„Damit es unser besonderes Morey-Familien-Geheimnis ist“, erklärte Emily, während sie ihr auf die Nase tippte. „Dann macht das Ganze noch viel mehr Spaß.“
Daniel sah mit erleichterter Miene auf, vermutlich, weil Emily sich um die delikate Situation kümmerte.
Chantelles Stirnrunzeln wich Misstrauen, was jedoch genauso schnell verschwand, wie es gekommen war.
„Okay!“, sagte sie zustimmend, während sie die Augenbrauen hochzog. „Aber was ist mit Papa Roy? Er gehört auch zur Familie, aber er ist ein Mitchell und kein Morey.“
Emily dachte einen Moment über diese Frage nach. Was war mit ihrem Vater? Sollte sie es ihm vor dem Ende des ersten Trimesters erzählen? Sollte sie es überhaupt jemandem erzählen? Sie brauchte emotionale Unterstützung, so viel war sicher. Sie wusste einfach nicht, wer dafür am besten geeignet wäre. Ihr Vater war erst vor kurzem wieder in ihr Leben getreten. Sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, Vater, Schwiegervater und nun auch Großvater zu sein!
„Vielleicht in einer Weile“, sagte sie zu Chantelle. „Für jetzt ist es ein Geheimnis zwischen uns drei. Okay?“
Chantelle tat so, als würde sie sich den Mund verschließen. Dann formte sie mit den Lippen stumm die Worte: „Ich liebe dich.“
Emily lächelte in sich hinein und erwiderte die Geste. Der Augenblick war so perfekt, so wunderschön. Sie schätzte sich glücklich, dass ihre Familie so perfekt zusammengefunden hatte.
*
In dieser Nacht lagen Emily und Daniel zusammen im Bett.
„Ich kann nicht schlafen“, gestand Emily, während sie sich auf die Seite rollte, um ihn anzusehen.
Dabei spürte sie, wie sich Daniels Hand unter der Decke beschützerisch auf ihren Bauch legte.
„Warum wohl?“, entgegnete er mit einem Glucksen.
Emily legte ihre Hand auf seine. „Ich weiß, ich kann selbst noch gar nicht glauben, dass es wahr ist. Vielleicht glaube ich es erst, wenn ich bei einem Arzt war und ein Ultraschallbild gesehen habe.“
„Ein Ultraschallbild“, wiederholte Daniel ehrfürchtig. „Bei Chantelle hatte ich nie die Möglichkeit, all das zu erleben.“
Er tat Emily leid. Daniel hatte so viel von Chantelles frühem Leben, einschließlich ihrer Geburt, verpasst. Diesmal würden die Dinge anders sein. Er würde jeden Moment im Leben ihres Babys miterleben, das erste Lächeln, das erste Niesen, den ersten Schritt. Der Gedanke wärmte ihr Herz.
„Wann werden wir also unser Baby sehen?“, fragte Daniel. „Wann ist der erste Ultraschall?“
„Ich denke bei zwölf Wochen“, antwortete Emily, die erkannte, dass sie selber nicht sonderlich viel über das wusste, was gerade geschah. Ihre Schwangerschaft war etwas, bei dem sie gemeinsam lernen würden. „Ich werde erst beim Arzt erfahren, wie weit ich bin.“
„Glaubst du, du bist in unseren Flitterwochen schwanger geworden?“, wollte Daniel wissen.
„Das hoffe ich“, erwiderte Emily grinsend, während sie sich genau an ihre Liebesspiele erinnerte und wusste, dass sie ihre gemeinsame Zeit in den Flitterwochen niemals vergessen würde.
Daniel wurde still. „Sollen wir es den Leuten sagen? Unseren Freunden. Den Angestellten.“ Dann fügte er mit leiser Stimme hinzu: „Unseren Müttern.“
Emily seufzte. Darüber hatte sie auch schon nachgedacht. Keine ihrer Mütter nahm aktiv an ihrem Leben teil. Beide hatten schwierige Persönlichkeiten und ihre Kinder in der Vergangenheit schwer enttäuscht, weshalb sie wohl auch als Großmütter versagen würden. Wenn sie ihre Probleme schon nicht in den Griff bekommen hatten, um zur Hochzeit ihrer Kinder zu kommen, welche Hoffnung bestand dann, dass sie im Leben ihres Enkelkindes eine aktive Rolle spielen würden?
„Lass uns noch nicht darüber nachdenken“, sagte Emily. „Ich will zumindest ein paar Wochen lang glücklich sein. Schaffen wir das?“
Daniel nickte und wandte seinen Blick zur Decke. Emily hatte den Eindruck, dass er ein wenig zurückhaltend und reserviert wirkte. Sie hoffte, dass das nur mit seiner Mutter zu tun hatte, und mit nichts anderem. Trotzdem sorgte sie sich darum, dass seine Stimmung einen anderen Auslöser hatte. Vielleicht freute er sich doch nicht so über die Schwangerschaft. Immerhin hatte er ihr gemeinsames Kind planen wollen. Vielleicht war er enttäuscht, dass es einfach so passiert war?
Emily beschloss, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen. Sie hoffte, dass Daniel ihr irgendwann von alleine von seinen Problemen erzählen würde. Sie sorgte sich ja schließlich auch über ihre Muttereigenschaften, die Gesundheit des Kindes, die Zukunft und sogar über die aktuelle Lage auf der Welt, in die das Kind bald hineingeboren würde! Es gab so viele Dinge, die ihr Kopfzerbrechen bereiteten und es würde Zeit brauchen, bis sie beide damit zurechtkamen.
Sie kuschelte sich unter die Decken, während sich ihre Gedanken immer noch unaufhörlich um die Zukunft drehten. Würden sie einen Sohn oder eine Tochter bekommen? Hätte das Kind blonde Haare wie Chantelle oder dunkle wie sie selbst? Es gab noch so viele Dinge zu bedenken.
Sie atmete in dem Versuch, sich zu beruhigen, tief durch. Es wäre am besten, eine Hürde nach der anderen zu bewältigen. Als erstes würde sie einen Termin bei einem Frauenarzt ausmachen.
Emily war so nervös wie ein Kind bei seinem ersten Schultag, als sie mit schwingenden Beinen auf der Untersuchungsliege der Frauenärztin saß. Daniel, der neben ihr auf einem harten Plastikstuhl saß, sah ebenfalls so aus, als würde er sich nicht wohl fühlen. An den mintgrünen Wänden hingen ärztliche Zertifikate sowie bunte Poster, die die unterschiedlichen Phasen der Schwangerschaft darstellten, und in der Luft lag der unangenehme Geruch nach Desinfektionsmittel. In den kommenden Monaten würde sie ihn noch oft riechen!
Die Tür schwang auf und Ärztin Rose Arkwright trat ein. Mit ihrem eleganten Äußeren machte sie auf Emily eher den Eindruck einer Anwältin als einer Ärztin. Allein die flachen Schuhe, der weiße Arztkittel und das Stethoskop, das um ihren Nacken hing, wiesen auf ihre eigentliche Beschäftigung hin.
Sie lächelte die beiden an, während sie ihr Klemmbrett neben dem Computer ablegte und sich an den Schreibtisch setzte.
„Mr. und Mrs. Morey?“, sprach sie die beiden an. „Zuerst möchte ich Sie beglückwünschen.“
Emily bemerkte ihr warmes Lächeln, als die Ärztin ihnen mit angenehmem Druck die Hand schüttelte. Emily hatte den starken Eindruck, dass Doktor Arkwright eine intelligente und schliche Frau war. Schon gleich fühlte sie sich in ihren Händen sehr sicher.
„Vielen Dank“, sagte Daniel mit schüchternem Lächeln. „Wir freuen uns riesig.“
Emily stimmte es glücklich, ihn so etwas sagen zu hören, denn sie war sich nicht sicher, wie er zu der ganzen Sache stand, da er am Tag zuvor noch so schockiert und gestresst gewirkt hatte.
„Sollen wir dann gleich anfangen?“, schlug Doktor Arkwright vor. Sie blätterte die erste Seite um und sah dann Emily an. „Ich muss Ihnen leider sehr viele detailreiche Fragen stellen. Formulare, Formulare und noch mehr Formulare.“
„Kein Problem“, erwiderte Emily. „Schießen Sie los.“
„Als erstes müssen wir bestimmen, wie lange Sie schon schwanger sind. Bekommen Sie Ihre Periode normalerweise regelmäßig?“
Emily nickte. „Meine letzte war erst kurz vor unserer Hochzeit. Also vor etwa acht Wochen.“
„Dann ist dies vielleicht ein Flitterwochen-Baby?“, meinte Doktor Arkwright mit einem Lächeln. „Wie romantisch.“
Emily errötete.
Doktor Arkwright fuhr fort. „Wir setzen den Geburtstermin anfangs um die achtunddreißig bis zweiundvierzig Wochen nach dem Ende der letzten Periode an. Das bedeutet, dass wir uns um den elften Dezember bewegen.“
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