Man hätte glauben können, die NSA-Leute wagten nicht, ihn aus den Augen zu lassen. Weil er wußte, daß ein Wetterballon abgestürzt war? Das kam ihm ziemlich unsinnig vor. Robert gab seinen Ausweis am Ausgang ab und trat in den frischen Oktobermorgen hinaus. Wo sein Wagen gestanden hatte, parkte jetzt eine riesige Limousine.
«Um Ihren Wagen kümmern wir uns, Commander«, teilte Hauptmann Dougherty ihm mit.»Wir fahren mit diesem hier.«
Aus alledem sprach eine gewisse arrogante Rücksichtslosigkeit, die Robert ein vages Gefühl der Beunruhigung einflößte.
«Okay«, sagte er.
Sie fuhren zu seiner Dienststelle im Office of Naval Intelligence. Die blasse Morgensonne verschwand hinter Regenwolken. Der Tag versprach beschissen zu werden. In mehr als nur einer Beziehung, dachte Robert.
Ottawa, Kanada
24.00 Uhr
Sein Deckname war Janus. Seine Instruktionen erteilte er den zwölf Männern in dem schwerbewachten Konferenzraum eines Militärlagers.
«Wie Sie alle erfahren haben, ist das Unternehmen Doomsday ausgelöst worden. Es gibt eine Anzahl von Augenzeugen, die möglichst rasch und unauffällig aufgespürt werden müssen. Wir können sie nicht durch die Geheimdienste ihrer jeweiligen Heimatstaaten suchen lassen — die Gefahr, daß etwas durchsik-kern könnte, wäre zu groß.«»Wen setzen wir dafür ein?«Der Russe. Schwerfällig. Cholerisch.
«Er heißt Commander Robert Bellamy.«
«Wie ist er ausgewählt worden?«Der Deutsche. Aristokratisch. Skrupellos.
«Nach gründlicher Analyse der in den Computern von CIA, FBI und einem halben Dutzend weiterer Sicherheitsbehörden gespeicherten Personaldaten.«
«Bitte, darf man erfahren, welche Qualifikationen er besitzt?«Der Japaner. Höflich. Verschlagen.
«Commander Bellamy ist ein auch im Ausland bewährter Geheimdienstmann, der fünf Fremdsprachen spricht und bei vielen Einsätzen erfolgreich gewesen ist. Dabei hat er sich immer als sehr erfinderisch erwiesen. Er besitzt keine lebenden Verwandten mehr.«
«Weiß er, wie wichtig dieser Auftrag ist?«Der Engländer. Snobistisch. Gefährlich.
«Das weiß er. Wir rechnen fest damit, daß es ihm gelingen wird, alle Augenzeugen sehr rasch aufzuspüren.«
«Weiß er auch, welchen Zweck sein Auftrag in Wirklichkeit hat?«Der Franzose. Kritisch. Hartnäckig.
«Nein.«
«Und wenn er die Zeugen ausfindig gemacht hat?«Der Chinese. Clever. Geduldig.
«Dann wird er entsprechend belohnt.«
Im Washingtoner Pentagon nimmt die Zentrale des Office of Naval Intelligence den gesamten vierten Stock dieses weitläufigen Baus ein: Fünfundzwanzigtausend Soldaten und Zivilisten sind hier beschäftigt. Anfangs hatte die ziemlich sterile Ausstattung — Aktenschränke und Schreibtische in olivgrün oder schlachtschiffgrau — Robert Bellamy gestört, aber inzwischen hatte er sich längst daran gewöhnt.
Als er jetzt sein Büro betrat, saß seine Sekretärin Barbara bereits im Vorzimmer.
«Guten Morgen, Commander. Der Direktor möchte Sie in seinem Büro sprechen.«
«Das hat Zeit. Verbinden Sie mich bitte mit Admiral Whittaker.«
«Ja, Sir.«
Eine Minute später war er mit dem Admiral verbunden.
«Ich nehme an, daß Ihre Besprechung beendet ist, Robert?«
«Vor einer guten halben Stunde.«
«Wie ist’s gewesen?«
«Hmmm, recht… interessant. Hätten Sie Zeit, mit mir zu frühstücken, Admiral?«Robert bemühte sich um einen eher beiläufigen Tonfall.
Der Admiral zögerte keine Sekunde.»Natürlich. Treffen wir uns bei Ihnen?«
«Gern. Ich hinterlege einen Besucherausweis für Sie.«
«Danke, Robert. Wir sehen uns in einer Stunde.«
Eine Ironie des Schicksals, daß ich einen Besucherausweis für den Admiral hinterlegen muß, dachte Robert Bellamy, während er auflegte. Bis vor ein paar Jahren hat er als Chef des Marinenachrichtendienstes hier den Ton angegeben. Wie muß ihm zumute sein, wenn er jetzt wieder hierherkommt?
Robert drückte auf eine Taste seiner Gegensprechanlage.
«Commander?«fragte Barbara.
«Ich erwarte Admiral Whittaker. Bitte lassen Sie ihm einen Besucherausweis ausstellen.«
«Ich kümmere mich sofort darum.«
Jetzt wurde es Zeit, sich beim Direktor zu melden. Bei Dustin Thornton, diesem Scheißkerl.
Dustin» Dusty «Thornton, seit zwei Jahren ONI-Direktor und einer der besten Sportler, die Annapolis jemals hervorgebracht hatte, verdankte seine gegenwärtige exponierte Position einem Footballspiel. Einem Spiel zwischen Army und Navy, um es genau zu sagen.
In seinem letzten Studienjahr in Annapolis war Thornton, ein wahrer Monolith von einem Mann, in diesem für die Navy wichtigsten Spiel des Jahres als Verteidiger eingesetzt worden. Zu Beginn des letzten Viertels, als die Army durch zwei Touchdowns und eine Verwandlung mit 13: 0 führte, griff das Schicksal ein und veränderte Dustin Thorntons Leben. Thornton fing einen Army-Paß ab, durchbrach die gegnerische Phalanx und erzielte einen Touchdown. Dann gelang der Navy ein Feldtor. Das Spiel stand jetzt 13: 9.
Keine halbe Minute vor Spielende wurde ein Querpaß angezeigt. Thornton schnappte sich den Ball an der eigenen Zehnyardlinie, stürmte unaufhaltsam los und brach wie ein Panzer durch die gegnerischen Linien. Zwei Sekunden vor dem Abpfiff gelang ihm der Touchdown zum ersten Navy-Sieg seit vier Jahren. Das allein hätte sich nur wenig auf Thorntons Leben ausgewirkt. Bedeutsam wurde dieses Ereignis erst durch zwei Zuschauer in der Ehrenloge: Willard Stone und seine
Tochter Eleanor. Während die Massen aufsprangen, um den Navy-Helden lautstark zu bejubeln, wandte Eleanor sich an ihren Vater und sagte ruhig:»Ich möchte ihn kennenlernen.«
Als Frau war Eleanor Stone nicht leicht zufriedenzustellen. Während sie beobachtete, wie Dustin Thornton die gegnerischen Reihen aufrollte, stellte sie sich vor, wie er im Bett sein würde. Wenn alles an ihm so groß war wie sein übriger Körper… Sie wurde nicht enttäuscht.
Ein halbes Jahr später waren Eleanor und Dustin Thornton verheiratet. Damit fing alles an. Dustin arbeitete bei seinem Schwiegervater und wurde von ihm in eine neue, geheimnisvolle Welt eingeführt.
Williard Stone, ein Mann mit geheimnisumwitterter Vergangenheit und Milliardär mit besten Verbindungen zu Politikern, agierte in einem Dutzend Hauptstädten der Welt als Drahtzieher hinter den Kulissen. Stone war Ende Sechzig: ein pedantischer Mann, der stets überlegt und methodisch vorging. Die Augen in seinem scharfgeschnittenen Gesicht lagen tief in ihren Höhlen und wirkten undurchdringlich. Willard Stone hielt nichts davon, Worte oder Gefühle zu vergeuden, und kannte keine Skrupel, wenn es um die Durchsetzung seiner Ziele ging.
Zahlreiche Gerüchte rankten sich um seine Person. Man munkelte, er habe einen Konkurrenten in Malaysia ermordet, eine heiße Affäre mit der Lieblingsfrau eines Emirs gehabt und eine erfolgreiche Revolution in Nigeria unterstützt. Er war in ein halbes Dutzend Strafverfahren verwickelt gewesen, die jedoch alle auf geheimnisvolle Weise niedergeschlagen worden waren. Es gab Gerüchte über Schmiergelder, bestochene Senatoren und verschwundene Zeugen.
Dieser Mann, dessen Rat Könige und Präsidenten schätzten, verkörperte nackte, primitive Macht. Zu Stones vielen Besitztümern gehörte ein großer, abgelegener Landsitz in den Bergen Colorados, auf dem sich alljährlich Wissenschaftler, Industriebosse und Spitzenpolitiker aus aller Welt zu Seminaren versammelten. Schwerbewaffnete Wachposten hielten unerwünschte Besucher fern.
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