Knecht muß damals etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein und war Lateinschüler in dem Städtchen Berolfingen am Rande des Zaberwaldes, das vermutlich auch sein Geburtsort gewesen ist. Zwar war der Knabe schon längere Zeit Stipendiat der Lateinschule und war vom Lehrerkollegium, am eifrigsten vom Musiklehrer, schon zwei- oder dreimal der obersten Behörde zur Aufnahme in die Eliteschulen empfohlen worden, aber er wußte davon nichts und hatte noch keinerlei Begegnung mit der Elite oder gar mit den Meistern der obersten Erziehungsbehörde erlebt. Da wurde ihm von seinem Musiklehrer (er lernte damals Violine und Laute) mitgeteilt, es werde in Bälde vielleicht der Musikmeister nach Berolfingen kommen, um den Musikunterricht an der Schule zu inspizieren, Josef möge also brav üben und sich und seinen Lehrer nicht in Verlegenheit bringen. Die Nachricht erregte den Knaben aufs tiefste, denn natürlich wußte er genau, wer der Musikmeister sei und daß er nicht nur, wie etwa die zweimal jährlich erscheinenden Schulinspektoren, aus irgendeiner der höheren Regionen der Erziehungsbehörde komme, sondern einer der zwölf Halbgötter, einer der zwölf obersten Leiter dieser ehrwürdigsten Behörde und für das ganze Land die oberste Instanz in allen musikalischen Angelegenheiten sei. Der Musikmeister selbst, der Magister Musicae in Person, würde also nach Berolfingen kommen! Es gab in der Welt nur eine einzige Person, welche dem Knaben Josef vielleicht noch sagenhafter und geheimnisvoller gewesen wäre: der Glasperlenspielmeister. Für den angekündigten Musikmeister erfüllte ihn im voraus eine ungeheure und ängstliche Ehrfurcht, er stellte sich diesen Mann bald wie einen König, bald wie einen Zauberer vor, bald wie einen der zwölf Apostel oder einen der sagenhaften großen Künstler der klassischen Zeiten, etwa einen Michael Prätorius, einen Claudio Monteverdi, einen J. J. Froberger oder Johann Sebastian Bach – und er freute sich ebenso tief auf den Augenblick, da dies Gestirn erscheinen würde, wie er sich vor ihm fürchtete. Daß einer der Halbgötter und Erzengel, daß einer der geheimnisvollen und allmächtigen Regenten der geistigen Welt hier im Städtchen und in der Lateinschule leibhaftig erscheinen, daß er ihn sehen sollte, daß der Meister ihn vielleicht anreden, ihn prüfen, ihn tadeln oder loben sollte, das war eine große Sache, war eine Art Wunder und seltne Himmelserscheinung; auch geschah es, wie die Lehrer versicherten, seit Jahrzehnten zum erstenmal, daß ein Magister Musicae in eigener Person die Stadt und die kleine Lateinschule besuchte. Der Knabe dachte sich das Bevorstehende in vielen Bildern aus, er dachte sich vor allem eine große öffentliche Festlichkeit und einen Empfang, wie er ihn einmal beim Amtsantritt des neuen Bürgermeisters erlebt hatte, mit Blechmusik und beflaggten Straßen, vielleicht sogar mit Feuerwerk, und auch Knechts Kameraden hatten solche Vorstellungen und Hoffnungen. Seine Vorfreude wurde nur durch den Gedanken gedämpft, daß er selber vielleicht diesem großen Mann allzu nahe kommen und vor ihm, dem großen Kenner, mit seiner Musik und mit seinen Antworten sich ganz unerträglich blamieren könne. Aber diese Angst war nicht nur quälend, sie war auch süß, und ganz heimlich und uneingestanden fand er doch das ganze erwartete Fest samt Flaggen und Feuerwerk lange nicht so schön, so aufregend, wichtig und trotz allem wunderbar freudig wie eben den Umstand, daß er, der kleine Josef Knecht, diesen Mann aus nächster Nähe sehen sollte, ja daß jener ein klein wenig auch seinetwegen, Josefs wegen, diesen Besuch in Berolfingen mache, denn er kam ja, um den Musikunterricht zu prüfen, und der Musiklehrer hielt es offenbar für möglich, daß er auch ihn prüfen werde.
Aber vielleicht, ach, wahrscheinlich würde es doch nicht dazu kommen, es war ja kaum möglich, gewiß würde der Meister andres zu tun haben, als sich von kleinen Buben auf der Geige vorspielen zu lassen, er würde doch wohl nur die älteren und fortgeschrittensten Schüler sehen und hören wollen. Mit solchen Gedanken erwartete der Knabe den Tag, und der Tag kam und begann mit einer Enttäuschung: es schallte keine Musik in den Gassen, es hingen keine Fahnen und Kränze an den Häusern, und man mußte wie jeden Tag seine Bücher und Hefte nehmen und in den gewohnten Unterricht gehen, und selbst im Klassenzimmer war nicht die kleinste Spur von Schmuck und Festlichkeit zu sehen, es war alles so wie jeden Tag. Der Unterricht begann, der Lehrer trug denselben Alltagsrock wie immer, mit keiner Rede, mit keinem Wort gedachte er des großen Ehrengastes.
Aber in der zweiten oder dritten Schulstunde kam es dennoch; es wurde an die Tür gepocht, es kam der Schuldiener herein, grüßte den Lehrer und meldete, der Schüler Josef Knecht habe in einer Viertelstunde beim Musiklehrer zu erscheinen und möge darauf achten, sich anständig zu kämmen und die Hände und Fingernägel zu reinigen. Knecht wurde blaß vor Schreck, taumelnd verließ er die Schule, lief ins Internat hinüber, legte seine Bücher ab, wusch und kämmte sich, nahm zitternd seinen Violinkasten und sein Übungsheft und schritt, mit Würgen in der Kehle, zu den Musikstuben im Anbau. Ein aufgeregter Mitschüler empfing ihn auf der Treppe, deutete auf ein Übungszimmer und meldete; »Hier sollst du warten, bis man dich ruft.«
Es dauerte nicht lange und war ihm doch eine Ewigkeit, bis er vom Warten erlöst wurde. Es rief ihn niemand, aber es trat ein Mann herein, ein ganz alter Mann, wie es ihm anfangs schien, ein nicht sehr großer, weißhaariger Mann mit einem schönen lichten Gesicht und mit durchdringend blickenden hellblauen Augen, deren Blick man hätte fürchten können, aber er war nicht nur durchdringend, sondern auch heiter, er war von einer nicht lachenden oder lächelnden, sondern stillglänzenden, ruhigen Heiterkeit. Er gab dem Knaben die Hand und nickte ihm zu, setzte sich bedächtig auf den Hocker vor dem alten Übungsklavier und sagte: »Du bist Josef Knecht? Dein Lehrer scheint mit dir zufrieden zu sein, ich glaube, er hat dich gern. Komm, wir wollen ein wenig miteinander musizieren.« Knecht hatte seine Geige schon vorher ausgepackt, der alte Mann schlug das A an, und der Knabe stimmte, dann sah er den Musikmeister fragend und ängstlich an.
»Was möchtest du gern spielen?« fragte der Meister. Der Schüler brachte keine Antwort heraus, er war von Ehrfurcht für den Alten bis zum Überfließen angefüllt, noch nie hatte er einen solchen Menschen gesehen. Zögernd griff er nach seinem Notenheft und hielt es dem Manne hin.
»Nein,« sagte der Meister, »ich möchte, daß du auswendig spielst und kein Übungsstück, sondern irgend etwas Einfaches, was du auswendig kannst, vielleicht ein Lied, das du gern hast.«
Knecht war verwirrt und von diesem Gesicht und diesen Augen bezaubert, er brachte keine Antwort heraus, er schämte sich seiner Verwirrung sehr, aber sagen konnte er nichts. Der Meister drängte nicht. Er schlug mit einem Finger die ersten Töne einer Melodie an, sah den Knaben fragend an, der nickte und spielte die Melodie sofort und freudig mit, es war eins von den alten Liedern, die in der Schule oft gesungen wurden.
»Noch einmal!« sagte der Meister. Knecht wiederholte die Melodie, und der Alte spielte jetzt eine zweite Stimme dazu. Zweistimmig klang nun das alte Lied durch die kleine Übungsstube.
»Noch einmal!«
Knecht spielte, und der Meister spielte die zweite und eine dritte Stimme dazu. Dreistimmig klang das schöne alte Lied durch die Stube.
»Noch einmal!« Und der Meister spielte drei Stimmen hinzu.
»Ein schönes Lied!« sagte der Meister leise. »Spiele es jetzt einmal in der Altlage!«
Knecht gehorchte und spielte, der Meister hatte ihm den ersten Ton angegeben und spielte nun die drei andern Stimmen dazu. Und immer wieder sagte der Alte; »Noch einmal!,« es klang jedesmal fröhlicher. Knecht spielte die Melodie im Tenor, immer von zwei bis drei Gegenstimmen begleitet. Viele Male spielten sie das Lied, es war keine Verständigung mehr nötig, und mit jeder Wiederholung wurde das Lied ganz von selbst reicher an Verzierungen und Rankenspiel. Der kahle kleine Raum mit dem frohen vormittäglichen Licht klang festlich von den Tönen wider.
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