Sie stand vor dem Kang und maßregelte Alina, während sie sich ihre Gummihandschuhe überstreifte: »Du hörst zuerst mal mit Schreien und Weinen auf. Das hilft uns jetzt nicht weiter. Wenn du überleben möchtest, hör gut auf meine Anweisungen und tu genau das, was ich dir sage.«
Alina war wie vom Donner gerührt. Sie kannte Gugus glorreiche Herkunft und sagenumwobene Vergangenheit sehr wohl. Gugu sagte: »Du bist eine Spätgebärende, und dein Kind liegt in Querlage. Normalerweise kommen die Kinder zuerst mit dem Kopf, deines streckt zuerst einen Arm raus, der Kopf liegt im Leib.«
Später zog sie Chen Nase damit auf, dass er, bevor er es gewagt habe, den Kopf herauszustrecken, erst mal die Hand nach draußen aufgehalten habe. Nase antwortete immer: »Ich habe um Essen gebettelt.«
Gugu bewahrte einen kühlen Kopf, obschon es doch ihre erste Geburtshilfe war. Weil sie gewissenhaft war, erzielte sie ein hundertprozentig gutes Ergebnis, auch wenn das, was sie bisher gelernt hatte, nur die Hälfte war. Sie war die geborene Hebamme, sie tat vom Kopf her immer intuitiv das Richtige und auch ihre Hände hatten das richtige Gefühl für diesen Job. Alle, die ihr bei der Geburtshilfe zugesehen oder ihr Kind mit ihr bekommen hatten, lagen ihr bewundernd zu Füßen. Meine Mutter sagte mir später: »Die Hände deiner Tante sind eben anders, Hände normaler Leute sind mal kühl, mal heiß, mal steif, mal schweißnass, aber die deiner Tante sind sommers wie winters immer weich, immer kühl, aber nicht so eine teigige Weichheit, sondern, wie soll ich sagen ...«
Mein kluger großer Bruder antwortete: »Meinst du wie eine Nadel in der Baumwollwatte? Weiche Haut mit hartem Kern?«
»Genau das wollte ich sagen«, meinte meine Mutter. »Sie hatte auch keine eisig kalten Hände, es war, wie soll ich sagen ...«
Wieder ergriff mein Bruder das Wort: »Außen kühl, innen warm, eine Kühle wie Seide oder teure Jade.«
»Genauso ist es«, erwiderte meine Mutter, »schon das Auflegen der Hände mildert die Beschwerden des Kranken gleich um mehr als die Hälfte.«
Gugu wurde von den Dörflern – fast kann man sagen – in den Stand einer Göttin erhoben.
Alina hatte immer Glück gehabt. Und, was besonders zählte, sie war nicht dumm. Als meine Tante die Hand auf ihren Bauch legte, konnte sie einen Energiefluss spüren. Später erklärte sie allen Leuten, meine Tante hätte das Auftreten eines Generals gehabt. Verglichen mit ihr war die neben dem Pisspott hockende Alte eine Witzfigur. Mit Tantes medizinisch versierter Art und ihrem Eindruck schindenden Auftreten schüchterte sie ein und motivierte zugleich. Die Gebärende Alina schöpfte wieder Hoffnung und Mut. Der sie zerreißende Schmerz trat in den Hintergrund. Sie hörte mit Weinen auf, hörte auf Gugus Anweisungen, ging bei Gugus Bewegungen mit und hatte ihren großnasigen Säugling alsbald geboren.
Chen Nase atmete nicht, als er zur Welt kam. Also hielt Gugu ihn mit dem Kopf nach unten und klopfte ihm auf Brust und Rücken, bis er endlich ein Schreien hören ließ. Er hatte ein Stimmchen wie ein Kätzchen.
»Was hat der Kleine für eine große Nase? Der sieht ja wie ein Ami aus!« Gugu war freudig erregt, wie ein Handwerker, der gerade sein Meisterstück fertig gestellt hat. Über das erschöpfte Gesicht der Mutter huschte ein strahlendes Lächeln. Meine Tante hat ein starkes Klassenbewusstsein. Dennoch ... im Augenblick der Geburt, wenn das Kind mit ihrer Hilfe durch den Geburtskanal kommt, vergisst sie Klassen und Klassenkampf. Die empfundene Freude ist ehrliche Menschenliebe.
Als die alte Wehmutter brüllte, es sei ein Sohn geboren, rappelte Chen Stirn sich auf und fing an, sich wie ein Besessener auf dem winzigen Platz vor dem Herd im Kreis zu drehen. Aus seinen vertrockneten Augenhöhlen rannen zwei honiggelbe Tränenrinnsale. Seine unbändige Freude ist unmöglich in Worte zu fassen. Es gab so viel, das er nicht auszusprechen wagte, die Verehrung der Familienahnen, das täglich brennende Räucherwerk am Hausaltar, die Ahnenhalle des Clans, die Großfamilie ... für einen wie ihn war das bloße Aussprechen ein Schwerstverbrechen.
Meine Tante sagte: »Mit solch einer großen Nase nenne ihn Chen Nase!«
Gugu sagte es nur so zum Spaß, aber Chen Stirn nickte, als habe er eine göttliche Weisung empfangen, senkte den Kopf und machte einen Diener: »Gugu, ich danke dir für dein gütiges Namensgeschenk! Chen Nase ist ein guter Name, nennen wir ihn Nase!«
Meine Tante packte unter Chen Stirns Dankesbezeugungen neben der tränenüberströmten Alina ihren Arzttornister und machte sich zum Aufbruch fertig. Ihr Blick fiel auf Tian Guihua, die an die Wand gelehnt, vor sich den Nachttopf, dasaß und eingeschlafen schien. Gugu konnte sich nicht erinnern, wann die Alte diese Stellung eingenommen hatte, auch nicht, wann ihr Schreien, das jedem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte, aufgehört hatte. Hatte sie doch angenommen, dass sie längst tot sei! Aber dort im Dunkel funkelte ein Augenpaar giftgrün wie Katzenaugen! Sie war noch am Leben! Schäumende Wut wallte wieder auf: »Was fällt dir ein hierzubleiben? Marsch, verdrück dich!«
Da hatte die Alte doch die Frechheit zu sagen: »Diesen Job haben wir gemeinsam gemacht, darum gilt halbe-halbe. Aber weil du mich am Kopf verletzt hast – ich bin nett zu dir und werde dich nicht bloßstellen und auch nicht bei der Polizei anzeigen! –, werde ich den Lohn, zwei Handtücher und zehn Hühnereier, nicht teilen. Mit den Tüchern werde ich meine Kopfverletzung verbinden und die fünf Eier, die du sonst bekommen hättest, zur Stärkung essen.«
Da erst kam Gugu zu Bewusstsein, dass die Wehmutter Geld von der Wöchnerin wollte. Wie hasste sie diese Person!
»Du schamloses Vieh! Was willst du hier zur Hälfte gemacht haben? Wenn du«, Gugu biss grimmig die Zähne zusammen, »es zu Ende gemacht hättest, lägen hier jetzt zwei Leichname auf dem Bett. Du alte Hexe meinst, die Scheide der Frauen sei wie ein Hühnerpo, man quetscht, und hinten plumpst ein Ei raus? Das soll Geburtshilfe sein? Ich sage dir, das ist Totschlag, Mord! Und du willst mich anzeigen?«
Wie ein Kungfu-Meister holte sie mit dem Fuß aus und verpasste der Alten einen Tritt gegen das Kinn: »Handtuch und Hühnereier willst du?« Noch einen Tritt in den Hintern verpasste sie ihr. Dann schleifte sie sie, in der einen Hand ihren Arzttornister, in der anderen Hand den Haardutt der Alten, zum Hof hinaus. Chen Stirn trat aus dem Haus und wollte Frieden stiften, aber Gugu keifte ihn an: »Marsch, ins Haus mit dir! Kümmere dich um deine Frau!«
Meine Tante erzählte mir, damals hätte sie zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden geschlagen, und sie habe ja nicht gewusst, dass sie so klasse prügeln konnte. Vor dem Hof gab sie der Alten einen dritten Tritt, die kippte vornüber und machte eine Rolle, rappelte sich auf, bis sie auf dem Boden zu sitzen kam, und schrie aus Leibeskräften, während sie mit beiden Fäusten auf den Boden trommelte: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Totschlag ... die Räubertochter des Liu Wanfu hat mich totgeschlagen ...«
Es war Abend, ein wunderschöner Sonnenuntergang mit pinkfarbenem Abendrot, eine leichte Brise ging, fast alle Dörfler standen mit ihren Näpfen am Wegrand und aßen zu Abend, als sie das grässliche Schreien hörten. Sie rannten zu Chens Hof und umringten die Alte. Dorfparteizellensekretär Yuan Gesicht und Brigadeleiter Lü Zahn waren auch gekommen. Tian Guihua war eine entfernte Tante von Zahn, deswegen hielt er erst mal zur Verwandtschaft und maßregelte Gugu: »Schämst du dich gar nicht, Wan Herz? Ein junges Mädchen wie du und schlägst eine alte Frau?«
Gugu erwiderte: »Wer ist dieser Knilch Lü Zahn? Dieses Vieh schlägt seine Frau, dass sie auf dem Boden kriecht, und will mich hier maßregeln? Welche alte Frau überhaupt? Die alte Hexe! Todbringerin! Frag sie mal, was sie so treibt! Wie viele sind unter ihrer Hand gestorben! Kinder hört mal her, Muttern sagt euch eins, hätte ich eine Knarre, würde ich sie auf der Stelle abknallen!«
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