„Wie jemand, den wir vor langer Zeit gekannt haben, das ist alles“, sagte sie. „Komm schon, Opa Roy muss Papa kennen lernen.“
Chantelle wurde plötzlich eifrig. „Ich werde ihn holen.“ Sie strahlte und rannte zurück nach drinnen.
Emily seufzte. Sie verstand, warum ihr Vater von Chantelle so geschockt gewesen war, aber ein Fremder, der sie so anstarrte - als wäre sie ein Geist - war das letzte, was das Kind brauchte.
„Sie ist wirklich nicht dein biologisches Kind?“, fragte Roy in der Sekunde, in der das Kind verschwunden war.
Emily schüttelte den Kopf. „Ich weiß, es ist verrückt. Sie ist genauso feinfühlig wie sie. Und freundlich. Lustig. Kreativ. Ich kann es kaum erwarten, dass du sie kennenlernst.“ Dann brach ihre Stimme als ihr plötzliche der bange Gedanken kam, dass Roy vielleicht nicht bleiben würde, dass dies nur eine kurze Stippvisite war. Vielleicht hätte sie gar nicht erfahren sollen, dass er hier gewesen war. Vielleicht war es sein Plan, sie zu meiden und nur kurz aufzutauchen und wieder zu verschwinden, bevor sie mitbekam, dass er zurück war. So wie bei seinen heimlichen Ausflügen in seinem heruntergekommenen Auto, das Trevor von seinem Spionagefenster aus gesehen hatte. Sie rieb sich unbeholfen hinter ihrem Ohr. „Das heißt, wenn du Zeit hast.“
„Ich habe Zeit.“ Roy nickte und das kleine Flattern eines Lächelns erschien auf seinen Lippen.
In diesem Moment kam Chantelle zurück und zog Daniel hinter sich her. Er blieb an der Tür stehen und sah Roy an.
„Opa Roy?“, fragte er und hob die Augenbrauen, wobei er den Namen, den Chantelle so unschuldig an ihn weitergegeben hatte, deutlich wiederholte.
Emily sah den Blick, den die beiden austauschten und erinnerte sich daran, wie Daniel ihr von diesem Sommer erzählt hatte, als er ein Teenager gewesen war und einen Freund gebraucht hatte. Und wie Roy für ihn da gewesen war und ihm geholfen hatte, sein Leben wieder auf Kurs zu bringen. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass Roys sichere Rückkehr nach Sunset Harbor für Daniel genauso viel bedeutete wie für sie.
Roy bot Daniel seine Hand an, um sie zu schütteln. Aber zu Emilys Überraschung nahm Daniel die Hand und zog Roy in eine feste Umarmung. Sie spürte ein seltsames Ziehen in ihrer Brust, eine eigenartige Emotion, die irgendwo zwischen Freude und Trauer lag.
„Ich denke du hast Daniel schon mal getroffen“, sagte Emily und ihre Stimme brach erneut.
„Das habe ich“, antwortete Roy, als Daniel ihn aus seiner Umarmung entließ und ihn stattdessen an den Schultern fasste. Er schien von Gefühlen überwältigt zu sein, dabei, die feine Trennlinie zwischen Freudentränen und erleichterndem Lachen zu überschreiten.
„Wir werden heiraten“, fügte Emily etwas verdutzt hinzu.
„Ich weiß“, sagte Roy und grinste von einem Ohr zum anderen. „Ich habe deine E-Mail gelesen. Ich freue mich so.“
„Kommst du mit rein?“, fragte Daniel Roy leise.
„Wenn ich darf“, antwortete Roy und klang besorgt, dass er nicht wieder in Emilys Leben aufgenommen werden würde.
„Natürlich“, rief Emily aus. Sie umklammerte fest seine Hand und versuchte ihm damit zu zeigen, dass alles in Ordnung war, dass er hier willkommen war und akzeptiert wurde, dass seine Rückkehr zu ihr ein freudiges Ereignis war.
Roys Gesicht schien erleichtert zu sein. Er entspannte sich sichtlich, als wäre eine Last von ihm genommen, um die er sich Sorgen gemacht hatte.
Als sie zur Tür gingen, wurde Emily plötzlich bewusst, dass das Haus, das ihr Vater vor über zwanzig Jahren aufgegeben hatte, keine Ähnlichkeit mit seiner früheren Erscheinung mehr hatte. Sie hatte alles übernommen, alles verändert und hatte es von einem Familienheim in eine Pension verwandelt. Ob er darüber verärgert sein würde?
„Wir haben ein paar Renovierungsarbeiten gemacht“, sagte sie schnell.
„Emily Jane“, antwortete ihr Vater mit freundlicher, fester Stimme. „Ich weiß, dass du hier lebst und das Haus jetzt eine Pension ist. Das ist gut. Das freut mich für dich.“
Sie nickte, war aber immer noch besorgt, ihn hereinzulassen. Chantelle ging voran, und einer nach dem anderen gingen sie in die Empfangshalle. Roy bildete das Schlusslicht, sein Gang war langsamer und steifer, als es Emily in Erinnerung hatte.
Er blieb in der Halle stehen und sah sich mit vor Erstaunen und Ehrfurcht aufgerissenem Mund um. Als er die Empfangstheke sah, weiteten sich seine Augen.
„Ist das …“
„Dieselbe, die du an Rico verkauft hast?“, sagte Emily. „Ja.“
Die Pension war ursprünglich ein Gästehaus gewesen, bevor es die Besitzer verlassen hatten. Roys Geschichte mit dem Haus spiegelte sich gegenteilig in ihrer wider. Er hatte gewollt, dass dieser Ort ein Zuhause für die Familie und ein Zufluchtsort für den Sommerurlaub war. Emily hatte es wieder in ein Gästehaus verwandelt, in ein Geschäft.
„Ich kann nicht glauben, dass er sie all die Jahre behalten hat“, sagte Roy überrascht und sah immer noch auf die Theke. Dann sah er zurück zu Emily. „Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich sie ihm verkauft habe?“
Emily schüttelte stumm den Kopf.
„Du hast nachdrücklich darauf bestanden, dass ich sie nicht verkaufen sollte“, sagte er mit einem Kichern. „Du hattest eine Barbie in jede Schublade gelegt und gesagt, es wäre ein Krankenhaus für deine Puppen.“
„Ich glaube, ich erinnere mich“, antwortete Emily und fühlte sich etwas melancholisch.
„Rico war sehr nett“, fügte Roy hinzu. „Er hat dir geholfen, deine „Patienten“ an einen anderen Ort zu „transferieren“. Ich glaube, du hast den Schrank unter der Spüle gewählt.“ Auch er wurde etwas wehmütig und lenkte seine Aufmerksamkeit weg von der Rezeption und wieder hin zu den Renovierungsarbeiten. „Das ist wirklich unglaublich. Du hast einen tollen Job gemacht.“
Der stolze Klang in seiner Stimme ließ Emilys Herz erzittern. Dieser Moment war so viel mehr, als sie sich hätte erhoffen können. Es war perfekt.
„Soll ich dich rumführen?“
Roy nickte. Emily führte ihn zuerst in die Küche. Von dort hörten sie die Hunde, die in der Waschküche bellten.
„Ich weiß nicht, was ich zuerst kommentieren soll“, rief Roy und sah sich in der komplett restaurierten Küche mit den original Retro-Geräten und Dekorationen, die noch von ihm stammten, um. „Die erstaunliche Renovierung oder die Tatsache, dass du Haustiere hast!“
„Das ist Mogsy und ihr Welpe Rain“, verkündete Chantelle, öffnete die Tür der Waschküche und erlaubte den beiden, hereinzukommen.
Sie eilten zu Roy, schnüffelten an ihm und versuchten, seine Wangen zu lecken. Roy lachte, was die feinen Linien um sein Gesicht deutlicher hervortreten lies und kraulte die beiden hinter den Ohren.
„Wir lassen sie normalerweise nicht durch die Küche rennen“, erklärte Emily. „Aber da es ein besonderer Anlass ist …“
Ihre Stimme brach, als die schmerzvolle Melancholie, die sie zuvor gefühlt hatte, zurückkehrte. Mit ihrem Vater zusammen zu sein, sollte nicht „besonders“ sein. Es war von ihm zu etwas Besonderem gemacht worden, als er gegangen war.
Aus seiner kauernden Haltung sah er zu ihr auf, sein Blick war voller Bedauern.
Plötzlich verspürte Emily einen Anflug von Wut. Ein Teil ihres tief vergrabenen Schmerzes begann an die Oberfläche zu kommen.
„Lass uns ins Esszimmer gehen“, sagte sie hastig und weil sie nicht wollte, dass es hochkam.
Sie gingen in den Raum mit dem großen Eichentisch. Roy bemerkte sofort, dass der schwere Gardinenvorhang, der einst über der Tür des Ballsaals hing, nicht mehr da war.
„Du hast den Ballsaal gefunden“, sagte er.
Etwas an dem Kommentar irritierte Emily. Dies war kein Versteckspiel. Sie fühlte die Hitze in ihre Wangen kriechen.
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