in meiner. Glücklich verheiratet zu sein bedeutet nicht, dass man dem Partner einen täglichen Rechenschaftsbericht über jedes seiner Treffen abzuliefern hat. Damit würde ich Bernhard auch zu Tode langweilen.
Zwei Minuten später
AW:
Also würden Sie Ihrem Bernhard nichts von unserem Treffen erzählen, weil Sie befürchteten, es würde ihn zu Tode langweilen?
Drei Minuten später
RE:
Schon wie Sie »Ihrem Bernhard« schreiben, Leo! Ich kann nichts dafür, dass mein Mann auch einen Namen hat. Das heißt noch lange nicht, dass er mir gehört, dass er täglich 24 Stunden angekettet an meiner Seite verbringt, wo ich ihn ununterbrochen streichle und dazu regelmäßig »Mein Bernhard!« gluckse. Leo, ich glaube, Sie haben wirklich keine Ahnung von einer Ehe.
Fünf Minuten später
AW:
Emmi, ich habe noch mit keinem einzigen Wort über Ehe gesprochen. Übrigens haben Sie meine letzte Frage nicht beantwortet. Aber wie sagten Sie kürzlich? - Eine ausweichende Antwort ist auch eine Antwort.
Zehn Minuten später
RE:
Lieber Leo, schließen wir das ab. Auf die entscheidende Frage bleiben nämlich SIE mir die Antwort schuldig. Ich spreche sie aber gerne noch einmal aus: Leo, wollen Sie mich treffen? Wenn ja, dann tun Sie es! Wenn nein, dann verraten Sie mir, was das Ganze soll, wie es weitergehen soll beziehungsweise ob es überhaupt weitergehen soll.
20 Minuten später
AW:
Warum können wir uns nicht schriftlich unterhalten, wie bisher?
Zwei Minuten später
RE:
Ich fasse es nicht: Er will mich einfach nicht kennen lernen! LEO, Sie Unverbesserlicher, vielleicht bin ich die Blonde mit dem großen Busen!!!
30 Sekunden später
AW:
Was hätte ich davon?
20 Sekunden später
RE:
Sie könnten hinstarren.
35 Sekunden später
AW:
Und das würde Ihnen gefallen?
25 Sekunden später
RE:
Mir nicht, aber Ihnen! Das gefällt jedem Mann, vor allem denen, die es nicht zugeben.
50 Sekunden später
AW:
Solche Dialoge gefallen mir viel besser.
30 Sekunden später
RE:
Aha, also doch ein verklemmter Verbalerotiker.
Drei Minuten später
AW:
Das war ein gutes Schlusswort, Emmi. Ich muss dann leider außer Haus. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.
Vier Minuten später
RE:
Das waren heute 28 E-Mails zwischen uns beiden, Leo. Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Was ist Ihr Motto? - Die Unverbindlichkeit. Was ist Ihr Schlusswort? - Sie wünschen mir einen »angenehmen Abend«. Da sind wir etwa auf der Stufe von »Frohe Weihnachten und ein gutes neue Jahr wünscht Emmi Rothner«. Kurzum: Wir sind uns in hundert E-Mails und einem professionell durchgezogenen Nur-ja-nicht-Kennenlern-Treffen keinen Millimeter näher gekommen. Was unsere »innige Unbekanntschaft« aufrecht hält, ist einzig der horrende Aufwand, den wir dafür betrieben haben und betreiben. Leo. Leo. Leo. Schade. Schade. Schade.
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