Witiko. »Wenn ich das weiß, um was Ihr fragt«, sagte der Krämer. »Habt Ihr ihn etwa mit einem andern, der einen grauen Bart hat,
öfter gesehen?« fragte Witiko. »Ja, sehr oft«, antwortete der Krämer. »Habt Ihr diese Männer auch in der Weite gesehen, wenn Ihr so
herum kommt, auch jenseits des Waldes, in diesem Sommer?«
fragte Witiko. »Sie sind im Frühlinge bis auf diese Zeit herzu von dem Grafen von Formbach eingesperrt gehalten worden«, sagte der Krämer.
»Wißt Ihr das gewiß?« fragte Witiko. »So gewiß, weil ich diesem Manne da Linnen von seiner Mutter
bringen mußte«, antwortete der Krämer, »ich habe sie ihm in sein Verlies getragen, wo auch der andere war.« »Kennt Ihr sie genauer?« fragte Witiko.
»Sie kommen zuweilen an meinen Karren, und haben mir nie ein Leides getan«, antwortete der Krämer.
»Welche sind ihre Namen?« fragte Witiko.
»Sie heißen beide Heinrich, wie der junge Herzog«, antwortete der Krämer.
»Ich danke Euch und dem Wirte für die Antworten«, sagte Witiko.
Dann wendete er sein Angesicht gegen den Gefangenen, und sprach: »Ich habe dir vor vier Jahren hier gesagt, daß ich dir einmal einen Dienst erweisen werde. Jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Ich lasse dich frei; aber merke dir: ich bin oft in diesen Wäldern, oft in dem der drei Sessel, und weiter gegen Morgen. Ich werde mir in dem Walde ein Haus bauen, und wenn ich dich einmal mit Waffen in dem Walde treffe, so lasse ich dich auf dem Baume, unter dem du stehst, aufhängen. Sage das auch deinem Genossen. Ich erfülle meine Worte, wie ich sie jetzt erfüllt habe. Raimund, löse ihm die Bande.«
Raimund band zuerst seinen langen Strick los, dann entfernte er den Knebel, und löste die Schleife um die Hände.
»So, jetzt laufe, so weit dich deine Füße tragen«, sagte er.
Der Mann rieb sich mit den Händen die Knöchel, und strich mehrere Male über sein Koller herab. Dann sagte er: »Schönen Dank, schönen Dank.«
»Geh«, sagte Witiko.
»Ich würde um die Armbrust bitten«, sagte der Mann.
»Die Armbrust wird zerbrochen werden«, sprach Witiko, »du, gehe.«
»So geh um deines Heiles willen«, rief ihm Raimund zu.
Der Mann ging nun von dem Hause weg gegen die Bäume, und wurde dann hinter denselben nicht mehr gesehen.
»Zerschlage mit deinem Beile die Armbrust«, sagte Witiko zu Raimund.
Dieser zerhieb das Holzwerk der Armbrust und den Strang mit dem Beile. Den eisernen Bogen zerbrach er dadurch, daß er ihn mit der Wölbung nach oben legte, und auf ihn sprang.
Da dieses geschehen war, bestellte Witiko Speise und Trank für sich und seine Begleiter.
Als sie die Speisen verzehrt hatten, und als die Pflege der Pferde vollendet war, ritten sie wieder weiter.
Sie ritten in einer Richtung zwischen Mittag und Abend an Gehölzen, Waldhütten, kleinen Wiesen und Feldern vorüber, und kamen, da die Sonne sich zu ihrem Untergange neigte, gegen die Stadt Passau.
Sie ritten über den Hals an die Ilz hinab, neben der Ilz an die Donau hinaus, dann zwischen der Donau und den Felsgesteinen eine Strecke dem Wasser entgegen, bis sie zu einer Brücke kamen. Dann ritten sie über die Brücke in die Stadt.
Witiko ritt durch eine lange Gasse, die zwei andern folgten ihm.
Er gelangte aus der Gasse auf einen freien Platz, der über die andere Stadt erhöht war. An einer Seite dieses Platzes stand die große Kirche des Hochstiftes Passau.
Witiko ritt an der Kirche vorüber in der Richtung gegen Morgen von dem Hügel abwärts. Da kamen sie an ein sehr großes Haus, das eine dunkle Farbe hatte, und in breiten Gliedern gebaut war. Witiko hielt an einer Pforte dieses Hauses an, neigte sich von dem Pferde, und schlug mit dem eisernen Klöppel, der sich an dem Tore befand, drei Mal auf die Eisenschiene, auf welche der Klöppel paßte. Es öffnete sich hierauf ein kleines Türchen in dem Tore, und unter dem Türchen stand ein Mann, der eine veilchenfarbene Haube und ein veilchenfarbenes Mäntelchen hatte, sonst aber in ein gelbes Wams und in gelbe Beingewandung gekleidet war. Er hatte weiße Haare und einen weißen Bart. Dieser Mann sagte: »Was begehret ihr?«
»Wir begehren zu dem hochehrwürdigen Bischofe von Passau«, sagte Witiko, »da wir ihm Nachrichten bringen.«
»Ich hätte es nicht geglaubt«, antwortete der Mann, »daß Ihr so bald wieder kommen werdet, Witiko, weil Ihr einen so großen Schmerz um den Tod des Bischofes Regimar empfunden habt, und weil Ihr fort geritten seid. Wie ist es Euch denn ergangen?«
»Ich werde dir schon meine Schicksale erzählen, Odilo«, sagte Witiko, »aber jetzt ist mir daran gelegen, zu dem Bischofe zu gelangen.«
»Wenn ich sagte, daß ich nicht eine große Freude habe, Euch wieder zu sehen«, antwortete der Mann, »so wäre es eine Lüge. Und zu dem hochehrwürdigen Bischofe werde ich Euch weisen; denn er schenkt mir das Vertrauen, das mir der selige Herr Regimar geschenkt hat. Und ist denn der Krieg aus, in welchem Ihr gewesen seid?«
»Jetzt ist er aus«, sagte Witiko, »und ich weiß, daß du in dem Hause als der Torwart viel giltst, und du wirst uns das Tor öffnen, daß wir einreiten, die Pferde unterbringen, und zu dem hochehrwürdigen Bischofe gehen können.«
»Ja«, sagte der Mann, »und ich habe mit dem hocherhabenen Bischofe von Euch gesprochen, wie Ihr klug gewesen seid, und tapfer sein werdet. Und wenn Ihr meint, daß ich einem Freunde, der an mein Tor klopft, die Gastlichkeit verweigere, so irret Ihr Euch.«
Er wendete sich in dem Türchen um, und rief nach innen: »Hans!«
»Ja«, ertönte im Innern eine sehr starke Stimme.
»Schließe auf«, sagte der Torwart.
Hierauf rasselten hinter dem Tore Eisenstangen, der andere Flügel, in welchem sich kein Türlein befand, wurde geöffnet, und ein sehr großer junger Mann stand an dem Flügel. Er hatte wie der Torwart ein veilchenfarbenes Mäntelchen, aber auf seinem Haupte war eine Eisenhaube, um seine Brust ein Harnisch, und an seinen Beinen Schienen.
Witiko und seine Begleiter ritten an dem Manne vorüber in einen großen Hof. Dort hielten sie an, und stiegen von den Pferden. Der Torwart und der junge Mann gingen ihnen nach.
»Hans«, sagte der Torwart, »rufe die Stallbuben, und gehe zu Rudolph, dem Steiner.«
Der junge Mann rief gegen die Vertiefung des Hofes, und ging dann in das Gebäude.
Es kamen drei Stallbuben, und wollten die Pferde hinwegführen.
»Wartet noch«, sagte Witiko.
Die Stallbuben und alle andern blieben bei den Pferden stehen.
Hans kam wieder aus dem Gebäude, und ein ritterlich gekleideter junger Mann ging neben ihm.
Da sie herzu gekommen waren, sagte der Torwart: »Dieser ist der Schüler Witiko, und sie haben für den hochehrwürdigsten Bischof Nachrichten. Ich empfehle Witiko.«
»Sei mir gegrüßt, du treues Blut«, sagte der ritterlich gekleidete Mann.
»Sei gegrüßt, Rudolph«, sagte Witiko, »wir sollten zu dem hochehrwürdigen Bischofe.«
»Wir sind nicht mehr in der Schule des Bischofes, Witiko«, antwortete Rudolph, »aber einer sollte den andern so lieben wie damals, und ich liebe dich, Witiko. Gehe nur mit deinen Knappen über die Treppe zu der Rathalle, und von ihr in den roten Saal, und dort harre. Morgen werden wir mit einem Feste den Gruß erst recht begehen, weil du wieder da bist.«
»Das werden wir tun«, sagte Witiko.
Nachdem dieses gesprochen war, ging Rudolph wieder durch eine Tür in das Gebäude zurück.
Witiko sagte zu den Stallbuben: »Jetzt zeigt uns den Weg zur Unterbringung der Pferde.«
Die Buben zeigten den Weg, und halfen die Pferde in den Stall führen.
Als die ersten Notwendigkeiten geschehen waren, sagte Witiko zu seinen Begleitern, sie mögen ihm folgen.
Er ging mit ihnen wieder in den Hof hinaus. Dort stand noch der Torwart und Hans.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу